Todeskandidatin Milke in Arizona: Ein Alptraum endet

Von Antje Windmann

Freilassung möglich: Kaution für deutschstämmige Todeskandidatin festgelegt Fotos
AP

Vor 22 Jahren wurde Debra Milke in Arizona zum Tode verurteilt, ohne stichhaltige Beweise. Schon am Samstag könnte die gebürtige Deutsche gegen Kaution freikommen. Ihre Mutter berichtete, wie ihre Tochter die Zeit im Todestrakt überstand.

Auf den Fernsehbildern mutet sie schüchtern, gebrochen an: Die grauhaarige Frau im schwarz-weißen Shirt mit Brille, die im Gerichtssaal in Phoenix neben ihren Anwälten sitzt. Doch der Eindruck täuscht. Aufmerksam folgt Debra Milke, 49, den Worten ihrer Anwälte, die mit Richterin Rosa Mroz über ihre Freilassung auf Kaution verhandeln. Der Moment der Freiheit, nie zuvor war er so nah.

Seit mehr als 20 Jahren lebt Debra Milke einen Alptraum. Im Dezember 1989 fanden Polizisten ihren vierjährigen Sohn Christopher in der Wüste von Arizona. Er lag im Staub, als würde er schlafen. In seinem Hinterkopf steckten drei Kugeln. Tags darauf wurde Milke verhaftet. Sie habe zwei Bekannte zu der Tat angestiftet, um eine Versicherungsprämie von 5000 US-Dollar zu kassieren, hieß es.

Mit Fußfessel in die Freiheit

Keine DNA-Spuren, kein überzeugendes Motiv, keine Zeugen. Beweise für Milkes Schuld gab es nie. Lediglich die Aussage eines zweifelhaften Detective. Armando Saldate hatte behauptet, Milke habe ihm gestanden, an dem Verbrechen beteiligt gewesen zu sein. Eine Jury verurteilte Debra Milke daraufhin wegen Mordes zum Tode. Hinter Milke schloss sich die Tür des Todestrakts im Staatsgefängnis von Arizona. Obwohl sie bis heute ihre Unschuld beteuert, das Geständnis nie unterschrieben hatte. Obwohl es niemand von Saldates Kollegen bezeugen konnte. Obwohl nicht mal Video- oder Tonbandaufnahmen davon existieren.

Jeder Berufungsversuch scheiterte. Selbst als deutlich wurde, wem die Geschworenen vertraut hatten: einem Polizisten, der mehrfach unter Eid falsch ausgesagt hatte. Der sich für Sex bei einer Verkehrssünderin nachsichtig gezeigt hatte. Schon vor Milkes Prozess hatten Richter von Armando Saldate präsentierte Geständnisse gekippt - mangels Beweiskraft. Erst im März dieses Jahres wurde das Todesurteil gegen Debra Milke aufgehoben. Ab 30. September wird der gesamte Fall neu aufgerollt. Das Todesurteil gegen die beiden Männer bleibt weiterhin gültig.

Wie der neue Prozess gegen Debra Milke enden könnte, deutete Richterin Mroz an. Es gebe keinen direkten Beweis dafür, dass sie etwas mit dem Tod ihres Sohnes zu tun habe, sagte sie. Zudem zweifelte sie den Wahrheitsgehalt von Saldates Aussage an. Am Ende setzte sie die Kaution fest: 250.000 Dollar. Milke darf freikommen, bis ihr Fall neu aufgerollt wird. Voraussichtlich schon morgen wird sie das Gefängnis verlassen. Unterstützer und Freunde haben die Summe aufgebracht. Sie sollen auch eine Wohnung im Großraum Phoenix gekauft haben, in der Debra Milke nun unterkommen kann. Zu ihren Auflagen zählt, dass sie eine elektronische Fußfessel zwischen neun Uhr abends und sechs Uhr morgens tragen muss.

"Das bin ich Christopher schuldig"

Debra Jean Milke wurde 1964 in Berlin als Tochter einer Deutschen und eines Amerikaners geboren. Sie wuchs in den USA auf. Bis heute hat sie engen Kontakt zu ihrer Mutter Renate Janka. Bei einem Treffen mit dem SPIEGEL im Frühjahr diesen Jahres hatte diese über das Leben ihrer Tochter im Todestrakt berichtet. Darüber, wie der Glaube an Gerechtigkeit ihre Tochter trägt. Dass sie in ihrer Sechs-Quadratmeter-Zelle zehn CDs und fünf Bücher haben darf. Dass sie die "Vogue" und den "Economist" liest, sich für Völkerkunde und Geschichte interessiert. "Sie nimmt am Leben teil, das ist ihre Überlebensstrategie", sagte die Rentnerin, die heute in Karlsruhe lebt.

Renate Janka zeichnete das Bild einer Frau, die dem Alltag im Gefängnis zu trotzen versuchte: Die sich die Haare mit einem Nagelknipser auf Kinnlänge kürzte; Scheren sind schließlich verboten. Die sich aus jeder Depression kämpfte, indem sie Pläne für die Zukunft schmiedete. Sei es, dass sie sich auf einem Homeshopping-Kanal eine Kunstpelzjacke aussuchte, für den deutschen Winter. Oder überlegte, für welche Entwicklungshilfeorganisation sie später arbeiten könnte.

Janka sprach aber auch über die harte Zeit ihrer Tochter hinter Gittern. "In den ersten Jahren haben die Wärter Debra ins Essen gespuckt. Hatte sie Hofgang, wurden die Mitgefangenen eingeschlossen. Ständig durchsuchten schwarzvermummte Männer ihre Zelle." Am schlimmsten jedoch war: "Debbie vertraute darauf, dass der Irrsinn schnell auffliegen würde." Aber nichts geschah.

"Als sie zwischen 35 und 40 Jahre alt war, hatte sie die schwerste Zeit im Gefängnis", sagte ihre Mutter. "Sie hatte gehofft, noch ein Kind zu bekommen, wenn sie wieder frei wäre. Nicht um Christopher zu ersetzen, aber um noch mal Mutter sein zu dürfen." Am Ende habe sie sich seinetwegen nie aufgegeben. "Sie sagte immer: Das bin ich Christopher schuldig."

Sollte Debra Milke im neuen Verfahren freigesprochen werden, will sie Amerika verlassen und nach Deutschland ziehen. Zuvor steht ihr nun eine besondere Begegnung bevor: Sie wird ihrer Mutter gegenübertreten können, ohne an Händen und Füßen gefesselt zu sein, ohne dass eine Glasscheibe sie voneinander trennt. Dann werden sie sich zum ersten Mal umarmen können. Nach 24 Jahren.

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