Niederländischer Arzt: Wie "Dr. Frankenstein" nach Deutschland kam

Von Anna-Lena Roth

In den Niederlanden wird Ernst J. S. schwere Körperverletzung vorgeworfen. Jahrelang soll er Dutzende Patienten falsch behandelt haben. Trotzdem arbeitete er in mehreren deutschen Kliniken. Nun beklagen sich auch hier die ersten Patienten über "Dr. Frankenstein".

Schild vor den SLK-Kliniken am Gesundbrunnen: J.S. soll Patienten falsch behandelt haben Zur Großansicht
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Schild vor den SLK-Kliniken am Gesundbrunnen: J.S. soll Patienten falsch behandelt haben

Als Yme Drost die Nachrichten aus Deutschland hört, kann er es zunächst nicht glauben. Will es nicht glauben. Seit knapp acht Jahren beschäftigt sich der niederländische Anwalt mit dem Fall "Dr. Frankenstein". Diesen Spitznamen verpassten niederländische Medien dem Arzt Ernst J. S.: Ihm wird unter anderem schwere Körperverletzung vorgeworfen, die Staatsanwaltschaft spricht vom "größten medizinischen Strafprozess in der Geschichte des Landes".

Drost vertritt 198 Niederländer, die sich als Opfer von J. S. sehen. Er kennt ihre Geschichten. Weiß, wem J. S. eingeredet hat, an Alzheimer oder an Parkinson zu leiden, obwohl das gar nicht stimmte. Und seit Freitag weiß Drost auch, dass J. S. in den vergangenen Jahren in Deutschland praktiziert hat.

2010 arbeitete J. S. für einige Monate in den Mittelweser Kliniken in Nienburg, wenig später in Worms. Zuletzt war er in Heilbronn angestellt. Doch nach Medienberichten über die Vorwürfe gegen J. S. feuerte die Klinikleitung den Arzt am vergangenen Freitag.

Gerüchte gab es schon 2011

Mitte 2011 wurde J. S. von einer Agentur an das Heilbronner SLK-Klinikum am Gesundbrunnen vermittelt. Noch im selben Jahr wurden dort Gerüchte laut, J. S. verfüge aufgrund der in den Niederlanden erhobenen Vorwürfe über keine gültige Zulassung. Die Personalabteilung habe dies untersucht, heißt es in einer Mitteilung der SLK-Kliniken: "Da Ernst J. S. eine gültige deutsche Approbation aus dem Jahr 2006 sowie eine gültige Facharzturkunde vorlegen konnte, sah man im Ergebnis der Nachforschung keine Einwände gegen eine Weiterbeschäftigung."

Der neurologische Chefarzt habe zudem Kontakt zu einem früheren Arbeitgeber des Niederländers aufgenommen. Dort sei von Auffälligkeiten keine Rede gewesen. Ein Klinikmitarbeiter habe bei Google die Hintergründe des Mannes recherchiert. Die Suche blieb jedoch erfolglos, "möglicherweise wegen der unterschiedlichen Namensführung des Ernst J. S.", heißt es in der Mitteilung.

Fest steht, dass die Klinik 2011 von dem Verfahren gegen J. S. wusste. Warum dies keine Konsequenzen hatte, wollte ein Sprecher auf Nachfrage nicht sagen.

Überprüfung sämtlicher Behandlungen

Noch am Wochenende hatte Klinikchef Thomas Jendges erklärt, in Heilbronn sei "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" kein Patient geschädigt worden. J. S. sei bei seiner Arbeit unter ständiger Aufsicht des Chefarztes und der Oberärzte gewesen. Um sicherzugehen soll nun eine unabhängige Expertenkommission - bestehend aus Mitarbeitern der Neurologischen Klinik des Universitätsklinikums Heidelberg - alle Behandlungen überprüfen, an denen J. S. beteiligt war. Erste Ergebnisse werden in der kommenden Woche erwartet.

Auch die Staatsanwaltschaft Heilbronn befasst sich inzwischen mit dem Fall. "Wir haben Vorermittlungen aufgenommen", sagte Sprecher Harald Lustig. Bei den SLK-Kliniken haben sich zwei ehemalige Patienten von J. S. gemeldet, die Behandlungsfehler durch den Arzt anprangern. Eine weitere Patientin meldete sich direkt bei der Staatsanwaltschaft. Die 33-Jährige habe sich über unnötige Schmerzen nach der Behandlung durch J. S. beklagt, sagte Lustig. Ob tatsächlich ein Verfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung eingeleitet werde, solle in den kommenden Wochen entschieden werden.

Bis dahin werden laut Lustig die entsprechenden Behandlungsunterlagen gesichtet, im Zweifelsfall müsse ein Gutachter hinzugezogen werden. Zudem solle geklärt werden, ob dem Mediziner in den Niederlanden die Approbation entzogen wurde oder ob er sie freiwillig abgegeben hat - und wie er in Deutschland an eine neue kam.

Keine Vorwürfe bekannt

Von 1998 bis 2003 war J. S. an einem Krankenhaus in Enschede beschäftigt, dann wurde seine Medikamentensucht bekannt, die Klinik setzte ihn vor die Tür. Drei Jahre später erhielt er in Deutschland die Approbation: Die Bezirksregierung in Arnsberg erteilte sie. Der Mediziner habe seine Universitätszeugnisse, ein niederländisches Führungszeugnis sowie die Bescheinigung der niederländischen Behörde vorgelegt, die dort Approbationen erteilt, sagte Sprecher Christoph Söbbeler. Von den Vorwürfen gegen J. S. sei nichts bekannt gewesen.

