Dinner im Knast Gitterpralinen hinter Panzerglas

Gefangene kochen, Honoratioren speisen: In der JVA Aachen waren 50 erlesene Gäste zu einem ungewöhnlichen Abendessen eingeladen. Die Knackis servierten Lachsrouladen, Kürbissüppchen und gefüllte Kalbsfilets.

Von Oliver Rahayel, Aachen


Aachen - Die Gäste versammeln sich am Haupteingang der JVA Aachen. Hier, an der Pforte, gibt es eine Schleuse und Metalldetektoren. Um frühe Ankunft wurde gebeten - denn bevor es ans Essen geht, will der Vollzugsbeamte Manfred Füllmann mit der Gruppe noch einen Rundgang durch die Haftanstalt machen. Erst kommen die Knast-Eindrücke, dann die Köstlichkeiten.

So hat es die stellvertretende Gefängnisdirektorin Brigitte Kerzl verfügt, so wird es gemacht. Nach allerlei Zahlen und Fakten über die Anstalt – 820 Gefangene, 320 Bedienstete, davon zwölf Psychologen und fünf Sozialarbeiter, das Ganze auf 148.000 Quadratmetern – werden die Gäste belohnt. Sie bekommen eine Piña Colada. Der Begrüßungscocktail ist natürlich alkoholfrei, wie alles an diesem Abend.

Einen Gefangenenspeisesaal gibt es in Aachen aus Sicherheitsgründen nicht. Die Gäste für das Vier-Sterne-Menü begeben sich stattdessen an die fein gedeckten Tische der Beamtenkantine. "Ich kenne den Anstaltsleiter und bin deshalb gerne gekommen. Wenn man den Leuten hier drin eine Perspektive schaffen kann, finde ich das gut", sagt der Koblenzer Anwalt Gotthard Monreal.

Für die Idee, dass die Aachener Gefangenen Gäste bekochen, setzte sich die Gefängnisdirektorin ein. Als Vorbild diente ihr ein Knastrestaurant im toskanischen Volterra. Einmal im Monat stehen dort Mafiosi und andere Schwerverbrecher für erlebnishungrige Besucher hinter dem Herd. Zur Einweihung hat die deutsche Direktorin daher auch eine Gruppe aus Italien eingeladen.

Gefangene bekamen Schnellkurs im Serviettenfalten

Mehr als 20 Menschen werkeln in der kleinen Kantinenküche. Schon vor zwei Tagen sind die ersten Zutaten verarbeitet worden, jetzt geht es vor allem ums Erhitzen und Dekorieren. Alle Beteiligten haben sich lange auf diesen Abend vorbereitet. Die zehn mitwirkenden Häftlinge haben einen der vielen Kurse absolviert, die Manfred Tirtey, Kantinenkoch einer Versicherung, seit zwei Jahren ehrenamtlich anbietet.

Neben Tirtey leiten der JVA-Kantinenkoch Friedrich Schiller und Jeroen Rumpen Küche und Service. Rumpen, mit 29 einer der jüngsten Chefköche der europäischen Oberklasse, war vor allem neugierig, wie die Leute hinter den Mauern leben, "die jeder Aachener vom Vorbeifahren kennt". Er und ein halbes Dutzend weiterer Hotelmitarbeiter haben die Gefangenen außerdem noch im Serviettenfalten und Tellertragen unterwiesen. Diese durften anschließend die graublaue Gefängniskluft ablegen und sich weiße Kellneruniformen überziehen.

Ganz umsonst waren Personal und Zutaten nicht zu haben. Brigitte Kerzl hatte einige Aachener Unternehmen als Geldgeber gewonnen. Außerdem musste jeder Gast 75 Euro zahlen. Das Geld bekommen Gefangene, die sich die Zutaten für die Kochkurse sonst nicht leisten könnten. Über 90 Euro kosten die sechs Wochenstunden. Die Gefangenen verdienen durchschnittlich 200 Euro im Monat - wenn sie überhaupt eine Arbeit im Knast gefunden haben.

Die Gäste legen ihre Bedenken schnell ab

Keine Gitterstäbe, kein Drahtzaun und keine Mauer trüben den Blick aus der Kantine auf den grünen Stadtrand, die direkt über dem Haupteingang liegt. Nur Panzerglas liegt zwischen den Tischen und der Freiheit. Die Gäste sitzen vor der stahlfreien Kulisse eines roten Sonnenuntergangs.

Jegliche Sicherheitsbedenken haben die Gäste schnell abgelegt. "Man hat zwischendurch ganz vergessen, dass man in einem Gefängnis ist", sagt der junge Anwalt Daniel Vollmert. Doch die JVA Aachen ist ein Hochsicherheitsgefängnis, hier sitzen Schwerverbrecher. Es sind Raub- und Doppelmörder sowie Drogendealer, die einen ganzen Abend lang um die Gäste von draußen schwirren. Daher hat die Anstaltsleitung bis zu zehn Beamte aus anderen Abteilungen abgezogen, um sie in und um der Kantine zu platzieren. Zum dominanten Schwarz der Gäste und dem Weiß der Kellner und Köche gesellt sich so reichlich Justizbeamten-Grün.

Die Beamten wissen, dass nur ausgesuchte Gefangene an den Kochkursen und damit an diesem Abend teilnehmen dürfen: "Trotzdem entwickelt man hier natürlich eine gewisse Paranoia", sagt Vollzugsbeamter René Heyll, eigentlich für den Sportbereich zuständig. "Das Nächstliegende wäre eine Geiselnahme" - schließlich sind die Bestecke und Küchenmesser nicht aus Plastik. Doch mit einer Flucht "würde man für sich selbst und seine Kameraden jedes weitere Projekt dieser Art zerstören", sagt Heyll.

"Als hätten sie nie etwas anderes gemacht"

Doch außer, dass in der Küche Hektik ausbricht, passiert nichts. Die Köche sind im Stress. Schließlich handelt es sich bei den Gästen um Mitglieder der feinen Aachener Gesellschaft: eine Bürgermeisterin, einen Intendanten, Anwälte, Verleger. "Ich freue mich sehr auf den Abend", sagt S., ein 38 Jahre alter Gefangener aus Mazedonien, der wegen Raubes einsitzt. Er strahlt - das Gourmetrestaurant hinter Gittern hat eine große Bedeutung für ihn.

Dann laufen die auswärtigen und die gefangenen Servicekräfte mit Lachsrouladen, Kürbissüppchen, gefüllten Kalbsfilets und Printenparfaits durch den Anstaltsflur, "als hätten sie nie etwas anderes gemacht", so Manfred Tirtey. Zum Kaffee gibt es eine "Gitterpraline" aus Eigenherstellung. Sie ist mit Marzipan gefüllt.

Der erste Gourmet-Abend ist zu Ende, vielleicht wird es in der JVA Aachen einen zweiten geben. Maria Giampiccolo aus Volterra, eine lebensfrohe dunkelblonde Dame, ist von den Kochkünsten der deutschen Häftlinge begeistert. Die Atmosphäre in ihrer Mediciburg sei zwar angenehmer als im nüchternen Klinkerneubau im Aachener Industriegebiet. Auf die Frage, wo das Essen besser schmecke, gibt sie sich aber diplomatisch: "Es ist anders. Bei uns ist es auf eine Weise gut, hier auf eine andere."



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