Tod des Hamburger Austauschschülers Vier Schüsse auf Diren D.

Vier Schüsse feuerte Markus K. im US-Bundesstaat Montana auf den Hamburger Austauschschüler Diren D. ab - offenbar ohne große Vorwarnung. Der Schütze beruft sich auf ein umstrittenes Gesetz zur Selbstverteidigung. Aber kann das wirklich Notwehr sein?

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Er sollte bald wieder nach Hause kommen. Nur anderthalb Monate hätte sein Austauschjahr im US-Bundesstaat Montana noch gedauert, dann wäre Diren D. zurück in Hamburg gewesen, bei seiner Familie, bei seinen Freunden aus dem Fußballverein. Doch der 17-Jährige kommt nicht wieder: Ein 29-jähriger US-Amerikaner hat ihn mit einer Schrotflinte erschossen, weil Diren nachts in seine Garage eingedrungen war. Der Schütze ging von einem Einbruch aus. Er beruft sich auf sein Recht, Hab und Gut mit Gewalt zu verteidigen.

Den Freunden des Opfers fehlt für diese Rechtsauslegung jedes Verständnis. Im Internet verleihen sie ihrer Trauer und ihrem Zorn Ausdruck. Auf Facebook zeigten viele ein Foto von Diren anstelle ihres eigenen Profilbilds. Sein Fußballclub Teutonia 1910 erklärte ein Pokalspiel der A-Jugend am Mittwoch zum Benefizspiel. Fast tausend Menschen haben bereits ihren Besuch angekündigt. "Er war ein Mensch, den jeder Vater sich wünschen würde", sagt Trainer Garip Ercin. "Er war nicht aggressiv, er war beliebt - einfach ein Supertyp."

Die Staatsanwaltschaft von Missoula County wirft dem Schützen Markus K. vorsätzliche Tötung vor. Ob es zu einer Verurteilung kommt, ist alles andere als sicher. Denn in Montana gilt eines der umstrittenen Selbstverteidigungsgesetze, die in den USA immer wieder Diskussionen auslösen.

Markus K. beruft sich nach Angaben seines Anwalts auf die sogenannte Castle Doctrine. Vereinfacht ausgedrückt erlaubt sie Hausbesitzern, sich mit Gewalt zu verteidigen, wenn sie sich auf ihrem Grundstück bedroht fühlen. Eine vorherige Alarmierung der Polizei oder der Versuch, einer Auseinandersetzung zu entgehen ("Duty to flee"), sind im Gesetz nicht vorgeschrieben.

2009 war die Verordnung in Montana entsprechend angepasst worden - unter entscheidendem Einfluss von ausgewiesenen Waffenfreunden. Und die weisen nun auch flugs darauf hin, dass die Castle Doctrine im Fall von Markus K. durchaus Anwendung finden könnte.

Es gilt das Motto "My home is my castle" in seiner extremsten Auslegung: Mein Haus ist meine Burg - und die verteidige ich notfalls mit Gewalt. Dieses Notwehrverständnis ist in großen Teilen der amerikanischen Gesellschaft tief verwurzelt. Ähnliche Selbstverteidigungsgesetze wie in Montana gibt es in mehr als 20 Bundesstaaten ("Stand Your Ground"). Besonders große Empörung löste der Fall des Nachbarschaftswächters George Zimmerman aus, der in Florida den schwarzen Teenager Trayvon Martin erschoss und freigesprochen wurde.

Markus K. bedauere den Tod von Diren D., sagte der Verteidiger des Angeklagten. Aber K. habe Angst um sich und seine Familie gehabt. Er sei "enttäuscht" über die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft.

Vier Schüsse mit der Schrotflinte

Die tödlichen Schüsse fielen in der Nacht auf Sonntag in einer ruhigen Wohngegend. Die Ermittler rekonstruierten das Geschehen wie folgt: Diren D. ist mit einem Freund in Missoula unterwegs. Er will nach Aussage seines Kumpels in der Garage nach Getränken schauen.

Markus K. und seine Frau Janelle P. bekommen kurz nach Mitternacht über Sensoren gemeldet, dass jemand ihr Grundstück betreten hat. Eine Videokamera zeigt einen Mann in der Garage. Markus K. nimmt seine Schrotflinte und geht auf die Einfahrt. Er hört metallische Geräusche aus der Garage und fürchtet einen Angriff des Eindringlings, so schildert der 29-Jährige die entscheidenden Sekunden. In die Garage kann er demnach nicht schauen, sie ist stockdunkel. Seine Frau schaltet die Außenbeleuchtung ein, das erschwert ihm die Sicht noch zusätzlich. Dann feuert er, ohne weitere Kommunikation, vier Schüsse ab. Soweit die Version des Schützen.

Die Schilderung seiner Freundin unterscheidet sich in einigen Details. K. habe "hey, hey" gesagt und die Waffe geladen. Der Mann in der Garage habe dann noch "hey" oder "warte" geantwortet, dann seien die ersten zwei Schüsse gefallen. Noch bevor sie die Außenbeleuchtung angestellt habe, habe ihr Mann zwei weitere Male geschossen.

K. sagt auch aus, er habe extra hoch gezielt, um sein Auto in der Garage nicht zu treffen. Doch die Spuren vor Ort sprechen laut Ermittlern eine andere Sprache: Drei von vier Einschusslöchern sind demnach in niedriger Höhe.

In den vergangenen drei Wochen sei zweimal bei ihnen eingebrochen worden, sagt Janelle P. Sie habe daher eine Tasche mit persönlichen Gegenständen als eine Art Köder in der Garage gelassen, die Tür nicht abgeschlossen, Bewegungssensoren und einen Monitor installiert. Lagen die Eheleute regelrecht auf der Lauer, um einen Einbrecher zu schnappen? Laut einer Zeugin sagte K. vier Tage zuvor bei einem Friseurbesuch, er warte nur darauf, einen Typen zu erschießen. Nach mehreren Einbrüchen habe er drei Nächte mit seiner Waffe gewartet. K. habe viel geflucht und sei angriffslustig gewesen, so die Zeugin. Auf ihr Bitten, sich zu mäßigen, habe er geantwortet, er könne "verdammt noch mal sagen, was er wolle".

"Unter Berücksichtigung aller Umstände komme ich zu dem Schluss, dass es sich nicht um einen rechtmäßigen Einsatz von tödlicher Gewalt handelt", erklärte der ermittelnde Staatsanwalt SPIEGEL ONLINE.

Nun muss ein Gericht entscheiden, ob wirklich ein Fall von Notwehr vorliegt. Markus K. droht eine lebenslange Freiheitsstrafe.

Mit Material von dpa und AP

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