Vermisst in Deutschland Mehr als 11.000 Menschen werden gesucht

Bis zu 300 Vermisstenanzeigen gehen jeden Tag bei der Polizei ein. Genauso viele werden auch wieder gelöscht. Ab wann gilt eine Person als verschwunden? Wie gehen die Ermittler dann vor? Der Überblick.

Suchaktion der Polizei (Symbolbild)
DPA

Suchaktion der Polizei (Symbolbild)


Sie gehen aus dem Haus - zur Arbeit, zum Einkauf, zur Party in den Club - und kommen dann einfach nicht mehr wieder, bleiben verschwunden. Tage-, wochen-, jahrelang. Für die betroffenen Familien ist das ein wahr gewordener Albtraum. Wie im Fall von Liam Colgan, der nach einem Junggesellenabschied auf der Reeperbahn seit fünf Wochen verschollen ist.

Rund 11.400 Menschen gelten in Deutschland als vermisst. Täglich erfassen die Polizeidienststellen im ganzen Land bis zu 300 Fahndungen. Genauso viele werden laut dem Bundeskriminalamt (BKA) jeden Tag auch wieder gelöscht, weil die Vermisstenfälle abgeschlossen sind.

Wie viele Menschen gelten in Deutschland als vermisst?

Am 1. Februar 2018 umfasste die Datei "Vermisste/Unbekannte Tote" des BKA insgesamt rund 13.400 Personen, darunter etwa 11.400 Fälle in Deutschland. Geführt werden auch deutsche Staatsbürger, die im Ausland als vermisst gelten.

Wie viele Vermisstenfälle klärt die Polizei auf?

Laut BKA finden die Beamten etwa 50 Prozent der Vermissten innerhalb einer Woche wieder - tot oder lebendig. In beiden Fällen werden die Namen von der Liste gestrichen, wenn die Identität gesichert ist. Binnen eines Monats liegt die Aufklärungsquote bei mehr als 80 Prozent. Der Anteil der Personen, die länger als ein Jahr verschollen sind, liegt bei etwa drei Prozent.

Knapp zwei Drittel aller Vermissten sind laut BKA männlich, etwa die Hälfte ist minderjährig. Im Jahr 2017 wurden 8.234 Kinder vermisst gemeldet, aufklären konnte die Polizei 7.886 Vermisstenfälle, was einer Quote von etwa 96 Prozent entspricht.

Wie viele Erwachsene werden vermisst?

Am 1. Januar 2018 betrug die Anzahl vermisster Erwachsener knapp 4000, etwa 2800 davon sind männlich. Wenn eine Person verschwindet, müsse das jedoch nicht immer etwas mit einer Straftat zu tun haben, sagt eine Sprecherin des BKA. Viele Menschen verschwinden demnach auch aus eigenem Antrieb - wegen hoher Schulden zum Beispiel, schwerer Krankheit oder mit der Absicht, sich das Leben zu nehmen.

Ab wann gilt eine Person überhaupt als vermisst?

Wenn ein Mensch aus unerklärlichen Gründen nicht mehr auffindbar ist, wird er von Angehörigen als vermisst gemeldet. Eine Fahndung leitet die Polizei aber nur dann ein, wenn sie von einem Gewaltverbrechen ausgehen muss. Kinder bilden die Ausnahme: Werden sie vermisst, geht die Polizei grundsätzlich von einer Straftat aus.

Was passiert, sobald die Polizei die Vermisstenanzeige aufgenommen hat?

Schätzen die Beamten die Gefahr für die Vermissten als hoch ein, starten sie groß angelegte Suchaktionen. Hundertschaften der Bereitschaftspolizei, anderer Bundesländer und der Bundespolizei können dann zum Einsatz kommen. Auch die lokalen Rettungsdienste, das Rote Kreuz, die Feuerwehr und der THW werden alarmiert. Außerdem setzt die Polizei in schwer zugänglichen Bereichen oder in der Nacht Suchhunde und Hubschrauber mit Wärmebildkamera ein.

Wer ist für die Suche verantwortlich?

Wird eine Person in Deutschland als vermisst gemeldet, übernimmt zunächst die örtliche Polizeidienststelle den Fall. Sollte es Hinweise darauf geben, dass die betroffene Person sich im Ausland aufhält, helfen die Beamten des "Nationalen Zentralbüros der Internationalen kriminalpolizeilichen Organisation", auch bekannt als "Interpol".

Wo werden die Vermissten registriert?

Die Personalien vermisster Personen werden im Informationssystem der Polizei, kurz INPOL, erfasst. Die Gesuchten werden damit zur Fahndung ausgeschrieben. Auf dieses System haben alle deutschen Polizeidienststellen Zugriff. Sobald die Daten der vermissten Person eingetragen sind, werden sie automatisch in die Datei "Vermisste/Unbekannte Tote" aufgenommen. Auf diese haben das BKA sowie sämtliche Landeskriminalämter Zugriff. Bis zu 30 Jahre bleiben die Daten gespeichert.

Und danach?

Bleibt eine Person bis zu 30 Jahre verschwunden, ist es laut BKA sehr unwahrscheinlich, weitere Erkenntnisse in dem Fall zu bekommen. Deshalb besteht ab diesem Zeitpunkt die Möglichkeit, die Daten vermisster Personen zu löschen. Eine Frist gebe es dabei aber nicht, betont die Sprecherin des BKA. Die Entscheidung, ob die Personalien der Vermissten gelöscht werden, sei immer vom Einzelfall abhängig.

Im Video: Vermisst - Schicksale verschwundener Menschen

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vik



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