Der Fall Thies F. In sklavenähnlicher Haltung

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2. Teil: Holzschemel auf den Kopf geschlagen, bis er zertrümmert


Erst drei Jahre später erfährt Helga F., welche Gewaltexzesse und Demütigungen ihr Sohn ertragen musste: Am 6. Juli 2003 prügelt Werner H. den Akten zufolge grundlos zunächst mit den Fäusten auf Thies ein, schnappt sich dann einen Schemel und schlägt diesen so lange auf Thies' Kopf, bis der Holzhocker zerbricht. Thies erleidet schwere Knochenbrüche am Kopf und im Gesicht. Er kann sich nicht mehr bewegen.

Eineinhalb Tage lassen die H.s den blutenden Schwerstverletzten liegen. Irgendwann verliert Thies das Bewusstsein. Am Abend des 7. Juli rufen sie ein befreundetes Paar an, Alexander E. und Jennifer K. Gemeinsam entscheiden sie, Thies auszusetzen. Zuvor schneiden sie ihm noch ein Ohr ab. Michaela H. soll es danach auf einem Grill verbrannt haben.

In der Nacht zum 8. Juli, Thies' 30. Geburtstag, schleppen sie den Schwerverletzten gegen 22.30 Uhr in den VW-Bus der Familie. "Er hatte Tränen in den Augen und sagte, dass er noch einmal seine Mama sehen wollte", sagte Jennifer K. im ersten Prozess.

Während der Fahrt erliegt Thies seinen Verletzungen. Den Leichnam wirft das Quartett in der Nähe eines Parkplatzes an der B 7 bei Lengröden hinter einen Holzstapel.

Zehn Tage später, am 18. Juli, wird Thies' Leichnam entdeckt. Er landet als "unbekannter Toter" in der Gerichtsmedizin von Jena. Mehr als zwei Jahre lang erfährt Helga F. nicht, was mit ihrem Sohn, den sie längst als vermisst gemeldet hat, passiert ist. "Thies war sehr religiös, ich klammerte mich immer wieder an alle möglichen Geschichten und hab mir sogar gesagt, er könnte in ein Kloster gegangen sein." Mit Zeitungsannoncen und der Hilfe des Roten Kreuzes habe sie versucht, ihn zu finden.

Erst als Jennifer K. die Schuld quält, und sie schließlich zur Polizei geht, kann Thies identifiziert und das Ehepaar H. angeklagt werden.

Starb Thies F. durch "aktives Handeln"?

Werner H. wird vom Landgericht Kassel wegen gefährlicher Körperverletzung und versuchten Mordes durch Unterlassen zu acht Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Seine Frau Michaela zu vier Jahren. Der Vorsitzende Richter begründete das Urteil damit, dass Thies F. nicht durch "aktives Handeln" zu Tode gekommen sei, sondern durch Unterlassen.

Rechtsanwalt Bernd Pfläging, der Helga F. als Nebenklägerin bereits im ersten Verfahren vertrat, legte Revision gegen das Urteil ein. Der Bundesgerichtshof gab ihm Recht. Die Begründung der BGH-Richter lautete: "Die Beweiswürdigung enthält in verschiedener Hinsicht Lücken und ist deshalb rechtsfehlerhaft." Zudem müsse sowohl der Verstoß gegen § 227 Abs. 1 StGB (Misshandlung von Schutzbefohlenen) sowie des § 221 Abs. 1, 3 StGB (Aussetzung) geprüft werden.

Wegen der brutalen Schläge, mit denen Werner H. Thies F. schwer verletzt hatte, kommt laut BGH jedoch eine Verurteilung wegen Totschlags oder wegen Mordes in Betracht. Dann sind Strafen bis zu 15 Jahre möglich - und auf Mord steht zwingend lebenslang.

Helga F. betet, dass die Menschen, die Thies' Tod verursacht haben, wegen Mordes verurteilt werden. Alle zwei, drei Monate fährt sie zu der Stelle, an der ihr Sohn wie Müll aus dem Auto geworfen wurde. Noch immer spart die mittellose 56-Jährige, um ihren Sohn von Thüringen nach Kassel zu überführen. "Wenn er schon in meiner Nähe sterben musste, soll er wenigstens auch in meiner Nähe beerdigt werden."



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