Der Fall Thies F. "Ich werde meinen 30. Geburtstag nicht überleben"

Das Ehepaar H. hielt sich den geistig behinderten Thies F. wie einen Leibeigenen, kassierte dessen Sozialhilfe und misshandelte ihn schwer: Vor dem Landgericht Kassel hat nun erstmals ein Zeuge die letzten qualvollen Wochen im Leben des 29-Jährigen geschildert - und das Paar schwer belastet.

Aus Kassel berichtet


Kassel - Jahrelang hat Alexander E. geschwiegen - aus Selbstschutz und aus Angst. Nun bricht der 35-Jährige vor dem Landgericht Kassel erstmals seit seiner Festnahme im Jahr 2005 sein Schweigen und schildert das qualvolle Lebensende des getöteten Thies F.

Auf der Anklagebank sitzen Werner und Michaela H. Der 44-Jährige trägt einen blau-roten Trainingsanzug, seinen rechten Unterarm ziert eine großflächige Tätowierung. Sein blondes Haar ist schütter, tiefe Furchen verleihen ihm eine herbe Physiognomie. Seine mittlerweile von ihm getrennte Frau Michaela hat dunkelbraunes, schulterlanges Haar. Sie sitzt keine 50 Zentimeter von Werner H. entfernt, würdigt ihn jedoch keines Blickes. Gelangweilt spielt die 40-Jährige mit einem perlmuttfarbenen Rosenkranz.

Zum zweiten Mal steht das Paar vor Gericht, weil es den geistig behinderten F. in ihre Obhut nahm, ihn ausbeutete und sich ihn als Sklaven hielt. Laut Anklageschrift ließen die beiden den 29-Jährigen hungern, schickten ihn auf den Strich und schlugen ihn schließlich tot.

Das Landgericht Kassel verurteilte Werner H. am 29. Juni 2007 zu acht Jahren und drei Monaten Haft wegen gefährlicher Körperverletzung und versuchten Mordes durch Unterlassen, Michaela H. bekam vier Jahre. Rechtsanwalt Bernd Pfläging aus Kassel, der in dem Verfahren Thies' Mutter vertritt, legte daraufhin Revision ein. Der Bundesgerichtshof (BGH) gab ihm Recht, hob die Urteile auf. Laut BGH kommt in diesem Fall eine Verurteilung wegen Totschlags oder Mordes in Betracht.

"Auf ihm lastet großer Druck"

Es ist der Schwurgerichtskammer unter dem Vorsitzenden Richter Dreyer anzumerken, dass sie das Verfahren gerne abgekürzt und einen ausschweifenden Prozess vermieden hätte. Feinfühligkeit oder Ernsthaftigkeit bei der Befragung von Alexander E., einem der wichtigsten Zeugen in diesem Fall, erwartet man am heutigen Mittwoch vergebens.

Alexander E., einstiger Freund des Ehepaars, war im ersten Prozess zu zwei Jahren auf Bewährung wegen Beihilfe verurteilt worden. Ein Jahr lang saß er in Untersuchungshaft. Seine Strafe ist damit abgegolten, die Furcht jedoch geblieben. "Er fühlt sich verängstigt. Auf ihm lastet großer Druck, hier auszusagen", sagt sein Rechtsanwalt, mit dem E. am Mittwoch im Zeugenstand erscheint. Doch der 35-Jährige will auspacken.

Als E. im Februar 2003 Thies F. kennenlernt, hat dieser bereits Monate eines entwürdigenden Lebens bei der Familie H. in Grebenstein-Udenhausen im Landkreis Kassel hinter sich. Doch davon ahnt E. nichts. Jahrelang hatte er seinen Kumpel Werner H. aus den Augen verloren. Erst jetzt, als dieser mit dem eingeschüchterten Thies vor seiner Tür steht, nähern sich die beiden Männer wieder an.

Sofort fällt E. auf, dass Thies immer nur Werner H. anschaut; nur spricht, wenn dieser es ihm erlaubt; dass er regelrecht pariert. "Der wohnt bei uns", erklärt H. seinem Kumpel, wie dieser nun vor Gericht sagt. "Der weiß sonst nicht wohin." E. schöpft zunächst keinen Verdacht. Doch dann beginnen die Männer, sich nahezu jeden Tag zu treffen. Und schnell fallen E. "blaue Flecken und leichte Blessuren" an Thies auf. E. fragt nach. "Der hat den Drang, sich selbst zu verletzen und ist schon mehrmals die Treppe hinuntergefallen", antwortet Werner H.

"Der hat halt Probleme, sich zu waschen."

Irgendwann fallen E. an Thies auch Schmutzränder an Hals, Armen und Beinen auf. Auch da fragt E. nach und gibt sich mit der lapidaren Antwort zufrieden: "Der hat halt Probleme, sich zu waschen."

Da begreift E., dass Thies wie ein Sklave in der Familie H. gehalten wird. Auf Schritt und Tritt begleitet er den gewalttätigen Werner H. Wie ein räudiger Hund sitzt er im Auto immer auf der Rückbank, links hinter dem Fahrersitz. Er muss in einem Zelt im Garten schlafen, mit einem Plastikeimer als Toilette, und aus der Regentonne trinken. An jedem ersten des Monats hebt H. die 535 Euro Sozialhilfe von Thies' Konto ab, wenn das Geld aus ist, schickt er ihn auf den Strich.

