Polizeieinsatz in Franken Die Belagerung des Drachenlords

Bis zu 800 Menschen haben in einem Dorf in Franken gegen einen YouTuber namens "Drachenlord" protestiert - trotz Versammlungsverbot. Die Anwohner sind genervt, die Polizei sprach gut 300 Platzverweise aus.

Auflauf in Altschauerberg
DPA/ NEWS5

Auflauf in Altschauerberg


Mit einem Großaufgebot musste die bayrische Polizei am Montag in Emskirchen anrücken. Genauer: in Altschauerberg, einem Ortsteil von Emskirchen. Dort, etwa eine halbe Autostunde nordwestlich von Nürnberg, lebt der YouTuber "Drachenlord1510" - und gegen den hatte sich im Internet massiver Protest formiert.

Etwa 10.000 Menschen hatten zu einer Veranstaltung mit dem Titel "Dem Drachen das Fürchten lehren!" (sic) ihr Kommen angekündigt. Die Versammlung sollte vor dem Haus des YouTubers stattfinden. In Altschauerberg leben etwa 40 Menschen - entsprechend groß war die Nervosität in der fränkischen Provinz.

Das zuständige Landratsamt hatte bereits am Freitag ein Versammlungsverbot für das Gemeindegebiet Emskirchen verhängt, das von Samstag bis Dienstagmittag galt. "Es gab konkrete Hinweise auf geplante Straftaten bis hin zu Morddrohungen gegen den 'Drachenlord'", teilte ein Sprecher des Amtes mit. Weil niemand die Veranstaltung angemeldet habe, sei das Verbot zum Schutz des YouTubers und anderer Anwohner erlassen worden.

"Über den Tag verteilt sind am Montag 600 bis 800 Menschen im Ort gewesen", sagte ein Polizeisprecher. Die überwiegend jungen Männer hätten sich mehrmals zu größeren Gruppen zusammengetan. Es seien etwa 300 Platzverweise ausgesprochen worden. Die Angereisten kamen nach Polizeiangaben aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. "Von Hamburg bis nach Österreich und die Schweiz war alles dabei", heiß es.

"Ich prügel' die Scheiße aus euch raus"

Erst gegen Mitternacht beruhigte sich die Situation. Zuvor waren vom DFB-Pokalspiel zwischen Greuter Fürth und Borussia Dortmund etwa 20 Spezialkräfte der Polizei abkommandiert worden, um die Beamten in Emskirchen zu unterstützen. Diese hatten schon am Nachmittag die Zufahrten in den Ortsteil Altschauerberg abgeriegelt.

Die Aufregung hat eine Vorgeschichte. "Drachenlord", der eigentlich Rainer Winkler heißt, hatte 2013 in einem Video seine Wohnadresse preisgegeben. "Kommt zu mir und legt euch mit mir an, ich prügel' die Scheiße aus euch raus", hatte er damals gesagt, offenbar nachdem seine Schwester von einem seiner Zuschauer einen einschüchternden Anruf erhalten hatte.

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Zwischen Winkler und seinen Kritikern gibt es seit mehreren Jahren Streit. Er veröffentlicht Videos über sein Leben und provoziert auch mit extremen Ansichten - einmal bezeichnete er etwa den Holocaust als "nice Sache". Seine Kritiker beschimpfen ihn und machen sich über sein Aussehen, sein Gewicht und seine Ansichten lustig.

Seither fuhren immer wieder Unbekannte zu Winklers Haus und wurden teilweise übergriffig. Er wurde geschlagen und von einem Maskierten mit Eiern beworfen. Videos der Aktionen landeten im Netz.

2016 verurteilte das Landgericht Nürnberg einen damals 24-Jährigen zu einer mehrjährigen Haftstrafe. Neben etlichen anderen Straftaten hatte er einen falschen Notruf abgesetzt und damit einen großen Polizei- und Feuerwehreinsatz bei dem "Drachenlord" ausgelöst.

Der neuerliche Vorfall sei aber von einer bislang unerreichten Größe gewesen, teilte die Polizei mit. Es seien Böller geflogen, dadurch sei eine kleine Grasfläche am Straßenrand in Brand geraten. Ein Polizist sei bespuckt worden. Man rechne auch in Zukunft nicht damit, dass es mit den Einsätzen bei Winkler so bald vorbei sei.

Polizeieinsatz am Montagabend
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Polizeieinsatz am Montagabend

Die übrigen Anwohner sind zunehmend genervt. Im Rahmen der Versammlung hätten gestern fünf junge Männer bei ihr übernachtet, berichtet etwa die Betreiberin eines nahen Gasthofes. "Die waren freundlich, das ist nicht immer so", sagt sie. Mehrmals hätten Unbekannte bei ihr schon Zimmer auf Winklers Namen reserviert, um sich einen Spaß zu erlauben.

Andere sind von den Vorfällen nur noch genervt. Ein Restaurantbesitzer möchte am Telefon keine Auskünfte mehr geben, zu oft hätten anonyme Anrufer bei ihm in bereits in Winklers Namen bestellt oder Tische reserviert. Auch ein Nachbar Winklers möchte sich nicht mehr äußern: "Dazu sage ich gar nichts mehr, können Sie vergessen."

Laut "Bayerischem Rundfunk" hat sich die Dorfgemeinschaft in der Causa an den örtlichen Landtagsabgeordneten gewandt. Der Bürgermeister vom Emskirchen steht für ein Gespräch derzeit nicht zur Verfügung. Und der "Drachenlord" selbst? Seit neuestem heißt es auf seinem YouTube-Kanal: "Auf unbestimmte Zeit pausiert."

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fek/dpa

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