Nebenkläger im Fall Strauss-Kahn "Im Prozess erlitt Jade Höllenqualen"

Ihre Aussage wühlte Frankreich auf: Die frühere Prostituierte Jade erzählte vor Gericht von Sexpartys mit Dominique Strauss-Kahn. Hier spricht ihr Berater von den Folgen für die Frau und über seine Ziele im Prozess.

Ein Interview von Geneviève Hesse

AFP

Es geht um illegale Sexpartys und organisierte Zuhälterei: Der Prozess gegen Dominique Strauss-Kahn (DSK) und 13 weitere Angeklagte hat in Frankreich große Aufmerksamkeit erregt. Die ehemalige Prostituierte Jade* und andere Frauen schilderten vor Gericht brutale Sexualpraktiken, ihre Aussagen wühlten die Öffentlichkeit auf.

Strauss-Kahn ist jedoch nicht wegen seiner, wie er es nennt, "derberen Sexualität" angeklagt, sondern wegen der Organisation und Förderung von Prostitution. Der 65-Jährige verteidigt sich mit dem Argument, er habe nicht gewusst, dass es sich bei den Frauen um Prostituierte handelt. Das erscheint zweifelhaft, aber das Gegenteil ist offenbar schwer zu beweisen.

Selbst die Staatsanwaltschaft fordert einen Freispruch, zudem haben inzwischen fast alle Nebenkläger ihre Forderungen gegenüber DSK zurückgezogen - weil sie eine Schuld Strauss-Kahns für nicht beweisbar halten. Nur der Verein Le Mouvement du Nid, der gegen Prostitution kämpft, macht weiter.

Der 78-jährige Diakon Bernard Lemettre ist Mitglied in dem Verein und unterstützt die 41-jährige Jade seit 2011 beim Ausstieg aus der Prostitution.

SPIEGEL ONLINE: Monsieur Lemettre, warum kämpft Ihr Verein im Prozess gegen Strauss-Kahn weiter?

Lemettre: Vor dem Urteil am 12. Juni macht es keinen Sinn aufzuhören. Mit unserer Nebenklage wollten wir dem Kampf gegen die Prostitution mehr Gehör verschaffen. In dieser Hinsicht haben wir schon gewonnen. Der Blick Frankreichs auf die Gewalt der Prostitution ist seit dem Prozess realistischer. Ein Gesetz, das Freier bestraft, rückt wieder näher.

SPIEGEL ONLINE: Sie rechnen nicht mit einem Freispruch für Strauss-Kahn?

Lemettre: Die Richter sind nicht gezwungen, dem Staatsanwalt zu folgen. Kaum noch jemand glaubt an Strauss-Kahns Unschuld. Aber ohne Beweise kann er nicht verurteilt werden. So funktioniert nun mal unsere Justiz, das ist auch ihr Reichtum. Die Männer, die gegen DSK hätten aussagen können, haben geschwiegen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Entschädigung fordert Ihr Verein von Strauss-Kahn?

Lemettre: Wir wollen 40.000 Euro moralischen Schadensersatz für unseren gemeinnützigen Verein, der mehr als 3.000 Prostituierte jedes Jahr begleitet. Hinzu kommen Kosten in Höhe von 18.000 Euro, die wir zur Mobilisierung unseres Teams oder für die Unterkunft der betroffenen Frauen gebraucht haben. Juristische Kosten fallen weg, da unser langjähriger Anwalt in dem Fall ehrenamtlich arbeitete. Nur seine Spesen haben wir erstattet.

Strauss-Kahn mit Reportern in Lille (Archiv): Ein Prozess bewegt Frankreich
REUTERS

Strauss-Kahn mit Reportern in Lille (Archiv): Ein Prozess bewegt Frankreich

SPIEGEL ONLINE: Die ehemaligen Prostituierten, die als Nebenklägerinnen aufgetreten waren, fordern keinen einzigen Euro mehr von Strauss-Kahn. Haben sie bereits Geld von ihm bekommen?

Lemettre: Davon habe ich nichts gehört. In dieser Sache wurden die betroffenen Frauen von ihrem eigenen Anwalt beraten. Jade, die ich alle zwei Wochen zu persönlichen Gesprächen treffe, ist zurück an ihrem unbefristeten Arbeitsplatz. Die Anhörungen haben sie sehr mitgenommen, in einigen Wochen wird es ihr psychisch besser gehen.

SPIEGEL ONLINE: Jade sagte in einem Interview, ihr sei "furchtbar bange". Wurde sie bedroht?

Lemettre: Ich kenne viele Frauen, die wegen ihres Zuhälters in Gefahr sind. Bei Jade ist es nicht der Fall. Aber im Prozess erlitt sie Höllenqualen. Als sie noch als Prostituierte arbeitete, ging es ihr scheinbar gut. Damals war sie von ihrem Körper entkoppelt - in einem Zustand der Selbstbetäubung gegen die täglichen Traumatisierungen. Es war ihr nicht bewusst, was ihr angetan wurde. Im Prozess wurde sie hellwach. Verdrängte Schmerzen und Gefühle kamen wieder hoch. Daraus entstanden zum Teil irrationale Ängste, auch die Furcht vor möglichen Racheakten. Die US-Psychologin Melissa Farley belegte in einer Studie, dass Prostitution schlimme Traumata verursachen kann.

