Der Mann, der die Hitler-Puppe köpfte "War es die Sache wert?" - "Nein"

Kaum war die Schau bei Tussauds in Berlin eröffnet, war die umstrittene Hitler-Wachsfigur schon enthauptet: Ein 41-jähriger Berliner ist der Täter. Er soll früher Polizist gewesen sein. Zu SPIEGEL TV sagte er, keine Unterstützer gehabt zu haben. Auf die Frage nach drohenden Konsequenzen antwortete er: "Ne Menge Geld".


Berlin - Artig soll er eine Stunde angestanden haben, bis die dritte Tussauds-Niederlassung in Europa endlich ihre Tore öffnete: Dann marschierte der 41-Jährige entschlossen zu der umstrittenen Nachbildung des Diktators, drängte zwei Wachmänner energisch zur Seite, kletterte über den Schreibtisch, an der die Hitler-Puppe saß, rief "Nie wieder Krieg" und riss ihr mit voller Wucht den Kopf ab.

Der Mann soll ein ehemaliger Polizist aus Berlin-Kreuzberg sein. Das meldet das Internet-Portal die "Berliner Morgenpost" unter Berufung auf das persönliche Umfeld des Mannes. Er sei zurzeit arbeitslos und lebe von Hartz IV. Nebenbei jobbe er in der Altenpflege. Der ehemalige Polizist habe vor Jahren seinen Dienst bei der Behörde quittiert, weil er nach einer Maidemonstration festgestellt habe, dass er auf die "andere Seite gehöre".

Zu SPIEGEL-TV sagte der Mann, ohne Unterstützer gehandelt zu haben. Auf die Frage nach drohenden Konsequenzen antwortete er: "Ne Menge Geld". Wieviel genau da auf ihn zukomme, wusste er nicht zu sagen. Auf die Frage: "War es die Sache wert?" sagte er nur: "Nein". Warum er die Figur zerstörte, wollte er nicht preisgeben: "Dazu werde ich mich schriftlich äußern." Mehr sendet SPIEGEL TV am Sonntag um 22.25 Uhr bei RTL.

Ein 32 Jahre alter Wachmann des Museums hatte noch versucht, den aufgebrachten Berliner von seiner Aktion abzuhalten, da schlug ihn dieser nieder und vollendete sein Werk. Nach ersten Erkenntnissen wollte der in Kreuzberg wohnende Mann gegen die Ausstellung demonstrieren, erklärte die Polizei auf einer hastig einberufenen Pressekonferenz auf dem Bürgersteig in der Nähe des Wachsfigurenkabinetts.

Der Staatsschutz ermittle nun wegen Sachbeschädigung und Körperverletzung, sagte ein Sprecher SPIEGEL ONLINE. Der Mann sei wegen "kleinerer Delikte" vorbestraft - unter anderem wegen Schwarzfahrens. Die Sprecherin des Museums, Natalie Ruoß, konnte sich den Vorfall nicht erklären. "Es waren zwei Sicherheitsmänner vor Ort, die es aber nicht verhindern konnten", sagte sie.

Die 200.000 Euro teure Figur lag nach dem Attentat zerstört am Boden. Der rabiate Besucher wurde festgenommen, am Nachmittag aber wieder freigelassen. Der ramponierte Wachs-Hitler wurde abtransportiert.

Das Museum blieb geöffnet. Museumssprecherin Ruoß ließ offen, ob die Figur wieder in die Ausstellung zurückkommt. Das hänge auch "vom Ausmaß des Schadens ab".

Viele Leute zeigten am Samstag Verständnis für den Störenfried oder spotteten über die Panne. "Endlich hat ein Hitler-Attentat geklappt", sagte etwa der Publizist und SPIEGEL-Autor Henryk M. Broder. Der Berliner SPD-Abgeordnete Frank Zimmermann begrüßte die Attacke. "Es ist schon eher eine Kunst, Hitler den Kopf abzureißen, und weniger eine Kunst, Hitler überhaupt aufzustellen", sagte Zimmermann.

Der 41-jährige Täter sei der zweite Gast überhaupt gewesen, der nach der Eröffnung um 10 Uhr der ersten deutschen Filiale von Madame Tussauds nahe dem Brandenburger Tor gekommen war, berichtete Museumsmitarbeiter Stephan Koch. Demnach entging den meisten Besuchern, die zum Teil lange Wartezeiten in Kauf nahmen, das Betrachten jener Figur, um die es im Vorfeld die meiste Aufregung gegeben hatte.