Grundlos und "aus heiterem Himmel" prügelt H. nach Angaben von E. auf Thies ein. "Er verdrosch ihn mit Händen und Füßen, manchmal flog ein Schemel durch die Wohnung." Einmal soll sich H. mit beiden Füßen auf Thies' Hals gestellt haben, bis dieser blau anlief. Thies schrie vor Schmerz, H. vor Wut. "Ich war oft genug dabei, wenn Thies von H. vertrimmt wurde." Eingeschritten sei er nicht.

Auch nicht, als H. laut E. seine Kinder aufforderte, Thies zu malträtieren. "Sein Sohn musste Thies an dessen Genitalien ziehen, bis er schrie." Folgten die Kinder nicht, setzte es Prügel.

Maden im Fleisch

Thies Verfall begann Mitte April, also rund sechs Wochen, nachdem er ihn kennengelernt habe, erzählt E. vor Gericht. Thies bekam nichts zu essen, nahm rapide ab. Seine Knochen standen hervor. Einmal stibitzte er in der Nacht, als alle schliefen, ein Steak aus dem Kühlschrank. Zunächst registrierte das keiner. Dann entdeckte H. in einem Zimmer einen Steakrest, längst verfault, von Maden belagert. Er legte es samt Getier auf einen Teller und zwang Thies, das verdorbene Fleisch mit Messer und Gabel zu verzehren. "Der war so eingeschüchtert, dass er das faule Fleisch aß", so E.

Thies befolgte jeden noch so absurden Befehl, zählte gar die Erbsen für die Erbsensuppe, wenn H. es von ihm verlangte. Die meiste Zeit musste er mit nacktem Oberkörper auf einem Schemel im Flur, direkt hinter der Haustür, ausharren. "Da saß er jeden Tag stundenlang. Man konnte die Haustür nicht öffnen", erinnert sich E. Um eintreten zu können, habe man ihn erst auffordern müssen, zur Seite zu gehen.

Thies' Körper war übersät von Hämatomen, Schwellungen und offenen Wunden. Im Freibad sprach ihn der Bademeister an, forderte den geschundenen jungen Mann auf, seine Verletzungen zu bedecken und nicht mehr ins Wasser zu gehen. Badegäste hätten sich beschwert. Die Polizei rief niemand.

Es habe Gelegenheit zur Flucht gegeben, sagt E. Warum nur verließ Thies dann die Familie nicht? Warum alarmierte er nicht die Polizei? "Er hatte Angst, abzuhauen", so E. Einmal habe es Thies im Jahr 2002 versucht, erzählt E., aber H. habe ihn aufgespürt, zurückgeschleppt und ihm gedroht: "Ich kriege dich, egal, wo du bist."

Gewaltexzesse gegen einen Wehrlosen

Eine Woche vor seinem Tod spürte Thies, dass sein Körper den täglichen Gewaltorgien nicht mehr standhalten konnte. "Ich werde meinen 30. Geburtstag nicht überleben", vertraute er E. an. Unterhalb seiner Lippe hatte er zu diesem Zeitpunkt ein tiefes Loch, durch das man in den Mundraum sehen konnte, sein Körper war von schweren Verletzungen und Beulen gezeichnet.

Wenige Tage nach Thies' Prophezeiung gipfelten die Gewaltexzesse in einer brutalen Orgie. H. prügelte wie von Sinnen auf Thies ein, bis der Holzschemel, auf dem er immer sitzen musste, auf seinem Kopf zerbrach. Den Schwerverletzten legte das Ehepaar H. auf eine Couch und überließ ihn sich selbst.

Ihren Freund E. weihten sie erst drei Tage später ein. E. wunderte sich bereits, dass die Haustür - anders als sonst - problemlos aufging. Im oberen Stockwerk zeigten ihm die H.s den vor Schmerzen wimmernden Thies, nur mit einer Unterhose bekleidet. "Er sah schlimm aus: Sein Körper zeigte alle Farbschattierungen auf. Ich habe einen großen Schrecken bekommen." Seine Wunden seien so tief gewesen, dass sie mehrere Handtücher durchbluteten. "Er sah aus als hätte ihn ein Panzer angefahren. Sein rechtes Ohr hing nur noch an einem Zipfel." Der Kopf war so sehr geschwollen, dass man einen Augapfel gar nicht mehr sah.

"Das Geld geht sonst flöten"

E. will mit seiner damaligen Lebensgefährtin vorgeschlagen haben, Thies in ein Krankenhaus zu bringen. H. habe sich zunächst geweigert. "Wenn das rauskommt, nehmen sie uns die Kinder weg", soll er gesagt haben und: "Das Geld geht sonst flöten."

Zu viert ziehen sie Thies an, schleppen ihn zum Auto. Ihm selbst sagen sie: "Wir fahren zu deiner Mama!" Das habe dem 29-Jährigen Kraft gegeben. Die ersten zwei Schritte konnte er gar selbst gehen. Doch dann sackte er weg, musste getragen werden. "Er röchelte nur noch und sagte 'Mama'."

Zweimal verlässt Thies' Mutter Helga F. während der Verhandlung am Mittwoch weinend den Saal 119, weil sie die Details nicht länger erträgt.

E. will nichts davon mitbekommen haben, dass H. gar nicht die Absicht hatte, Thies in eine Klinik zu bringen. Während der Fahrt starb Thies. "Auf einmal hatte er keinen Puls mehr", sagt E. Man habe ihn dann gemeinsam nahe Eisenach an der Autobahn auf einem Parkplatz abgelegt. Es war mittlerweile nach Mitternacht.

Thies war soeben 30 Jahre alt geworden.



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