Mord an Studentin in Dessau Sie tat, wie er befahl

In Dessau wurde eine chinesische Austauschstudentin vergewaltigt und getötet. Mittäterin Xenia I. bekam eine Jugendstrafe von fünfeinhalb Jahren Haft. Nun hat der Bundesgerichtshof in dem Fall entschieden.

Xenia I. vor Gericht in Dessau (August 2017)
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Xenia I. vor Gericht in Dessau (August 2017)

Von Wiebke Ramm


Sie war bloß joggen und fast schon wieder zu Hause, als die chinesische Architekturstudentin Yangjie Li auf die 20-jährige Xenia I. traf. Es war eine Zufallsbegegnung im Mai 2016 in Dessau. Xenia I. bat die Studentin, ihr beim Kistentragen zu helfen. Yangjie Li half. Es war eine Falle.

Im Haus wartete bereits Sebastian F. Noch im Treppenhaus fiel er über die 25-Jährige her, Yangjie Li wehrte sich. Vergeblich. Was folgte, war ein Martyrium: Das Paar zerrte die Chinesin in eine leer stehende Wohnung, wo sie über Stunden gequält und vergewaltigt wurde. Yangije Li war als Austauschstudentin in die Bauhaus-Stadt in Sachsen-Anhalt gekommen. Sie überlebte die Nacht nicht.

Nun hat der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe in dem Fall entschieden. Am Mittwochnachmittag bestätigte der 4. Strafsenat das Urteil des Landgerichts Dessau gegen Xenia I. Wegen sexueller Nötigung war sie im August 2017 zu einer Jugendstrafe von fünfeinhalb Jahren verurteilt worden. Vom Vorwurf des Mordes wurde sie von den Dessauer Richtern freigesprochen. Der BGH-Senat unter Vorsitz von Richterin Beate Sost-Scheible hat in dem Urteil keine Rechtsfehler feststellen können und die Revision von Nebenklage und Staatsanwaltschaft als unbegründet verworfen (Az. 4 StR 87/18).

Die Dessauer Richter waren zu der Überzeugung gelangt, dass Xenia I. im Auftrag ihres Freundes am 11. Mai 2016 die fremde Frau in die Wohnung gelockt hatte. Sebastian F. wollte Sex zu dritt und drohte, Xenia I. zu verlassen, wenn sie keine Frau herbeischaffte. Xenia I. tat, wie er befahl, und beteiligte sich auch an der Vergewaltigung von Yangjie Li. Schließlich ließ sie Sebastian F. mit der Frau allein.

Xenia I. ging in ihre gemeinsame Wohnung eine Etage höher zu ihren beiden Kindern. Sebastian F. soll ihr zuvor gesagt haben, dass er die Studentin gehen lassen werde. Laut Urteil soll er zu dem Zeitpunkt aber bereits entschlossen gewesen sein, Yangjie Li zu töten, um eine Entdeckung der Sexualstraftat zu verhindern. Er ermordete die junge Chinesin schließlich mit massiver Gewalt. Noch in derselben Nacht berichtete er Xenia I. von der Tat. Sie half ihm, die Leiche zu verstecken.

"Kontrolle über Xenia"

Alle Prozessbeteiligten hatten gegen das Urteil des Landgerichts Revision eingelegt. Die Eltern des Opfers und auch die Staatsanwaltschaft wollten erreichen, dass Xenia I. auch wegen Mordes verurteilt wird. Ihr Ziel war eine Aufhebung des Landgerichtsurteils und ein neuer Prozess. Die Bundesanwaltschaft schloss sich dem Bestreben der Staatsanwaltschaft nicht an.

Der Berliner Anwalt der Eltern von Yangjie Li, Sven Peitzner, sagte dem SPIEGEL: "Es muss sich Xenia I. aufgedrängt haben, dass ihr Freund Yangjie Li nicht am Leben lässt." Die Richter des Landgerichts begründeten ihr Urteil damals unter anderem damit, dass Sebastian F. auch Xenia I. bereits mehrfach gedroht hatte, sie umzubringen, ohne dass dies geschah. Sie habe daher auch nicht davon ausgehen müssen, dass er Yangjie Li töten werde. Für Anwalt Peitzner hinkt der Vergleich.

"Sebastian F. hatte Kontrolle über Xenia I. Er wusste, dass sie ihn weder verlassen noch anzeigen würde", sagte er. Yangjie Li aber kannte F. nicht. "Er musste im Falle ihrer Freilassung daher mit seiner umgehenden Festnahme rechnen", so Peitzner. "Unserer Ansicht nach wusste Xenia I. genau, was Sebastian F. vorhat."

Die Karlsruher Richter hatten bereits in der Hauptverhandlung Ende August durchscheinen lassen, dass sie das Dessauer Urteil nicht aufheben werden. "Der Familie war es wichtig, dass geklärt wird, wer für den Tod ihrer Tochter verantwortlich ist, und dass zumindest der Haupttäter eine deutliche Strafe erhält", sagte Anwalt Peitzner nach der BGH-Entscheidung: "Und das ist geschehen."

Das Urteil gegen Sebastian F. bestätigte der BGH bereits am Montag. Das Landgericht Dessau hatte F. wegen Mordes und Vergewaltigung zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt und zudem die besondere Schwere seiner Schuld festgestellt. F. wurde nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt. Die Richter folgten der Einschätzung eines psychiatrischen Gutachters, der bei ihm, anders als bei Xenia I., keine Reifeverzögerung feststellen konnte, die eine Verurteilung nach Jugendstrafrecht gerechtfertigt hätte.

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