Trotz der Diskussion wurde die Hitler-Figur von der Museumsverwaltung für die Ausstellung in einem Diorama plaziert, das den Führerbunker im Jahr 1944 darstellt. Im Gegensatz zu den übrigen 74 Exponaten durften die Besucher die Plastik des Diktators nicht fotografieren und berühren.

In Hamburg steht Hitler-Puppe seit 1948 unbeschädigt

Im Hamburger Panoptikum stört sich dagegen seit 60 Jahren kaum jemand an einem dort ausgestellten, wächsernen Diktator. "Die meisten Besucher haben keine Probleme damit", sagte der Chef des ältesten Wachsfigurenkabinetts Deutschlands, Hayo Faerber. Für sie sei Hitler eine Figur der Zeitgeschichte.

"Bei uns hat es noch nie Beschädigungen gegeben", versicherte der 61-jährige Faerber. Dabei steht die 1941 modellierte Figur Adolf Hitlers seit 1948 in dem Wachsfigurenkabinett an der Reeperbahn. "Ursprünglich hatte das Propaganda-Ministerium dem Panoptikum verboten, den Hitler aufzustellen. Vermutlich fürchteten sie eine Degradierung ihres Führers." So wurde die Wachspuppe zunächst eingelagert und konnte erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges präsentiert werden.

Die jährlichen Umfragen bei Besuchern zeigen, dass es kaum negative Reaktionen auf den Wachs-Diktator gibt. "Nur ein bis zwei von tausend Gästen echauffieren sich über das Hitler-Abbild", sagte Faerber. In dem 1879 eröffneten Panoptikum sind auch Figuren anderer NS-Verbrecher wie Joseph Goebbels und Hermann Göring, aber auch von Widerstandskämpfern wie den Geschwistern Scholl zu sehen.

In London steht seit 1933 eine Hitlerfigur bei Madame Tussauds - sie wurde schon mehrmals beschädigt. Die Puppe steht nach Angaben der BBC seit 2002 dennoch nicht mehr hinter Glas. So war sie 60 Jahre lang vor Angriffen von Besuchern geschützt worden. Viele hatten die Figur bespuckt oder auch mit Eiern beworfen.

Nach Angaben des Museums war keine andere Wachspuppe so oft Ziel von Attacken. So war der Diktator lange die meistgehasste Figur im Londoner Wachsfigurenkabinett, wie aus einer internen Umfrage des Museums hervorging. Im Jahr 2002 übernahm Osama Bin Laden die Führung.

Altkanzler Kohl droht Madame Tussauds mit Anwalt

Unterdessen zeigte sich Altbundeskanzler Helmut Kohl verärgert darüber, dass seine Nachbildung im Berliner Tussauds-Kabinett ohne seine Einwilligung steht. Kohls Büroleiter bestätigte eine entsprechende Meldung der "Bild"-Zeitung. Darin wurde Kohl mit den Worten zitiert: "Ich habe dazu nie mein Einverständnis gegeben."

Zwar habe er der Museumsleitung im Vorfeld ein grundsätzliches Einverständnis signalisiert, dies aber an Bedingungen geknüpft: ein gewisses Mitspracherecht, seine Zustimmung zur Figur, Rücksicht auf seinen Genesungsprozess. Damit verbunden gewesen sei die Bitte, die Figur nötigenfalls erst später im Jahr in die Ausstellung aufzunehmen. Er wolle die Sache jetzt seinem Anwalt übergeben, betonte Kohl.

Die Berliner Tussauds-Managerin Susanne Keller sagte hingegen der "Bild"-Zeitung: "Ich gehe davon aus, dass Kohl sein Einverständnis gegeben hat. Deshalb steht er hier bei uns."

Die deutsche Niederlassung ist weltweit die achte Filiale von Madame Tussauds, die dritte in Europa. Es zeigt auf 2500 Quadratmetern und zwei Etagen Figuren aus Politik, Sport und Showbusiness. Unter den nachgebildeten Persönlichkeiten sind Marlene Dietrich, Albert Einstein, Uwe Seeler, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Sängerin Nina Hagen und Moderator Günther Jauch, Hildegard Knef, Ludwig van Beethoven und Sigmund Freud.

Ausgestellt werden außer toten und lebenden deutschen Prominenten auch internationale Stars wie die Beatles sowie das Hollywood-Paar Brad Pitt und Angelina Jolie. Der Eintritt kostet 18,50 Euro. Gerechnet wird mit mindestens 300.000 Besuchern pro Jahr.

Mehr zum Vorfall bei SPIEGEL TV am Sonntag, 22.25 Uhr, RTL

jjc/dpa/ddp/AP/AFP



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