Verjährung von Sexualstraftaten Warum gegen Dieter Wedel ermittelt wird

Die Staatsanwaltschaft München I ermittelt gegen Dieter Wedel. Ihm werden Übergriffe vorgeworfen, die sich in den Neunzigern zugetragen haben sollen. Ist ein Verfahren nach mehr als 20 Jahren möglich?

Dieter Wedel
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Anfang des Jahres hatte die #MeToo-Debatte ihren ersten prominenten Fall in Deutschland: Mehrere Frauen gingen unter ihrem vollen Namen mit Vorwürfen gegen Dieter Wedel an die Öffentlichkeit. Im "Zeit Magazin" warfen sie dem Regisseur sexuelle Übergriffe bis hin zu erzwungenem Geschlechtsverkehr vor. Wedel bestreitet diese Vorwürfe.

Die Anschuldigungen betreffen teils Vorfälle, die sich vor mehr als zwei Jahrzehnten ereignet haben sollen. Grundsätzlich beträgt die Verjährungsfrist in solchen Fällen höchstens 20 Jahre - damit könnte Wedel eigentlich nicht mehr belangt werden.

Wie nun bekannt wurde, hat die Staatsanwaltschaft München I dennoch Ermittlungen gegen Wedel aufgenommen. "Es besteht der Anfangsverdacht auf eine nicht verjährte Sexualstraftat", sagte Oberstaatsanwältin Anne Leiding dem SPIEGEL. Das Verfahren sei aufgrund der Berichterstattung im "Zeit Magazin" aufgenommen worden.

Das Ruhen der Verjährung

Leiding verwies auf eine Regelung im Strafgesetzbuch, die das Ruhen der Verjährung zum Gegenstand hat. Seit einer Gesetzesänderung im Jahr 2015 ruht die Verjährung im Fall eines sexuellen Übergriffs, einer sexuellen Nötigung oder einer Vergewaltigung so lange, bis das Opfer das 30. Lebensjahr vollendet hat. Im Fall Wedel wäre eine mögliche Straftat demnach unter Umständen auch 2018 nicht verjährt, weil eines der mutmaßlichen Opfer zum Zeitpunkt des vorgeworfenen Übergriffs jünger war.

Leiding machte auf Anfrage keine näheren Angaben zu Verfahrensschritten oder dazu, welche Sexualstraftaten die Behörde im Einzelnen prüfe. Die Oberstaatsanwältin wies ausdrücklich darauf hin, dass die Ermittlungen sich im Anfangsstadium befänden. Dieter Wedels Anwalt wollte auf SPIEGEL-Nachfrage keine Stellungnahme abgeben.

Im "Zeit Magazin" machten drei Frauen ihre Vorwürfe öffentlich. Die ehemaligen Schauspielerinnen Jany Tempel und Patricia Thielemann traten namentlich auf. Eine weitere Frau blieb anonym. Laut "Zeit Magazin" haben sowohl Tempel und Thielemann als auch Wedel ihre Versionen an Eides statt bekräftigt.

Jany Tempel sagte dem "Zeit Magazin", Wedel habe sie 1996 in einem Münchner Hotelzimmer im Bademantel zu einem Vorstellungstermin empfangen. "Er hat mich mit Wucht gepackt und gegen die Wand gepresst", wird die ehemalige Schauspielerin zitiert. Sie habe "bitte nicht" gerufen. Wedel habe sie aufs Bett geworfen und zum Geschlechtsverkehr gezwungen. Wedel bestreitet die gesamte Schilderung. Er habe eine kurze Affäre mit Tempel gehabt. Diese Behauptung wiederum bezeichnet die frühere Schauspielerin als "nicht wahr" und "perfide".

Eine Verjährungsfrist von 20 Jahren wäre im Fall Tempel nicht abgelaufen

Der Fall Tempel dürfte nach der Strafprozessordnung und dem Gerichtsverfassungsgesetz in die örtliche Zuständigkeit der Münchner Staatsanwaltschaft fallen. Tempel vollendete erst 1999 ihr 30. Lebensjahr. Eine Verjährungsfrist von 20 Jahren wäre in ihrem Fall nicht abgelaufen.

Patricia Thielemann zufolge soll Wedel 1991 in einem Hotelzimmer in Bremen zudringlich geworden sein. Er habe - so heißt es in dem Artikel - ohne Vorwarnung ihre Bluse aufgerissen und versucht, sie rückwärts auf die Couch zu werfen. Sie habe sich gewehrt und ihn angeschrien. Wedel habe ihr den Hals zugedrückt. "Ich bekam große Angst und wehrte mich mit aller Kraft", wird die Frau zitiert. Sie habe es geschafft, Wedel zu entkommen. Wedel bestreitet auch diese Vorwürfe. Die Staatsanwaltschaft Bremen hat nach Auskunft eines Sprechers bisher keine Ermittlungen gegen Wedel eingeleitet.

Wedel ist einer der erfolgreichsten deutschen Filme- und Serienmacher. Zu Wochenbeginn war bekannt geworden, dass er als Intendant der Bad Hersfelder Festspiele zurückgetreten ist. Seine Sprecherin teilte mit, er habe eine Herzattacke erlitten und befinde sich im Krankenhaus.

In einer am Montag veröffentlichten Erklärung schrieb Wedel, die Anfeindungen gegen ihn hätten "ein für meine Gesundheit und natürlich auch für meine Familie erträgliches Maß weit überschritten". Er wolle die Festspiele "aus der diffamierenden Diskussion um meine Person heraushalten".



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