Sexuelle Belästigung an Sportschule Kaiserau "Taktlos und entwürdigend"

Der frühere Leiter der Sportschule Kaiserau ging, nachdem Frauen ihm sexualisierte Gewalt vorwarfen. Nun kritisiert der Anwalt des Betriebsrats den Landesverband des DFB.

Sportschule Kaiserau
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Sportschule Kaiserau

Ein Interview von


Der frühere Direktor der Sportschule Kaiserau, Carsten J., soll über Jahre drei Mitarbeiterinnen sexuell belästigt haben. Wie der SPIEGEL enthüllte, trennte sich der Fußball- und Leichtathletikverband Westfalen (FLVW) wohl auch deshalb im Oktober 2016 von seinem Spitzenfunktionär.

Öffentlich wurde als maßgeblicher Grund für das Ausscheiden ein persönlicher Schicksalsschlag genannt. Ein Auflösungsvertrag soll J. eine Abfindung in Höhe von 120.000 Euro garantiert haben. Der FLVW ist der zweitgrößte Landesverband des Deutschen Fußballbunds (DFB). Trotz des Skandals kam J. später beim DFB unter.

Hubert Voß, 59, aus Unna ist Anwalt des FLVW-Betriebsrats. Im Interview spricht er über die Hintergründe der Beschwerden, Ängste der Mitarbeiter und mögliche Versäumnisse des DFB.

SPIEGEL ONLINE: Wann hat der Betriebsrat erstmals davon erfahren, dass dem früheren FLVW-Direktor J. sexuelle Belästigung vorgeworfen wird?

Voß: Mitglieder des Betriebsrats haben irgendwann 2014 per Flurfunk gehört, dass sich Herr J. sexistisch verhalten haben soll. Das waren Gerüchte, es gab keine Namen, und es blieb auch unklar, was genau passiert sein sollte. Offiziell erfahren hat man von Vorwürfen aus dem Brief eines mutmaßlichen Opfers Ende September 2016.

SPIEGEL ONLINE: Warum gab es nicht vorher schon Nachforschungen?

Voß: Es war nicht klar, ob da überhaupt etwas gegen den Willen von Frauen geschehen war. Man kann mit Nachforschungen Mitarbeiterinnen auch benachteiligen. Stellen Sie sich vor, es stellt sich heraus: Da hat eine Sekretärin ein Verhältnis mit dem Chef, alles ist freiwillig. Das geht den Betriebsrat nichts an.

SPIEGEL ONLINE: Was geschah, nachdem der Brief eingetroffen war?

Voß: Es meldeten sich zwei weitere mutmaßliche Opfer, sodass sich der Verdacht rasch erhärtete. Der Vorsitzende des Betriebsrats hat am 4. Oktober an das Präsidium geschrieben. Er hat die sofortige Freistellung von Herrn J. gefordert und um Aufklärung gebeten. Und er hat sein Entsetzen über die Vorwürfe zum Ausdruck gebracht.

SPIEGEL ONLINE: Der Verband hat sich Mitte Oktober von Herrn J. getrennt - einvernehmlich und ohne die Hintergründe zu veröffentlichen. Der Auflösungsvertrag sah offenbar 120.000 Euro Abfindung vor. War der Betriebsrat damit einverstanden?

Voß: Der Betriebsrat war entsetzt darüber, dass hier ein mutmaßlicher Täter so viel Geld bekommen sollte, um Aufsehen zu vermeiden. Aber es gab rein rechtlich keine Möglichkeit der Mitbestimmung. Der Auflösungsvertrag war allein Sache des Präsidiums.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Untreue, wenn ein Verband einem leitenden Mitarbeiter, der sich offenbar etwas hat zuschulden kommen lassen, 120.000 Euro Schweigegeld zahlt?

