Erschossener Austauschschüler Gericht spricht Direns Todesschützen schuldig

Urteil im Prozess um die Todesschüsse auf den deutschen Austauschschüler Diren: Ein Geschworenengericht hat den Schützen schuldig gesprochen - wegen vorsätzlicher Tötung.

REUTERS

Missoula - Im Fall des erschossenen Austauschschülers Diren Dede aus Hamburg hat eine Geschworenenjury den Schützen Markus Kaarma für schuldig befunden.

Nach zwölfstündigen Beratungen entschieden die Geschworenen, dass der Hausbesitzer den 17-jährigen Diren am 27. April in der Stadt Missoula (US-Bundesstaat Montana) vorsätzlich getötet habe. Das Strafmaß will das Gericht am 11. Februar festsetzen. Dem Verurteilten drohen mindestens zehn, im schlimmsten Fall sogar bis zu 100 Jahre Haft.

Die Eltern von Diren verfolgten die Urteilsverkündung in dem vollbesetzten Gerichtssaal von Missoula. Nach dem Urteil brach Jubel aus, die Mutter des Toten weinte. Der Vater sagte: "Jeder muss seine Strafe bekommen, die er verdient hat." Auch Direns amerikanische Gasteltern und die Mutter des Angeklagten waren bei der Urteilsverkündung unter den mehr als hundert Zuschauern. Sie verbarg ihr Gesicht in den Händen, als ihr Sohn in Handschellen abgeführt wurde.

Während des Prozesses hatte der Angeklagte kaum eine emotionale Regung und keine Reue gezeigt. Er zuckte nur einmal kurz zusammen, als der Staatsanwalt das Tatmotiv nannte: Kaarma habe ohne Not einen Unschuldigen erschossen und aus Rache gehandelt.

Offenbar als Mutprobe war der Deutsche Diren nachts in die offene Garage des Verurteilten eingedrungen. Bereits kurz nach der Tat wurde darüber diskutiert, ob der Schütze den Einbruch bewusst provoziert und auf eine Gelegenheit zum Schießen gewartet haben könnte.

In dem zweiwöchigen Prozess verdichtete sich das Bild eines Täters, der von Wut auf Jugendliche getrieben wurde. Zehn Tage vor der Tat hatten ihm Einbrecher seine Marihuana-Vorräte und Utensilien gestohlen. Danach soll Kaarma zu Nachbarn gesagt haben, dass er sich nicht noch einmal einen Einbruch gefallen lasse. Auf seiner Überwachungskamera beobachtete er, wie Diren am 27. April in seine halboffene Garage ging, griff sich seine Schrotflinte und feuerte von außen in die dunkle Garage. Laut Staatsanwaltschaft hielt er nach dem dritten Schuss inne, positionierte sich neu und schoss Diren gezielt ins Gesicht.

Wie in vielen Staaten der USA ist auch in Montana der Besitz und das Tragen von Waffen erlaubt. Schätzungen zufolge besitzen mehr als die Hälfte der Einwohner eine Schusswaffe.

Mit dem Urteil setzen die Geschworenen ein Signal: Die Verteidigung hatte auf die sogenannte "Castle Doctrine" verwiesen, die den Schutz des eigenen Hauses rechtfertigt - notfalls auch mit tödlicher Gewalt. Der Schütze habe um das Leben seines zehn Monate alten Babys gefürchtet und aus Notwehr gehandelt. Das Gericht entschied, dass die "Castle-Doctrine" in diesem Fall nicht greift: Der Verurteilte Kaarma habe nicht aus Selbstschutz, sondern nach Plan gehandelt.

rls/kry/dpa/AFP

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 41 Beiträge
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cyoulater 17.12.2014
1. Endlich
mal ein Urteil in der richtigen Richtung! Ich hoffe, es bleibt dabei und hat Bestand. Vielleicht ein kleiner Trost für die Eltern. Viel wurde in den Foren hier darüber geschrieben, dass man es ja weiß, was man riskiert, wenn man in den USA fremden Grund aus finsteren (?) Gründen betritt, dass Diren also quasi selber Schuld hat. (Mich friert bei solcher Argumentation, die bar jeder Verhältnismäßigkeit ist. Die Eselei eines 17Jährigen = sein Todesurteil...?) Wie befreiend, dass diese Geschworenen einen klaren Kopf hatten und den Einzelfall beurteilten. Ein gutes Urteil.
SamMalone 17.12.2014
2. Gerechtigkeit
Kaarma hat ihn mit dem vierten Schuss hingerichtet als Diren verundet um sein Leben flehte. Diese Tat war mit nichst zu rechtfertigen. Kaarma wusste das KINDER in seiner Nachbarschaft seit Jahren diese Art von streichen spielen. Es bestand nie Lebensbedrohung für ihn. Er kündigte die Tat an. Er wird im Knast nun büßen für diese schreckliche Tat.
movfaltin 17.12.2014
3. Keine Rechtssicherheit
Es ist im Lichte der ganzen anderslautenden Entscheidungen ein nicht sonderlich gutes Urteil, denn es sorgt für mangelnde Rechtssicherheit - selbst im wenig bevölkerten Montana. Es ist irrelevant, ob es ein deutscher Einbrecher war oder ein junger Einbrecher - für Hausbesitzer in den US-Staaten müssen bestenfalls einheitliche Regeln gelten, wie mit "Trespassing" oder "Burglary" zu verfahren ist. Das ist noch wichtiger als die oft vorgebrachte "Verhältnismäßigkeit" - denn die lässt sich wohl wirklich meist durch Involvierte nicht gut abschätzen.
David Caietan 17.12.2014
4. Gerechtigkeit!
Unter Berücksichtigung aller Umstände KONNTE nur dieses Jury-Urteil herauskommen! Ich freue mich, dass all die trigger happy Mitforisten, die zum Großteil sehr zynisch und menschenverachtend kommentiert haben, Unrecht gehabt haben. Dieses Urteil ist bereits das zweite in den USA in diesem Jahr, das gegen einen 'übereifrigen' Schützen enscheidet. Ich hoffe, dass es auch andere lehrt, dass man nicht jede tödliche Ballerei mit der Castle Doctrine rechtfertigen kann!
burns104 17.12.2014
5.
Zitat von cyoulatermal ein Urteil in der richtigen Richtung! Ich hoffe, es bleibt dabei und hat Bestand. Vielleicht ein kleiner Trost für die Eltern. Viel wurde in den Foren hier darüber geschrieben, dass man es ja weiß, was man riskiert, wenn man in den USA fremden Grund aus finsteren (?) Gründen betritt, dass Diren also quasi selber Schuld hat. (Mich friert bei solcher Argumentation, die bar jeder Verhältnismäßigkeit ist. Die Eselei eines 17Jährigen = sein Todesurteil...?) Wie befreiend, dass diese Geschworenen einen klaren Kopf hatten und den Einzelfall beurteilten. Ein gutes Urteil.
Das Urteil wird auch in der Form bestand haben! Die Entscheidung der Jury als solche kann nicht angefochten werden, außer es tauchen neue Beweise auf!
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