Anschlag auf Borussia Dortmund "Ich wollte niemanden töten"

Sergej W. hat den Bombenanschlag auf die Mannschaft von Borussia Dortmund gestanden. Angeblich wollte er mit der Tat keine Menschen schädigen. Besonders überzeugend ist diese Darstellung nicht.

Sergej W. im Landgericht Dortmund
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Sergej W. im Landgericht Dortmund

Von , Dortmund


"Ich bedauere mein Verhalten zutiefst", beginnt Sergej W. sein Geständnis. Nach Monaten des Leugnens und Schweigens ist an diesem Montagmorgen der Augenblick gekommen, da W. die Verantwortung für den Bombenanschlag auf das Team des Fußballvereins Borussia Dortmund übernimmt.

Was er getan habe, tue ihm leid, sagt W. Doch habe er "niemanden verletzen oder töten", sondern "einen Anschlag nur vortäuschen wollen", um einen Kurssturz der BVB-Aktie auszulösen. W. hatte zuvor Optionsscheine gekauft, um damit viel Geld zu verdienen. Sein Verteidiger Carl Heydenreich wird später ergänzen, W. habe die Sprengkraft der Bomben unterschätzt. (Lesen Sie die Rekonstruktion der Tat hier).

Der Anwalt hatte bereits zu Prozessauftakt im Dezember eine Tötungsabsicht seines Mandanten zurückgewiesen: Von den 65 Metallstiften, die den Sprengsätzen beigegeben wurden, seien höchstens zwei in den Bus eingedrungen, weshalb zugunsten des Angeklagten angenommen werden müsse, "dieser habe den Bus tatsächlich gar nicht treffen und Menschen verletzen wollen, sondern den Abschusswinkel bewusst so gewählt, dass dies möglichst vermieden wird", so Heydenreich.

Doch die Argumentation ist wenig überzeugend. Es darf bezweifelt werden, dass die 39. Große Strafkammer des Dortmunder Landgerichts unter dem Vorsitz von Peter Windgätter ihr folgen wird.

Wer baut solche Bomben, wenn er einen Anschlag doch nur vortäuschen will?

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass W. versucht hat, im April 2017 das gesamte BVB-Team auszulöschen. Dafür sprechen zum einen die fingergroßen Metallbolzen, die handgefertigt und eingegossen in Epoxidharz als Schrapnelle vor die drei Sprengsätze montiert worden waren. Ein Experte des Bundeskriminalamtes beschreibt die Bomben vor Gericht als technisch ausgefeilt. Die Bolzen seien bis zu 200 Meter weit geflogen und hätten eine Kraft entfaltet, die um das anderthalbfach über der gelegen habe, die für eine tödliche Wirkung notwendig gewesen wäre, sagt der Kriminalhauptkommissar.

Wer baut solche Bomben, wenn er einen Anschlag doch nur vortäuschen will? Wenn er lediglich erschrecken, aber nicht zerstören und verheeren will?

Hinzu kommt die perfide Logik des Plans: Je größer der Schaden gewesen wäre, desto massiver wäre die Aktie gefallen und desto höher wäre wiederum der Gewinn des Sergej W. gewesen. Schließlich hatte er mit hochkomplizierten Finanzprodukten auf einen Crash des Wertpapiers gewettet. Im für W. lukrativsten Szenario wäre demnach der gesamte BVB-Kader verletzt oder getötet worden. Laut Anklage hätte W. maximal etwa 506.000 Euro erlösen können, tatsächlich lag sein Gewinn bei rund 5900 Euro.

Suchte Sergej W. nach weiteren Anschlagszielen?

Und noch etwas widerspricht der Erzählung des Sergej W. Nach Erkenntnissen der Ermittler suchte er wenige Tage nach dem Anschlag im Internet nach börsennotierten Betreiberfirmen von Seilbahnen. Dieses Verhalten lasse nur den Schluss zu, so die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage, dass sich W. bereits neue Ziele gesucht habe, um aus Kursverlusten nach Anschlägen Gewinne zu erzielen.

Sergej W. räumt jedenfalls vor Gericht ein, dass er den Tatverdacht in Richtung islamistischer Terroristen lenken wollte. Kurz nach dem Anschlag waren am Tatort drei wortgleiche Schreiben aufgefunden worden, die glauben machen sollten, die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) stecke hinter dem Bombenanschlag. Auch entdeckten Zeugen eine Feuerstelle im Wald nahe dem Anschlagsort. Sergej W. vernichtete dort unter anderem Einkäufe aus einem belgischen Supermarkt, um damit bewusst eine weitere falsche Spur in Richtung belgischer Islamisten zu legen, wie er nun bekennt.

Der mutmaßliche Attentäter aus Rottenburg in Baden-Württemberg litt offenbar unter psychischen Problemen. Kurz vor der Tat versorgte sich W. nach Erkenntnissen der Ermittler mit einem Rezept für das Medikament Escitalopram, das bei Angststörungen und Depressionserkrankungen verschrieben wird. Auf einem seiner Laptops entdeckten die Beamten Links zu Webseiten, die sich mit unterschiedlichen psychischen Krankheitsbildern befassen. Dazu gehörten unter anderem Persönlichkeitsstörungen und bipolare Störungen.

Vor Gericht sagt Anwalt Heydenreich nun, W. habe keinen Sinn mehr in seinem Leben gesehen - nachdem seine Freundin einen längeren Auslandsaufenthalt in Australien angetreten habe. Der Ertrag des Anschlags auf den BVB hätte Sergej W. seiner Familie zugedacht: "Er wollte den Eltern etwas hinterlassen, sollte er aus dem Leben scheiden."

Ein psychiatrischer Sachverständiger soll W. nun begutachten. An der Schuldfähigkeit des 28-Jährigen dürfte es jedoch keine Zweifel geben.

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