Dortmund: Neonazis greifen Jugendliche an

Von , Düsseldorf

Er gilt als einer der bekanntesten Neonazis Nordrhein-Westfalens: Der Dortmunder Sven K. erstach vor sechs Jahren den Punker "Schmuddel". Jetzt soll der 24-Jährige auf zwei türkische Jugendliche losgegangen sein - auf dem Weihnachtsmarkt.

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Neonazi-Demonstration in Dortmund (2010): Starker Zulauf von Kadern und Aktivisten

Man hätte meinen können, die Neonazis hielten sich erst einmal zurück. Man hätte denken können, die allgemeine Empörung über die der Zwickauer Zelle zugeschriebenen Verbrechen machte sie vielleicht nachdenklich. Doch das Gegenteil scheint der Fall zu sein: Während die Republik mit der bitteren Erkenntnis ringt, dass es hierzulande tatsächlich rechtsradikale Terroristen gibt, schlagen die Glatzen in Dortmund wieder zu.

Es soll bloß ein Wortwechsel gewesen sein, der am späten Samstagabend auf dem Weihnachtsmarkt der Ruhrgebietsstadt dazu führte, dass ein halbes Dutzend Männer "in szenetypischer Bekleidung", so die Oberstaatsanwältin Ina Holznagel, auf zwei Jugendliche losging. "Scheiß Ausländer" hätten die Angreifer gebrüllt, sagte einer der Attackierten später den "Ruhr Nachrichten". Dann habe er nur noch "Springerstiefel gesehen". Der in Deutschland geborene Türke erlitt nach Angaben der Ermittler "beträchtliche Verletzungen".

Zu dem entfesselten Mob gehörte nach ersten Erkenntnissen der Behörden auch ein alter Bekannter der Staatsschützer. Sven K. hatte im März 2005 an einer U-Bahn-Haltestelle den Punker Thomas "Schmuddel" S. erstochen. Das Landgericht Dortmund, das für den Totschlag später eine Jugendstrafe von sieben Jahren verhängte, erkannte in seinem Urteil, dass der damals 17-Jährige in "seiner sozialen-sittlichen Entwicklung erhebliche Defizite" aufwies.

Kontakt zu Kameraden

Doch auch wenn K. im Herbst 2010 vorzeitig auf freien Fuß kam, schien sich an diesem Manko nicht viel geändert zu haben. Der Dortmunder Antifa zufolge suchte der aus der Haft entlassene Rechtsradikale umgehend den Kontakt zu seinen Gesinnungsgenossen - und schreckte möglicherweise trotz Bewährungsauflagen nicht vor neuerlichen Straftaten zurück.

Im Dezember 2010, nachts um 1 Uhr, sah man kahl rasierte Schädel, breite Schultern und Bomberjacken, man hörte wütende Schreie und Beschimpfungen. Ein Dutzend Neonazis griff die linke Dortmunder Szenekneipe HirschQ ("Asozial aus Tradition") an, mehrere Personen wurden verletzt. "Wir bedauern", sagte der Stadtsprecher hinterher, "dass erneut Menschen Opfer von rechter Gewalt geworden sind."

Besonders brisant an dem Vorfall: An der Attacke soll auch Sven K. beteiligt gewesen sein. Noch in der Nacht nahm die Polizei ihn fest. Er bestritt jedoch eine Beteiligung an dem Überfall vehement und durfte wieder nach Hause gehen. Die linke Szene schäumte und unterstellte den Behörden eine ausgeklügelte Verschleppungstaktik, was die allerdings bestritten.

Dortmund ist ein Schwerpunkt der Szene

Nirgendwo in Deutschland werden mehr rechte Straftaten gezählt als in dem bevölkerungsreichen Nordrhein-Westfalen. Zwischen 4000 und 5000 Verfahren leiteten die Behörden hier in den vergangenen Jahren jeweils ein. Und Dortmund ist ein Zentrum der Szene.

Der WDR nannte die Stadt bereits eine "Neonazi-Hochburg". Ein Aussteiger sagte: "Gerade in Dortmund haben wir uns oft gewundert, wie es sein kann, dass wir solche Dinge tun, wie körperliche Angriffe auf Antifaschisten, ohne dass es Konsequenzen gegeben hat. Dass wir entweder gar nicht festgenommen wurden, es gar nicht zur Anzeige kam oder dass die Anzeige eingestellt wurde."

Aktivisten der Antifa sind überzeugt, dass die Dortmunder Behörden gegen rechte Straftäter jahrelang besonders zögerlich vorgegangen sind. Polizei, Stadtverwaltung und Staatsanwaltschaft weisen diese Vorwürfe entschieden zurück. Die Ermittlungen wie etwa die wegen des Überfalls auf die linke Szenekneipe HirschQ seien eben aufwendig und langwierig, so Oberstaatsanwältin Ina Holznagel.

Pöbeleien, Überfälle und Einschüchterungen

Jedenfalls haben sich im Stadtteil Dorstfeld die Rechten breitmachen können. Immer wieder kam es zu Pöbeleien, Überfällen und Einschüchterungen. Wände wurden beschmiert, Scheiben eingeworfen, Menschen zusammengeschlagen. Eine Familie, die wohl wegen ihres Engagements gegen Nazis wiederholt Opfer von Angriffen wurde, flüchtete aus der Stadt.

Die Zahl der rechten Straftaten ist in Dortmund in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Verurteilungen allerdings gab es wenige. Zumeist scheiterten die Ermittlungsbehörden an der Beweislage. Ist der Hakenkreuz-Sprayer oder Steinewerfer erst einmal entkommen, wird ihn die Polizei nur in den seltensten Fällen aufspüren.

Die Landtagsabgeordnete Anna Conrads (Die Linke) und die Dortmunder Antifaschisten gehen davon aus, dass die rechte Szene in der Stadt mehrere hundert Personen mobilisieren kann. Sie habe in den vergangenen Jahren starken Zulauf von Kadern und Aktivisten aus den neuen Bundesländern erhalten, heißt es. Und die Sogwirkung, die von der Kameradschaft "Nationaler Widerstand Ruhrgebiet" ausgehe, sei ungebrochen.

Jetzt allerdings könnten die Dortmunder Neonazis mit Sven K. einen schlagkräftigen Kader verlieren. Seit Sonntag sitzt der 24-Jährige in Untersuchungshaft und schon macht in Justizkreisen ein Wort die Runde, das eigentlich auch von den linken Aktivisten sehr begrüßt wird. Es lautet: Sicherungsverwahrung.

Offiziell indes mag sich die Staatsanwaltschaft dazu nicht äußern. Noch nicht.

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