Auftragskiller Júlio Santana: Sein Mitgefühl hat ihn nie vom Töten abgehalten

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Júlio Santana tötete fast 500 Menschen, darunter Minderjährige: 30 Jahre lang arbeitete er als Auftragsmörder. Der brasilianische Autor Klester Cavalcanti hat die Geschichte des Killers aufgeschrieben. "Er wollte das Geld, es ist eine Frage von Habgier", sagt Cavalcanti im Interview.

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Mordopfer in Brasilien: Júlio Santana bat nach seinen Taten Gott um Vergebung

Júlio Santana folgte seinem Opfer vom Markt bis nach Hause, der Mann ging hinein, Santana blieb draußen. Dann rief er den Namen des Gemüsehändlers, er habe eine Nachricht für ihn. Der Mann öffnete ein Fenster, Santana zögerte nur kurz, schoss ihm dann in den Kopf und stürzte durchs Dickicht davon.

Der Gemüsehändler hatte hohe Schulden, das war sein Todesurteil. Sein Gläubiger hatte Santana angeheuert, einen Mann, für den das Töten Berufsalltag ist. Drei Jahrzehnte lang verdiente er als Killer seinen Lebensunterhalt, knapp 500 Menschen hat er nach eigenen Angaben umgebracht.

Der brasilianische Journalist Klester Cavalcanti hat die "wahre Geschichte des Auftragsmörders" aufgeschrieben. Nun ist sein Porträt erstmals auch in deutscher Sprache erschienen.

Bevor er ihn treffen konnte, hatte Cavalcanti sieben Jahre lang nur telefonischen Kontakt zu Santana. Etwa einmal pro Monat sprach der Journalist mit dem Mörder, manchmal eine Stunde, manchmal zwei. Schließlich hatte er sein Vertrauen gewonnen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Cavalcanti, wie war das erste Treffen mit dem Pistoleiro?

Cavalcanti: Ich verbrachte drei Tage in seinem Haus. Er wirkte sehr ruhig und ausgeglichen und stets liebevoll im Umgang mit seiner Frau und seinen Kindern.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann ein Mann Hunderte Menschen töten und gleichzeitig ein liebevoller Familienvater sein?

Cavalcanti: Das weiß ich auch nicht. Ich kann es mir nur so erklären: Für ihn war Leute töten nichts als ein Job, ohne Gefühle.

SPIEGEL ONLINE: Der Mann soll 500 Menschen ermordet haben. Hatten Sie keine Angst?

Cavalcanti: Nein, ich war eigentlich immer ruhig, auch als ich ihn persönlich getroffen habe. Ich mache keinen Unterschied, ob ich mit einem Priester, einem Anwalt, einem Taxifahrer oder einem Killer spreche. Ich behandele alle gleich.

SPIEGEL ONLINE: Kam Ihnen nicht in den Sinn, dass er Sie vermutlich ohne zu zögern erschossen hätte, wenn ihn jemand beautragt hätte?

Cavalcanti: Ein Freund sprach mit mir genau darüber. Aber ich hielt es für sehr unwahrscheinlich, dass jemand ihn auf mich ansetzen könnte. Wahrscheinlich wollte ich einfach nicht darüber nachdenken.

Die Geschichte beginnt in den siebziger Jahren im Herzen Brasiliens. Júlio Santana wächst in einfachen Verhältnissen auf. Eines Tages offenbart ihm sein Onkel, zu dem er ein enges Verhältnis hat, dass er als Killer arbeitet. Der Onkel bittet Júlio, einen Auftrag für ihn zu erledigen - und damit nimmt sein Leben eine unheilvolle Wendung.

Santana erschießt nach anfänglichem Zögern einen Fischer - ohne Geld dafür zu bekommen. Später unterstützt er das Militär am Rio Araguaia bei der Jagd auf Rebellen, er hilft mit seinen Fähigkeiten als Fährtenleser und Schütze. Cavalcantis Recherchen zufolge war Santana auch bei der Verhaftung des bekannten Politikers José Genoino dabei. Santana wird Zeuge der militärischen Gewalt und verroht zusehends. Er entschließt sich, mit seinem Onkel zusammenzuarbeiten und die gleiche Laufbahn einzuschlagen. Im Juli 1972 erschießt er den Gemüsehändler in der Stadt Açailândia.

SPIEGEL ONLINE: Nach dem ersten Mord sei er verstört gewesen, erzählte Santana Ihnen. Doch er wurde routinierter und mordete weiter und weiter. Warum?

