Doppelmörderin Estibaliz Carranza "Bin ich noch schön?"

Estibaliz Carranza erschoss zwei Lebensgefährten und betonierte sie ein. Jetzt erscheint ein Buch, das von einer Liebesgeschichte der "Eislady" in Haft erzählt.

Estibaliz Zabala Carranza (2011)
DPA

Estibaliz Zabala Carranza (2011)

Von , Wien


Wie tickt eine Frau, die ihrem Ex-Mann in den Hinterkopf schießt, während er ein Computerspiel spielt? Die in einen Baumarkt geht, eine Kettensäge kauft und sich erklären lässt, wie man damit umgeht, um anschließend die Leiche zu zerstückeln und in einer Tiefkühltruhe einzubetonieren? Und die zweieinhalb Jahre später ihren Geliebten auf die gleiche Weise umbringt?

Zehn Jahre nach dem ersten Mord ist das Interesse an Estibaliz Carranza ungebrochen. Ihre Taten flogen auf, als Handwerker bei einem Rohrbruch im Keller ihres Wiener Eissalons auf die Körperteile stießen. Carranza, zu der Zeit schwanger, flüchtete - und wurde schließlich in Italien festgenommen. Die Frau, die 1978 in Mexiko City geboren wurde, als Kind mit den Eltern nach Spanien kam, später in Berlin lebte, bevor sie nach Wien zog, wurde in Österreich zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt.

Dass sie tatsächlich kaum Chancen hat, je wieder in Freiheit zu kommen, dürfte auch mit einem Buch zusammenhängen, das an diesem Samstag erscheint. "Zelle 14" heißt es, geschrieben hat es der österreichische Verleger und Autor Bernhard Salomon.

Der Untertitel verspricht zwar die "wahre Geschichte der Liebe zwischen der Mörderin" und "einem Mithäftling", jedoch handelt es sich keineswegs um ein schmieriges Schnulzenbuch, sondern um ein zusammengefasstes Protokoll von mehr als hundert Gesprächen, die Salomon von 2014 bis 2018 mit "Esti", wie sie sich selbst nennt, geführt hat.

Aus der Ich-Perspektive schildert Carranza ihren Lebensalltag im Gefängnis, ihre Affäre mit einem Mithäftling - und, vor allem, wie sie sich selbst sieht. Es ist ein Blick in die Seele einer Schwerverbrecherin, einer Frau, die sich von ihren Männern gedemütigt und betrogen fühlte, sich aber nicht trennen konnte und schließlich zur Pistole griff.

"Alle Menschen sind Mörder"

"Ich hätte mich einfach von ihnen trennen sollen, anstatt sie zu erschießen", sagte sie einmal. Jetzt erzählt sie dem Autor Salomon: "Alle Menschen sind Mörder. Bloß haben manche noch nicht zu morden angefangen, und die meisten tun es nie. Es bedeutet nichts, wenn jemand unbescholten ist. Ich war auch unbescholten, dann habe ich zwei Männer umgebracht. Wer sagt, dass jemand, der unbescholten an einer Bushaltestelle sitzt und Zeitung liest, nicht morgen einen Mord begeht?"

So wird alles beliebig: gut oder schlecht, richtig oder falsch, ob man mordet oder nicht. Wahrheit, behauptet Carranza weiter, gebe es nicht. "Was soll das sein, die reine Wahrheit? Mit ihr ist es wie mit der Normalität. Menschen definieren sie, nur um sich an etwas festhalten zu können." Es liest sich wie ein Relativieren ihrer Verbrechen.

Als Leser bleibt man ratlos zurück. Was soll das? Warum gibt der Autor die Sicht einer verurteilten Mörderin ungefiltert und ohne jede Einordnung wieder?

