Der Fall Ronny Rieken "Er ist schlicht und einfach nur böse"

Ronny Rieken gilt als einer der kaltblütigsten Täter der deutschen Justizgeschichte. In den neunziger Jahren entführte, missbrauchte und tötete er zwei Mädchen, etliche weitere vergewaltigte er - Mitleid war ihm fremd. Eine TV-Dokumentation zeigt nun: Seither hat sich wenig geändert.

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Hamburg - Die Legende kommt immer wieder von neuem auf: Ronny Rieken ist im Hochsicherheitstrakt der Justizvollzugsanstalt Celle von Mitgefangenen ermordet worden. Die Folge brachialer Folter, weil Kindermörder in der Gefängnishierarchie ganz unten stehen. Die Geschichten, wie er gestorben sein soll, unterscheiden sich - nur in einem nicht: Er endete würdelos. Mit der Klobürste im Hals, Unmengen Seife im Hintern oder nackt tot geprügelt.

Doch Ronny Rieken ist bei bester Gesundheit. "Seit er im Gefängnis sitzt, kursiert immer wieder das Gerücht, er sei umgebracht worden. Die Abstände werden nur größer. Anfangs hörte man das alle paar Wochen, jetzt alle drei Monate", sagt Rechtsanwalt Rolf-André Sauerwein SPIEGEL ONLINE, einst Riekens Pflichtverteidiger. Der Mädchenmörder habe sich schon in der U-Haft durchgesetzt. Auch unter all den Schwerverbrechern in Celle genieße er seit Jahren einen guten Ruf, von Schikane oder Folter keine Spur.

Der Fall Ronny Rieken hatte die Nation aufgewühlt: Jahrelang war er durch das Oldenburger Land gefahren - auf der Jagd nach Mädchen, an denen er sich vergehen konnte. Er tötete die elf Jahre alte Christina Nytsch und die 13-jährige Ulrike Everts, nachdem er beide auf äußerst brutale Weise missbraucht, gedemütigt und gequält hatte. 14 weitere Mädchen vergewaltigte der gelernte Maschinenbauer. Wie viele Kinder er noch im Visier hatte, ist bis heute nicht geklärt.

Der Name Ronny Rieken steht für einen der großen Kriminalfälle Deutschlands: Um ihn zu fassen, rief die Polizei zum größten DNA-Massentest aller Zeiten auf. Seine Eiseskälte schockierte Profiler und Ermittler. "Er ist schlicht und einfach nur böse", sagt Sauerwein über seinen Mandanten. "Er kann Gefühle anderer nicht nachempfinden." Für die ARD-Dokumentation "Ronny Rieken - der Mädchenmörder", die heute Abend ausgestrahlt wird (siehe Kasten), haben sich die Autoren Annette Baumeister und Jobst Knigge mit ihm unterhalten.

Rückblick: Am 16. März 1998 wird Christina Nytsch, die vom Schwimmbad nach Hause radelt, überfallen. Ihr Vater, der sich sorgt, weil sie nicht pünktlich nach Hause kommt, findet ihr Fahrrad am Straßenrand. Von der Elfjährigen keine Spur. Verzweifelt wenden sich ihre Eltern via Fernsehaufruf an den Täter - und appellieren an dessen Menschlichkeit. "Lass unser Kind frei. Du zerstörst unsere Familie und vor allem das Leben unseres Kindes."

Zu diesem Zeitpunkt ist Christina längst tot. Ihr Mörder hat sich kaum Mühe gegegeben, ihren Leichnam zu verstecken. Es beginnt die größte Suchaktion nach einem vermissten Kind in Deutschland. Sechs Tage nach ihrem Verschwinden finden Jäger die nur dürftig mit Ästen bedeckte Leiche der Elfjährigen, 20 Kilometer von ihrem Elternhaus entfernt. Ihr Körper ist von Hämatomen übersät. Sie wurde sechs Mal vergewaltigt.

Der Täter hat DNA-Spuren hinterlassen, die bereits gespeichert sind. Es ist derselbe Mann, der zwei Jahre zuvor ebenfalls im Landkreis Cloppenburg eine Neunjährige brutal missbrauchte. Die Polizei sucht nach einem Serientäter. Er muss unter 30 Jahren sein und aus der Gegend stammen. Schnell vermuten die Fahnder: Jener Serientäter hat auch Ulrike Everts entführt. Die 13-Jährige ist seit dem 11. Juni 1996 spurlos verschwunden. Sie war allein mit einer Ponykutsche am Dorfrand von Habern entlanggefahren.

98 Prozent der Männer nehmen am DNA-Massentest teil

Die Polizei organisiert den bis dahin weltweit größten Speichelprobentest. 16.400 Männer fallen ins Raster: Sie sind zwischen 18 und 30 Jahren und leben in der Region. Das Verfahren ist rechtlich umstritten. Doch in Deutschland ist Wahlkampf: Innenminister Manfred Kanther (CDU) und Kanzlerkandidat Gerhard Schröder (SPD) unterstützen den Aufruf. Die Männer sollen freiwillig Proben abgeben. 98 Prozent der Männer nehmen teil - auch Ronny Rieken. Mitglieder aus seiner Familie holen ihn am Karfreitag ab.

Die Auswertung des größten DNA-Massentests dauert 50 Tage, dann vermeldet das Labor des Landeskriminalamtes einen Treffer: Die Nummer 3889 ist der Täter. Mehrere Streifenwagen fahren nach Elisabethfehn - ein kleiner Ort im Nordwesten Niedersachsens, der zur Gemeinde Barßel gehört. Ronny Rieken mäht gerade den Rasen. Widerstandslos lässt er sich festnehmen. "So vom Gefühl her wusste ich morgens schon, dass die kommen, mich zu holen, und dieses Rasenmähen hab ich nur deshalb gemacht, weil ich nicht wollte, dass der Rasen so verkommen aussieht, wenn die ganze Presse und alles auftaucht", sagt Ronny Rieken im Gespräch mit den Filmautoren Annette Baumeister und Jobst Knigge.

Am selben Abend gesteht er den Mord an Christina Nytsch und die Vergewaltigung des neunjährigen Mädchens. Er habe letztere nur laufen lassen, weil sie "so geheult" habe. Zu der vermissten Ulrike Everts äußert er sich nicht.



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