Mordprozess in Dortmund Verdächtiger nach 32 Jahren freigesprochen

Ein Mann sitzt Jahrzehnte in einer geschlossenen Psychiatrie, weil er in Essen einen Jungen umgebracht haben soll. Dann gesteht ein anderer die Tat. Erst Jahre später wird das Urteil revidiert. Wer den Mord beging, bleibt unklar.

Angeklagter K. (r.) mit Verteidiger im Dortmunder Landgericht (Archivbild)
Alex Völkel

Angeklagter K. (r.) mit Verteidiger im Dortmunder Landgericht (Archivbild)


Mehr als 32 Jahre nach dem Mord an einem siebenjährigen Jungen in Essen ist der Verdächtige doch noch freigesprochen worden. Der heute 54 Jahre alte, geistig behinderte Dirk K. war wegen der Tat 1986 für unbestimmte Zeit in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen worden. Später hatte aber auch ein anderer Mann den Mord an dem Jungen gestanden.

Im aktuellen Wiederaufnahmeverfahren vor dem Dortmunder Schwurgericht konnten die Richter dem Beschuldigten den Mord deshalb nicht mehr eindeutig nachweisen. Der Vorsitzende Richter Ulf Pennig wollte aber ausdrücklich nicht von einem Justizskandal sprechen.

Am 22. April 1985 war der sieben Jahre alte Nara-Michael vom Spielen nicht nach Hause gekommen. Er wurde später ermordet und sexuell missbraucht in einem Wald gefunden. Kurz danach wurde Dirk K. festgenommen.

Anwalt entdeckte zweites Geständnis wieder

Er hatte damals ein Geständnis abgelegt und zugegeben, pädophile Neigungen zu haben. Vor Gericht widerrief er das Geständnis, wurde aber dennoch verurteilt. Wegen seiner Behinderung kam eine lebenslange Haft wegen Mordes nicht in Betracht. Deshalb war der Mann auf unbestimmte Zeit in eine geschlossene Psychiatrie eingewiesen worden.

Vor zwanzig Jahren gestand ein anderer Mann den Mord. Auch er widerrief später. Das Verfahren wurde trotzdem zunächst nicht neu aufgerollt. Die Staatsanwaltschaft hielt das Geständnis für unglaubwürdig.

Erst 2013 entdeckte der Anwalt des vermeintlichen Täters das zweite Geständnis und erreichte so eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Im Februar 2016 kam Dirk K. frei, lebt seitdem unter Betreuung im Ruhrgebiet, wie die "Westdeutsche Zeitung" berichtet.

Höchste Haftentschädigung in NRW

Die Richter entschieden nun, es sei unklar, wer der beiden Männer der Mörder ist. Sie sprachen den Verdächtigen deshalb frei. Außerdem soll er Schadensersatz bekommen. Eine Summe wurde im Urteil jedoch nicht genannt. Nach Angaben des NRW-Justizministeriums dürfte es aber die höchste Haftentschädigung sein, die das Land jemals einem Häftling gezahlt hat. Seit 2007 liegt die Entschädigung bei 25 Euro pro Tag in Haft.

Der Dortmunder Fall weist Ähnlichkeiten mit dem Fall Gustl Mollath auf. Im Jahr 2002 hatte die Ehefrau den Nürnberger wegen Körperverletzung angezeigt. Mollath hatte die Vorwürfe stets zurückgewiesen. In zwei Verfahren attestierten ihm Gutachter eine psychische Störung. 2006 wurde er zwar wegen Schuldunfähigkeit freigesprochen, jedoch in die Psychiatrie eingewiesen. Wegen neuer Erkenntnisse wurde sein Fall wieder aufgerollt: Im August 2014 sprach das nun zuständige Landgericht Regensburg Mollath frei.

koe/dpa



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