Salomon sagt, das Buch folge einer Dramaturgie, und dem Leser, der zu Beginn womöglich Sympathie empfinde, sei spätestens am Ende klar, dass es dafür keinen Anlass gebe. Wirklich? In Zeiten, in denen selbst ein US-Präsident jede unliebsame Wahrheit als "Fake News" abtut, glaubt Salomon an diese Fähigkeit zu differenzieren? "Das Buch liest sich schwer", antwortet er, es sei keine leichte Kost. "Ich gehe davon aus, dass jemand, der es liest, auch in der Lage ist, es entsprechend zu verstehen."

Estibaliz Carranza 2012 vor Gericht
AFP

Estibaliz Carranza 2012 vor Gericht

"Sollen sie mich narzisstisch nennen"

Trotz des intellektuellen Anstrichs feiert der Boulevard das neue Lebenszeichen dieser Frau aus dem Gefängnis, deren Bild vor Gericht im grauen Kleid und mit kühlem Lächeln sich in das kollektive Gedächtnis Österreichs eingebrannt hat. Carranza reiht sich ein in das österreichische Gruselkabinett der Fritzls und Priklopils und Unterwegers, jener Galerie der Schwerstverbrecher, die in diesem Land für Schlagzeilen sorgten und an denen Hollywood Interesse zeigte.

Die "Krone" widmet ihr und dem neuen Buch gleich mehrere Seiten. Die Kombination von Schönheit, Kaltblütigkeit und Bösartigkeit scheint zu faszinieren. Der Schriftsteller Thomas Glavinic nannte Carranza einmal "Österreichs Amanda Knox". Promi-Anwälte haben sie vertreten, kostenlos, versteht sich - die öffentliche Aufmerksamkeit war der Lohn.

Carranza ist sich ihrer Wirkung bewusst. Ausführlich beschreibt sie, wie sie sich Honig und Zucker ins Gesicht schmiert, wie sie sich pflegt und auf ihr Äußeres achtet. "Bin ich noch schön? Habe ich noch diese eisklaren Augen? Dieses Gesicht aus Porzellan? Diesen Arsch, an dem sie irgendetwas finden?"

Ganz wichtig ist ihr auch: "Eigne ich mich noch für die Titelseiten der Zeitungen und Magazine?" Sie nimmt genau zur Kenntnis, wer wann was über sie berichtet. Einmal gibt es im Magazin "News" eine lange Geschichte über Österreichs Mörder. "Acht Jahre nach meinen Taten bin ich auf dem Titelblatt", gibt sie zu Protokoll. "Das gefällt mir. Es gibt mir Kraft. Es macht mich stolz. Sollen sie mich narzisstisch nennen." Es sei wichtig, dass sie "die Eislady" sei. "Die Marke Eislady. Sie ist auch ein Wert. Durch sie bin ich nicht nur irgendeine Mörderin."

Liest man solche Passagen, verwundert es nicht, dass Gutachter ihr unter anderem einen krankhaften Narzissmus attestiert haben. Sie gilt als gefährlich, mit hoher Rückfallquote. Dass sie so offen plaudert, stellenweise die Psychiater und Psychologen verhöhnt, die sich im Forensischen Zentrum Asten um sie kümmern, und über eine verbotene Liebe mit einem Mithäftling berichtet, dürfte ihr eine ersehnte Verlegung nach Spanien, wo ihre Eltern und ihr in Haft geborener Sohn leben, erschweren, oder, wahrscheinlicher, unmöglich machen.

Sie hält sich nicht an Regeln

Denn aus Sicht der Justiz hätte das Buch nie geschrieben werden dürfen. Salomon durfte Carranza zwar besuchen. Aber über sie zu schreiben, war nicht abgemacht. Schon 2014 hatte sie auf diese Weise ein Buch veröffentlicht, geradezu von den Wachleuten unbemerkt, damals mit einer "Krone"-Reporterin, die sie regelmäßig besuchte. Das neue Buch belegt, dass Carranza sich nicht an Regeln hält, dass sie ihre Taten kaum bereut und sich auch sonst um nichts schert als um sich selbst.