SPIEGEL ONLINE: Vor Gericht wählten Sie deutliche Worte, unter anderem sagten Sie: "Der Körper einer Frau ist nicht dafür gemacht, fünf Mal oder zehn Mal am Tag penetriert zu werden."

Lemettre: Damit wollte ich den üblichen Vorurteilen widersprechen: Prostitution als nötiges Übel, als ältester Beruf der Welt, als Schutz gegen Vergewaltigung anderer Frauen, als frei gewählte Lebensoption. Zuhälter nutzen die Wunden, die Frauen in der Kindheit oder in der Pubertät erlebten.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das im Fall von Jade?

Lemettre: Ich kann nicht alles sagen, weil sie selber auch nicht alles erzählt. Fakt ist, dass ihr Körper ihr in der Pubertät schon nicht mehr gehörte. Er war für sie nichts mehr wert. Ähnlich erging es zwei anderen Frauen im Prozess und vielen afrikanischen Frauen, die sich in Frankreich prostituieren. Noch vor ihrem Einstieg erleiden sie sexuelle Verstümmelung oder werden von ihren Familien wie eine Ware gegen Geld verkauft. Ihr Körper ist nicht mehr unversehrt. Die Presse schrieb über Jade, ihr leerer Kühlschrank habe sie in die Prostitution getrieben. Zwar spielt Armut eine Rolle. Aber im Kern geht es immer um Unterdrückung, um Herrschaft über den Körper der Frauen. Prostitution ist Sklaverei, deswegen wollen wir sie abschaffen.

SPIEGEL ONLINE: Manche Prostituierte sagen, ihr Beruf mache ihnen Spaß und sie hätten ihn freiwillig gewählt.

Lemettre: Es mag sein, dass manche Frauen freiwillig einsteigen. Aber dann begegnen sie Zuhälterstrukturen, die sie aufgrund ihrer Zerbrechlichkeit in eine Falle locken. Als Jade zum ersten Mal im November 2011 zu mir kam, sagte sie auch noch zum Selbstschutz: "Mir geht es gut, meinen Kindern auch." Ich habe nichts gegen Menschen, die so etwas sagen, ich habe etwas gegen ihre Selbsteinsperrung, ihre Ketten. Sie werten etwas auf, was nicht aufgewertet werden kann. Ob 50, 100 oder 1000 Euro - kein Geld lässt die psychologische Spur von lieblosen, täglich mehrmals wiederholten Penetrationen verschwinden. Die Frauen müssen die Befreiung selber wollen. Der Ausstieg aus der Prostitution gleicht einer Wiederauferstehung, dem Verlassen eines Grabes.

SPIEGEL ONLINE: Können bessere Arbeitsbedingungen die Lage der Frauen verbessern?

Lemettre: Auch in einem gut beheizten, hygienischen Bordell herrscht eine unglaubliche Gewalt. Vor der Abschaffung der Sklaverei gab es Stimmen, die sanftere, bequemere Ketten forderten. Eine Sklaverei gehört nicht reformiert, sie muss weg, auch wenn es lange dauert.

*Name geändert



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Tacitus73 15.03.2015
1. Sklaverei
Endlich mal einer, der mit den gängigen fadenscheinigen Rechtfertigungen aufräumt und Prostitution als das benennt, was es ist: Sklaverei.
hatschon 15.03.2015
2. Der Mann
Hat keine Ahnung vom Leben . Niemals wird es gelingen die Prostitution von Männern und Frauen zuverbieten und alle in eine Schublade zustecken. Verbieten Sie mal den Alkohol und den Sex und dann noch das Atmen!
Hornblower, 15.03.2015
3. Gott ist mir übel
Es bedarf strengster Regeln. In der Tat ist eine zu häufige Penetration Menschen-verachtend und gleicht sich körperlicher Gewalt an. Dennoch finde ich die Bestrafung von Freiern Sinn-frei und die Verurteilung von Zuhälterei auch. Allerdings darf man/frau diesen Bereich nicht sich selbst überlassen. Ich gehe an solche Sachen immer so dran. Könnte ich das aushalten? Wäre das ein guter Job für mich? Ich kann beides verneinen. Zwang in diesen Bereichen ist menschenverachtend. Entsprechend der "Benutzung" müssen solche Menschen zudem gut bezahlt werden. Wer mich am meisten abstösst in dieser ganzen Angelegenheit ist die frühere? Frau von Strauss-Kahn, die sich doch nicht "entblödete" in der Sache der "genötigten" Hotelangestellten sich öffentlich an die Seite ihres Gatten zu stellen. Diese Hotelangestellte war keine Prostituierte und diese Angelegenheit hat DSK in meinen Augen hinreichend diskreditiert. Die Franzosen können sich gerne in meinen Augen lächerlich machen und DSK für das Präsidentenamt aufstellen.
hhtom 15.03.2015
4. @Tacitus73
Für Zwangsprostitution ist das sicherlich richtig, aber wenn eine Frau diesen Job selbst wählt, dann ist dieser Vorwurf Unsinn.
jrcom 15.03.2015
5. Solche Stimmen
wie die von Herrn Lemettre würde man sich hierzulande auch wünschen. Aber da werden wohl nich Jahrhunderte ins Land gehen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.