Man stehe nun im Austausch mit den Behörden in Baden-Württemberg, mit Kripo und Staatsanwaltschaft. "Sollte es neue Fakten zum Fall J. S. geben, werden wir unsere Entscheidung noch einmal überdenken."

"Der Mann ist verrückt"

Für Anwalt Drost ist es unbegreiflich, dass es überhaupt so weit kommen konnte. "Der Mann hat keine Ahnung, was er seinen Patienten angetan hat", sagt der 51-Jährige. Drost kennt J. S. persönlich, 1986 war er selbst als Patient zu dem Neurologen überwiesen worden. Er habe auf ihn einen netten Eindruck gemacht. Heute sagt Drost: "Er ist verrückt."

Schon Anfang 2005 hätten sich die ersten niederländischen Opfer bei ihm gemeldet. Erst vier Jahre später - und nach Androhung einer Klage sowie einer Medienoffensive - habe die Staatsanwaltschaft in den Niederlanden im Februar 2009 Ermittlungen gegen J. S. eingeleitet.

Für 80 seiner Mandanten hat Drost bereits Schadensersatz erstritten, die Beträge schwanken seinen Angaben zufolge zwischen ein paar hundert Euro und der Höchstsumme von 265.000 Euro. Das Geld habe die Versicherung der Klinik einem Mann gezahlt, der mit Nackenschmerzen zu J. S. gekommen sei. "Der Arzt stellte fälschlicherweise die Diagnose Multiple Sklerose und verschrieb entsprechende Medikamente", sagt Drost. Inzwischen sitze der Patient wegen des Behandlungsfehlers im Rollstuhl, Arme und Beine könne er kaum bewegen.

Vor dem Strafgericht in Almelo muss sich J. S. in 21 Fällen verantworten, ihm wird neben schwerer Körperverletzung unter anderem auch vorgeworfen, Rezepte gefälscht und 80.000 Euro veruntreut zu haben. Eine erste Voruntersuchung fand am 28. November statt, die zweite soll am 3. April folgen. Drost hofft, dass der Prozess gegen J. S. im Sommer beginnen kann, ihm drohten maximal zwölf Jahre Haft. "Vor Gericht wird auch der Fall einer Patientin behandelt, bei der J. S. fälschlicherweise Alzheimer diagnostiziert hat", sagt Drost. Die Frau habe sich daraufhin das Leben genommen.

Mit Material von dpa

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1.
chestbaer 08.01.2013
""Der Arzt stellte fälschlicherweise die Diagnose Multiple Sklerose und verschrieb entsprechende Medikamente", sagt Drost. Inzwischen sitze der Patient wegen des Behandlungsfehlers im Rollstuhl, Arme und Beine könne er kaum bewegen." Sicherlich hat man sich beim Nachweis des Behandlungsfehlers Mühe gegeben und tatsächlich kann man sich auch irgendwie vorstellen, dass in Extremfällen eine Immunsuppressive Therapie zu einer Tetraparese führt. Aber andererseits könnte es auch eine Folge der MS sein? Ist zu diesem extremen Fall etwas bekannt?
2. Es wird immer komplizierter
abominog 08.01.2013
grundsätzlich noch auf der Seite der Ärzte zu sein. Im Laufe meines Lebens habe ich ebenfalls so manche fragwürdigen Begegnungen der medizinischen Art gehabt, immerhin kenne ich aber auch ein paar Ärzte, für die ich ohne zu zögern ihre Reputation retten würde. Eins steht jedenfalls fest: Bei den hiesigen Hippokraten (ich vermeide übrigens ganz bewusst die Vorsilbe "Anti") läuft offensichtlich vieles völlig falsch. Wo liegt das Problem und warum ist das so?
3. Na
tunga 08.01.2013
Zitat von sysopIn den Niederlanden ist Ernst J. S. wegen schwerer Körperverletzung angeklagt. Jahrelang soll er Dutzende Patienten falsch behandelt haben. Trotzdem arbeitete er in mehreren deutschen Kliniken. Nun beklagen sich auch hier die ersten Patienten über "Dr. Frankenstein". "Dr. Frankenstein": Niederländischer Arzt soll falsch behandelt haben - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/dr-frankenstein-niederlaendischer-arzt-soll-falsch-behandelt-haben-a-876355.html)
so lange er eine gültige Approbation besitzt kann er doch im Scheinheiligen Deutschland pfuschen bis der Arzt kommt. Aber wehe es fehlt der Nachweis einer 3jährigen Ausbildung zum Fleischereifachverkäufer. Er wird medial gesteinigt, geteert und gefedert.
4. Referenz von Google
localpatriot 08.01.2013
Zitat: "Der neurologische Chefarzt habe zudem Kontakt zu einem früheren Arbeitgeber des Niederländers aufgenommen. Dort sei von Auffälligkeiten keine Rede gewesen. Ein Klinikmitarbeiter habe bei Google die Hintergründe des Mannes recherchiert. Die Suche blieb jedoch erfolglos, "möglicherweise wegen der unterschiedlichen Namensführung des Ernst J. S.", heißt es in der Mitteilung. Fest steht, dass die Klinik 2011 von dem Verfahren gegen J. S. wusste. Warum dies keine Konsequenzen hatte, wollte ein Sprecher auf Nachfrage nicht sagen." Warum nicht gleich zur Wikipedia, da kann jeder seinen eigenen Eintrag machen. Also so etwas von ungeschickt. Arme Patienten. Da war der Weisenhof frueher bestimmt voraus, wenigstens in der Personalabteilung.
5.
heute_morgen 08.01.2013
in deutschen psychiatrien findet zur zeit das große reinemachen statt. ärtze werden ins ausland versetzt, akten verschwinden.
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