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Bernhard Salomon:
Zelle 14

Die wahre Geschichte der Liebe zwischen der Mörderin Estibaliz Carranza, bekannt als "Eislady", und einem Mithäftling

edition a; 240 Seiten; gebunden; 22,00 Euro

Warum hat sie sich also über Jahre mit Salomon getroffen, wissend, dass daraus ein Buch entstehen wird? "Was hat sie noch zu verlieren?", fragt der Autor zurück. Kennt sie den Text? Er habe ihr die wichtigsten Passagen vorgelegt, aber das gesamte Manuskript habe er nicht ins Gefängnis mitnehmen dürfen. Das Buch sei die Essenz aller Gespräche. Er nennt es daher einen Tatsachenroman.

Carranza befragen kann man nicht, ebenso wenig prüfen, ob sie alles wirklich so zu Protokoll gegeben hat. Zur Strafe für das Buch wurden ihre Möglichkeiten, Besuch zu empfangen, stark eingeschränkt.

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
manicmecanic 08.09.2018
1. Zensur
ist es trotzdem wenn man ihr verbietet zu schreiben.Ich kann keinen juristischen Grund anerkennen der solche Maßnahmen zuließe.
geotie 08.09.2018
2.
Zitat von manicmecanicist es trotzdem wenn man ihr verbietet zu schreiben.Ich kann keinen juristischen Grund anerkennen der solche Maßnahmen zuließe.
Mit Sicherheit wird es irgendwelche Menschen es ihr nach machen wollen, die sich durch dieses Buch bestärkt fühlen. Und das es von diesen Menschen eine ganze Menge gibt, die solche Bücher gerne verschlingen und sich in solch ähnlicher Position sehen wollen, sollte von der heutigen Internet-Generation wohl nicht anzuzweifeln sein! Ich kenne jetzt nicht die Gesetze in Österreich, aber warum sollte man solch einer Person noch eine Bühne liefern? PS. Jeder hat mit Sicherheit auf andere Menschen eine starke Wut gehabt und insgeheim von dem, was diese Mörderin getan hat, gesprochen. Aber ob man das getan oder nur sich insgeheim gewünscht hat, ist doch ein riesengroßer Unterschied. Und wenn jemand sagt, er hätte NIE solche Gedanken gehabt, der ist ein notorischer Lügner!
elpatron 08.09.2018
3.
"Warum gibt der Autor die Sicht einer verurteilten Mörderin ungefiltert und ohne jede Einordnung wieder?" Vielleicht weil sich um einen Roman handelt. Wenn er dadurch schlecht wird, dann ist das halt so. Aber Nanny-Journalismus einer Kunstform überstülpen zu wollen ist schon reichlich verkrampft.
heidschnucke 08.09.2018
4.
Zitat von geotieMit Sicherheit wird es irgendwelche Menschen es ihr nach machen wollen, die sich durch dieses Buch bestärkt fühlen. Und das es von diesen Menschen eine ganze Menge gibt, die solche Bücher gerne verschlingen und sich in solch ähnlicher Position sehen wollen, sollte von der heutigen Internet-Generation wohl nicht anzuzweifeln sein! Ich kenne jetzt nicht die Gesetze in Österreich, aber warum sollte man solch einer Person noch eine Bühne liefern? PS. Jeder hat mit Sicherheit auf andere Menschen eine starke Wut gehabt und insgeheim von dem, was diese Mörderin getan hat, gesprochen. Aber ob man das getan oder nur sich insgeheim gewünscht hat, ist doch ein riesengroßer Unterschied. Und wenn jemand sagt, er hätte NIE solche Gedanken gehabt, der ist ein notorischer Lügner!
Ich wollte noch nie jemand ermorden, auch nicht in Gedanken. Das liegt wohl daran, dass ich in solchen Kreisen nicht verkehre.
hatschon 08.09.2018
5. Für manche hier
Passt das nicht in ihr Weltbild das Frauen morden und dann regen sie sich auf . Meiner Meinung hasst diese Frau Männer soll es ja geben und um sie loszuwerden werden sie entsorgt.
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