Cavalcanti: Júlio Santana wollte, was sein Onkel hatte: ein größeres Haus, ein Boot, ein Motorrad, ein Leben in der Stadt. Er wurde aus finanziellen Gründen zum Killer. Es war nicht nur schlechter Einfluss. Er hätte aufhören können, wenn er gewollt hätte. Aber er wollte das Geld. Ich denke, es ist eine Frage von Habgier.

SPIEGEL ONLINE: Seine Auftraggeber, seinen Lohn, seine Opfer - all das hielt er penibel in einem kleinen Notizbuch fest.

Cavalcanti: Für mich zeigt das deutlich: Santana ist ein sehr organisierter und professioneller Mann.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach einem Buchhalter. Kannte er keine Gewissensbisse?

Cavalcanti: Er hatte Mitgefühl mit seinen Opfern. Und nach jeder Tat bat er Gott um Vergebung. Aber es hat ihn nie vom Töten abgehalten.

Júlio Santana bringt Frauen und Minderjährige um, Minenarbeiter und verschuldete Bankangestellte. Seinen Auftraggebern und Vermittlern gegenüber benutzt er Pseudonyme. Oft heuern ihn Gläubiger oder Ehemänner an, die sich betrogen fühlen. Bei der Vorbereitung eines Mordes in Teresina lernt er seine Frau kennen, die damals als Kellnerin arbeitet. Er gibt sich als Polizist aus. Von seiner wahren Identität erzählt er ihr erst Monate nach der Hochzeit.

SPIEGEL ONLINE: Warum wurde Júlia Santana nie geschnappt?

Cavalcanti: Einmal wurde er festgenommen. Aber seine Frau bestach den örtlichen Polizeichef mit einem Motorrad. Santana durfte gehen. Dazu kommt noch: Er hat auch für die Polizei Aufträge erledigt. Sie wollten ihn nicht ins Gefängnis stecken.

SPIEGEL ONLINE: Hat die Polizei Sie jemals kontaktiert, um Informationen zu bekommen?

Cavalcanti: Nie.

Júlio Santana hatte - auch weil seine Frau seit langem drohte, ihn zu verlassen - irgendwann genug vom Dasein als Auftragskiller. 2006 verkaufte er sein Haus und zog in einen anderen Bundesstaat. Von seinem Lohn als Killer lebt der 59-Jährige noch heute, hinzu kommen kleine Einnahmen aus dem Ackerbau. Santana hat zwei Kinder: Sein Sohn ist 21 Jahre alt, seine Tochter 18. Sein ältester Sohn starb 2004 bei einem Unfall. Santana ist überzeugt, das Unglück sei Gottes Strafe für seine Taten.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Buch erschien in Brasilien bereits 2006. Haben Sie noch Kontakt zu Júlio Santana?

Cavalcanti: Ja. Er ruft mich manchmal einfach an, um ein bisschen zu plaudern. Es geht ihm gut, er lebt jetzt auf einer kleinen Farm in einem sehr ruhigen Teil von Brasilien. Ich glaube, es ist für ihn eine kleine Notwendigkeit geworden, mit mir zu sprechen. Ich bin der einzige, mit dem er über sein altes und neues Leben reden kann.

SPIEGEL ONLINE: Seine Kinder haben angeblich keine Ahnung, wer ihr Vater wirklich war. Wird er ihnen jemals die Wahrheit erzählen?

Cavalcanti: Bis heute denken sie, er sei Polizist gewesen. Er sagte ihnen, er sei vor fünf Jahren pensioniert worden. Die Wahrheit will er ihnen auch weiter verschweigen.

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Buchtipp

Zur Person
  • Valdemir Cunha/ TRANSIT Buchverlag
    Klester Cavalcanti, 44 Jahre alt, ist einer der bekanntesten Journalisten Brasiliens. Er studierte an einer katholischen Privatuniversität in Recife und arbeitet als freier Autor. Im vergangenen Jahr wurde er in der syrischen Stadt Homs von Regierungstruppen verhaftet und sechs Tage lang eingesperrt - obwohl er ein gültiges Visum vorweisen konnte. Sein Buch über Júlio Santana ("O Nome da Morte") wurde mit dem brasilianischen Literaturpreis Prêmio Jabuti ausgezeichnet. Ein Film über das Leben des Pistoleiro ist in Arbeit.