Doppelmord in Tessin "Wie kommt so viel Hass in unser Kind?"

Todeslisten, Albträume, Amokläufe: Felix D. steht ab heute vor Gericht. Der 17-Jährige hat in Tessin zwei Menschen bestialisch ermordet - und auch das Leben seiner Eltern zerstört. Im "Zeit-Magazin Leben" sprechen sie erstmals über die Wahnsinnstat ihres Sohnes - und seine Motive für den Doppelmord.


Hamburg - In Tessin waren sie offenbar die letzten, die von dem grausamen Doppelmord an Peter und Antje E. erfuhren: Jeannette und Kally D. waren am Abend des 13. Januar im Kino, als ihr 17-jähriger Sohn zur selben Zeit mit seinem Freund Torben B. wie von Sinnen auf das Ehepaar einstach. Keiner hat bei ihnen nachts geklingelt, seinen Polizeiausweis gezückt und gefragt, ob sie kurz eintreten dürfen. Auch nicht am nächsten Morgen, einem Sonntag.

Kally D. erfährt es von einem Nachbarn, als er vor dem Frühstück seine erste Zigarette auf der Terrasse raucht. "Schon gehört? Gestern Abend sollen in der Dorfstraße zwei umgebracht worden sein." Jeannette D. trinkt gerade Kaffee. Ihre beiden Kinder, Felix und seine jüngere Schwester Jana, vermuten sie noch schlafend im Bett.

Es dauert noch ein paar Minuten, bis das Unheil über die scheinbare Familienidylle hereinbricht. "Als mir aufging, was er angerichtet hat, wünschte ich, er wäre tot", sagt Kally D. Der Angestellte des "Zeit"-Verlages und ehemalige Vorsitzende des Betriebsrates spricht im "Zeit"-Magazin erstmals über die Tragödie, die sein Sohn mit seinem Kumpel Torben verursachte, und über das Leben - vor und nach dem 13. Januar 2007.

Im Schock war einer ihrer ersten Gedanken: Jetzt wissen wir, warum sich die beiden Jungen beim gestrigen Abendessen freiwillig zum Küchendienst meldeten - "Sie wollten allein in der Küche sein, um an die Messer zu kommen". Denn die Tat war geplant. Das Datum stand fest. Kally D. vermutet gar, dass Felix es genossen hat, ein einziges Mal im Scheinwerferlicht vieler Streifenwagen zu stehen. "Das war seine große Stunde. Und das entsetzte Gesicht seines Alten wäre für ihn die Krönung des Triumphes gewesen - gerade mir wollte er zeigen, was für ein Kerl er ist."

Denn Felix D. verabscheute das Lebensmodell seines Vaters, der als Musiker die Welt bereiste, nach Kanada auswanderte, zurückkehrte, Luxusgüter ablehnt und für den Weltfrieden auf die Straße geht. "Sein Bild von einem erfolgreichen Männerleben war eher konservativ."

Felix schwärmte von Todesstrafe und Diktatur

Dass der eigene Sohn, der gewaltfrei erzogen wurde, zur Waffe griff und tötete, lässt die Eltern zwischen Fassungslosigkeit und Selbstvorwürfen taumeln. Dass sich Felix seine eigene Welt baute, blieb ihnen weitestgehend verborgen. Die guten Noten und sein soziales Engagement wogen schwerer als seltsame Bemerkungen, die erst im Nachhinein an Bedeutung gewinnen.

Zu viele Stunden saß Felix vor seinem Computer, spielte einen Ego-Shooter, der erst ab 18 Jahren freigegeben ist. "Wie haben wir zulassen können, dass unser Sohn sich das Gehirn verseucht?" Die Schuldgefühle zermürben sie.

Nach der Tat entdeckten Jeannette und Kally D. ein Tagebuch und Notizen ihres Sohnes, die ihnen zum ersten Mal Einblick in eine Person gewährten, die sie nicht kannten, die ihnen fremd war - und die so ganz anders war als ihr Kind, das sie 17 Jahre lang aufzogen und bedingungslos liebten.

Hasserfüllte Aufzeichnungen, Todeslisten, gewalttätige Gedankenspiele: Felix schreibt von einer geplanten Vergewaltigung, von Alpträumen, Atombomben und Amokläufen und schwärmt von Todesstrafe und Diktatur. Er will die "Untermenschen" auf der Welt ausrotten - weg mit allen Schwachen, Dummen und Versagern. Keine Rechte für Frauen und Homosexuelle.

Mit dem Vater entwarf er einen Hartz-IV-Leitfaden

Einige seiner dunklen Phantasien vertraute er seiner kleinen Schwester an. "Seine ganze Klasse sollte sich in einer Reihe aufstellen und durch Kopfschuss hingerichtet werden", sagt die 15 Jahre alte Jana dem "Zeit-Magazin Leben".

Fassungslos fragen sich Jeannette und Kally D.: "Wie kommt so viel Hass in unser Kind?" In ein Kind, das Flugblätter gegen Nazis verteilte, mit seinem Vater einen Selbsthilfe-Leitfaden für Hartz-IV-Empfänger entwarf und für das Marionettentheater seiner Mutter Puppen schnitzte.

Sie hatten immer das Beste gewollt für den schüchternen, klugen Jungen, der sich mit 13 die Segelohren operieren ließ und jahrelang darunter litt, dass er einmal als "hässlichster Junge der Klasse" tituliert wurde. Minderwertigkeitskomplexe und Frust vermischten sich mit Hypochondrie und einem unsagbar tiefen Weltschmerz, der ihm innerhalb der Familie den Spitznamen "Katastrophulus" bescherte.

Felix' Tagebuch haben Jeannette und Kally D. der Staatsanwaltschaft übergeben. Auch Felix wollte das. Alle 14 Tage besuchen sie ihren Sohn in Untersuchungshaft. Die beiden jugendlichen Täter sind getrennt voneinander in den Jugendgefängnissen von Strehlitz und Hahnöfersand untergebracht.

Felix schreibt lange Briefe, liest viel in der Bibel und betet. Hinter Gittern macht der Gymnasiast eine Ausbildung zum Handwerker.

"Wir waren eine ganz normale Familie, jedenfalls haben wir das geglaubt", sagt Jeannette D. im Gespräch mit dem "Zeit-Magazin Leben". Ein Satz, den man schon oft sagen hörte - von Eltern, die verzweifelt nach Worten ringen.



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