Voß: Das ist immer eine Frage der Abwägung. Was wäre die Alternative gewesen? Vermutlich ein öffentlicher Arbeitsgerichtsprozess, der mit einem massiven Ansehensverlust des Verbands verbunden gewesen wäre. Insofern lässt sich die Abfindung womöglich mit den Interessen des Verbands begründen. Auch wenn das eine bittere Erkenntnis ist.

SPIEGEL ONLINE: Was haben die betroffenen Frauen bekommen?

Voß: Nach meiner Kenntnis gab es kein Geld, auch nicht auf freiwilliger Basis, obwohl ich das sehr befürworten würde. Die gesetzlichen Fristen für eine finanzielle Entschädigung bei einer Diskriminierung sind sehr eng, soweit es die Ansprüche gegen den Arbeitgeber betrifft. Sie waren spätestens Mitte Dezember verstrichen.

SPIEGEL ONLINE: Wie konnte das passieren?

Voß: Vielleicht haben die Frauen aus Sorge um ihren Arbeitsplatz darauf verzichtet. Aus Sorge, den Unmut der Verbandsspitze auf sich zu ziehen.

Hubert Voß, Anwalt aus Unna
privat

Hubert Voß, Anwalt aus Unna

SPIEGEL ONLINE: Hat der Betriebsrat sie da nicht beraten?

Voß: Nein, uns ging es darum, mögliche künftige Übergriffe gegen Mitarbeiterinnen zu unterbinden. Es gab zudem eine kompetente anwaltliche Vertretung durch einen Kollegen.

SPIEGEL ONLINE: Inzwischen wurde Herr J. in anderer Funktion beim DFB tätig und trat sogar als Prüfer des Landesverbands auf. Was halten Sie davon?

Voß: Wenn die Vorwürfe zutreffen, ist das taktlos und entwürdigend für die Frauen, die weiter im Verband arbeiten. Der DFB müsste dann dafür Sorge tragen, dass Herr J. in diesem Betrieb nie mehr auftaucht und dass er nie wieder beruflich mit Angestellten des Verbands in Kontakt kommt.

SPIEGEL ONLINE: Ist Herr J. für den DFB noch tragbar?

Voß: Nein, nicht wenn er zu Recht belastet wird. Es wäre dann ein Unding, dass er dort noch immer eine Rolle spielt. Aber entscheiden müssen über seine berufliche Zukunft die Herren vom DFB.

SPIEGEL ONLINE: Welche Versäumnisse kreiden Sie dem Verband in Westfalen an?

Voß: Es gab offenbar ein Klima, in dem sich die Frauen nicht trauten, die mutmaßlichen Übergriffe zu melden. Präsident Gundolf Walaschewski hat, so wird berichtet, sogar nach der Trennung von Herrn J. in einer Betriebsversammlung gesagt, man bleibe weiter befreundet und werde künftig auch Rotwein miteinander trinken. Das spricht Bände.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Vorwürfe gegen Herrn J. strafrechtlich relevant?

Voß: Ja.

SPIEGEL ONLINE: Haben die mutmaßlichen Opfer Anzeige erstattet?

Voß: Nach meiner Kenntnis bisher nicht.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Voß: Das müssen Sie die Frauen fragen. Ich habe dem Betriebsrat empfohlen, sich da nicht einzumischen. Die Frauen müssen ihre privaten Interessen abwägen. Sie könnten auch zivilrechtlich gegen Herrn J. vorgehen, Schadensersatz fordern. Aber es ist ja leider so, dass Frauen im Rahmen von Ermittlungen ein zweites Mal Opfer werden. Wenn es um die Details geht, die womöglich öffentlich werden. Die Gefahr einer Stigmatisierung ist da groß.

SPIEGEL ONLINE: Was muss sich im Verband ändern, damit es künftig keine vergleichbaren Vorfälle gibt?

Voß: Der Betriebsrat will eine neue Betriebsvereinbarung mit dem Präsidium schließen, um Whistleblower künftig zu schützen. Darin muss festgehalten werden, dass Mitarbeiter nicht gemaßregelt werden dürfen, wenn sie Diskriminierung im Betrieb melden.



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