Doppelmord von Krailling: Todesangst im Kinderzimmer

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Der Mord an den Schwestern Sharon und Chiara im bayerischen Krailling gab den Ermittlern zunächst Rätsel auf. Wer hatte mit einem Küchenmesser auf die Kinder eingestochen? Der Onkel der Mädchen kommt nun vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft will ihm die Tat nachweisen - anhand erstaunlicher Details.

Das Haus, in dem Anette S. mit ihren Töchtern wohnte: Hier starben Chiara und Sharon Zur Großansicht
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Das Haus, in dem Anette S. mit ihren Töchtern wohnte: Hier starben Chiara und Sharon

Hamburg - Als ihre Mutter, Verwandte und Freunde vor zwei bunt bemalten Särgen um Sharon und Chiara trauerten, nahmen Ermittler Thomas S. vor seinem Haus fest, den Onkel der beiden Schwestern. Nun beginnt der Prozess gegen den Postboten: Der 51-Jährige soll im bayerischen Krailling seine beiden Nichten, elf und acht Jahre alt, getötet und den Mord an deren Mutter geplant haben - aus Habgier.

Anfangs schienen die Ermittler vor einem großen Rätsel zu stehen. Nun legte die Staatsanwaltschaft München II mit der Anklageschrift eine detaillierte Version des möglichen Tatablaufs vor - und ein Motiv.

Demnach mussten Sharon und Chiara am 24. März 2011 sterben, weil sich Thomas S. mit dem Bau eines Hauses für sich, seine Ehefrau und die gemeinsamen vier Kinder übernommen hatte, der Dispositionsrahmen des Familienkontos hoffnungslos überzogen war und die Gerichtsvollzieherin mit Vollstreckung drohte.

Im Mai 2010 war die sechsköpfige Familie in ein Einfamilienhaus in Peißenberg gezogen, obwohl es noch kein fließendes Wasser und keinen Fußboden gab. Provisorisch hausten sie dort, ließen sich von Nachbarn helfen. Ursula S. musste eine ihr gehörende Eigentumswohnung verkaufen, damit Thomas S. bis August 2010 die Böden verlegen und das Wasser anschließen konnte.

Thomas S. wusste längst, dass das Geld aus den Aktien- und Immobilienverkäufen aufgebraucht war. Im Juli 2010 hatte er den Offenbarungseid geleistet. Er wusste also auch, dass es eng werden würde für die monatlichen Raten an die Bank.

Laut Anklageschrift hatte das Ehepaar S. für das neue Zuhause einen Kredit von 135.000 Euro aufgenommen, den sie in monatlichen Raten von 1000 Euro abzahlen wollten. Ursula S. hatte zudem Aktien und Immobilien veräußert, die sie geerbt hatte. Doch das alles reichte nicht aus.

Thomas S. soll Dreifachmord geplant haben

Der Staatsanwaltschaft zufolge traf sich Thomas S. im August 2010 in einem Lokal mit Anette S., der Schwester seiner Ehefrau. Den beiden Frauen gehörte eine weitere Eigentumswohnung. Thomas S. versuchte, die Schwägerin zu überreden, den Eigentumsanteil seiner Ehefrau Ursula abzulösen - für 50.000 Euro.

Bis November reagierte Anette S. nicht, so reduzierte Thomas S. sein Angebot auf 40.000 Euro. Doch dazu kam es nicht, für die Familie wurde die finanzielle Situation immer prekärer. Das Girokonto war um 6000 Euro überzogen, weder im Dezember 2010 noch im Januar 2011 konnte das Ehepaar die Raten für den Kredit zahlen. Im März kündigte die Gerichtsvollzieherin des Bezirks Weilheim schließlich an, 16.000 Euro zu vollstrecken, und auch Ursula S. müsse den Offenbarungseid leisten. Es drohte die Zwangsversteigerung des Einfamilienhauses.

Für die Ermittler ist dies das Motiv für den Doppelmord von Krailling: Nach ihrer Überzeugung soll sich Thomas S. zu diesem Zeitpunkt entschieden haben, seine Schwägerin Anette S. und deren beiden Töchter Sharon und Chiara umzubringen, damit seine Ehefrau erbt - und zwar die Anteile ihrer Schwester aus der Familiengesellschaft ihres verstorbenen Vaters, die Eigentumswohnung der Schwester, die andere Hälfte der gemeinsamen Eigentumswohnung und das zu erwartende Erbe der gemeinsamen Großmutter, die damals 98 Jahre alt war.

Laut Staatsanwaltschaft plante Thomas S. einen Dreifachmord, der so aussehen sollte, als hätte Anette S. zuerst ihre Töchter, dann sich selbst getötet.

Der Postbote kannte demnach die Gewohnheiten seiner Schwägerin: Dass sie meist erst spät nach Hause kam, weil sie im "Schabernack", der Gaststätte ihres Lebensgefährten, keine 50 Meter von ihrer Wohnung entfernt, arbeitete - und vor allem, dass sie nie die Haustür abschloss, damit ihre Töchter im Falle eines Brandes aus dem Haus würden fliehen können.

Die Schwestern litten Todesangst

Die Ermittler sind davon überzeugt, dass Thomas S. bewusst den 24. März 2011, einen Mittwoch, für seine geplante Tat auswählte. Mittwochs wurde im "Schabernack" immer ein Musik-Ratespiel veranstaltet, meist kehrte Anette S. an diesen Abenden nicht vor 2 Uhr nach Hause.

Kurz nach Mitternacht soll Thomas S. von Peißenberg ins 50 Kilometer entfernte Krailling gefahren und in die Wohnung seiner Schwägerin geschlichen sein - er soll ein naturfarbenes Kunststoffseil, eine Hantelstange und eine Fahrradtaschenlampe dabei gehabt haben, auch Terpentin, um seine Opfer zu betäuben.

Thomas S. bestreitet, die Mädchen getötet zu haben. Die Ermittler aber sehen ihn als den Täter und haben folgenden Ablauf des Geschehens rekonstruiert: Der Postbote habe sich demnach zunächst der schlafenden, acht Jahre alten Chiara genähert, sie mit dem Seil gewürgt. Die elfjährige Sharon habe Geräusche gehört, ihr Kinderbett verlassen und sei in der Wohnküche auf den Onkel getroffen, der sofort mit der Hantelstange auf das Mädchen losgegangen sei. Sharon sei es jedoch gelungen, den Schlägen auszuweichen. Thomas S. habe sie mehrfach an den Schultern, zweimal auch am Kopf getroffen. Das Mädchen habe um ihr Leben gekämpft.

Thomas S. habe sich, so die Staatsanwaltschaft, ein Küchenmesser geschnappt und auf die Elfjährige eingestochen - die Lunge, die linke Herzkranzarterie und das Herz werden durchstochen. Der Täter muss mit voller Wucht zugestochen haben, die Gerichtsmediziner messen später Stichkanäle mit einer Tiefe von bis zu 17 Zentimetern. Die Klinge des Messers war zwölf Zentimeter lang. Sharon verblutet.

Chiara habe den Kampf in ihrem Kinderzimmer gehört, sagen die Ermittler, sie habe Todesangst gehabt und sich von innen gegen die Zimmertür gestemmt. Nachdem Sharon zusammengebrochen auf dem Boden gelegen habe, soll Thomas S. in Chiaras Zimmer gestürzt und mit Hantelstange und Messer noch einmal auf die Achtjährige losgegangen sein. Laut Anklageschrift habe er ihr den Schädel zertrümmert und ihr die Schlagader durchtrennt. Das sterbende Mädchen habe er ins Schlafzimmer der Mutter im zweiten Stock getragen.

Dort habe Thomas S. auf seine Schwägerin gewartet, um auch diese zu töten. Zuvor habe er das Blut in der Wohnküche aufgewischt, die Badewanne im ersten Stock gefüllt, ein Handmixgerät in die nächstgelegene Steckdose gesteckt und im zweiten Stock das Stromkabel der Deckenlampe aus der Verankerung gerissen. Anette S. sollte in der Dunkelheit nach oben kommen, bevor er sie in die Wanne legen wollte, um den Suizid vorzutäuschen.

"Ihm wurde die Zeit zu knapp"

Doch Anette S. kam erst gegen 4.45 Uhr in Begleitung ihres Lebensgefährten nach Hause. Sie entdeckte ihre beiden toten Kinder - aber nicht Thomas S. Dieser, so glauben die Ermittler, habe nach langer Wartezeit die Wohnung verlassen, weil er "befürchten musste, dass die weitere Ausführung seines Tatplans in den frühen Morgenstunden nicht unbemerkt bleiben würde". Der vierfache Familienvater habe sich daher entschlossen, "von einer weiteren Tatausführung Abstand zu nehmen", heißt es in der Anklageschrift.

Wenn es so war, wie die Staatsanwaltschaft vermutet, bleiben viele Fragen offen: Warum ließ Thomas S. die Tatwaffen zurück? Was hatte er mit dem Lebensgefährten seiner Schwägerin vor?

"Mit welchen Varianten er gerechnet hat und warum er die Tatwaffen im Haus ließ, können wir nicht sagen, nur, dass er auch die Mutter umbringen und die Tat als erweiterten Suizid tarnen wollte", sagt Oberstaatsanwältin Andrea Titz. Doch die Zeit sei ihm "zu knapp geworden". Hauptbeweismittel gegen Thomas S. seien DNA-Spuren an den Tatwaffen, an den Leichen der Kinder und anderen tatrelevanten Orten.

Einen zweiten Täter schließen die Ermittler aus. Ebenso, dass Ursula S., die Ehefrau, in die Tat involviert ist. Dafür gibt es laut Titz "überhaupt gar keine Anhaltspunkte". Für sie gibt es keinerlei Zweifel daran, dass Thomas S. der Mörder von Sharon und Chiara ist. Nun müssen die Richter entscheiden, ob sie der Einschätzung der Staatsanwaltschaft folgen.

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