Urteil gegen Dreifachmörder Tödliche Irrtümer

Jan G. tötete seine Oma und zwei Polizisten, dafür wurde er zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Der Fall des Dreifachmörders wirft kein gutes Licht auf Psychiatrie, Gerichte und Behörden.

Jan G. mit Anwalt Stefan Böhme im Landgericht Frankfurt (Oder)
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Jan G. mit Anwalt Stefan Böhme im Landgericht Frankfurt (Oder)

Aus Frankfurt (Oder) berichtet Uta Eisenhardt


Kerzengerade stand Jan G. im Landgericht Frankfurt (Oder) neben seinem Verteidiger. Er hatte sich herausgeputzt, trug eine enge beigefarbene Strickjacke zum schwarzen Hemd, dazu eine schmale Krawatte. Er schaute nicht ins Publikum. Der 25-Jährige war mit sich beschäftigt, die Anspannung war ihm anzusehen. Er dürfte geahnt haben, welches Urteil das Gericht in seinem Fall sprechen würde.

Wegen dreifachen Mordes verurteilte die Kammer um die Vorsitzende Richterin Claudia Cottäus den Angeklagten zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Das Gericht hält ihn, der keine Reue gezeigt habe, für voll schuldfähig. Für die Tötung seiner Großmutter, der 79-jährigen Marianne G., erkannte das Gericht als Motiv niedere Beweggründe - ebenso für den Mord der beiden Brandenburger Polizisten Torsten K. und Torsten P., die Jan G. absichtlich überfuhr, kurz bevor die Beamten ein Nagelbrett auf die Fahrbahn werfen konnten. Sie wollten Jan G. stoppen, der nach dem Mord an seiner Großmutter auf der Flucht war.

Die beiden Polizistenmorde seien obendrein heimtückisch, befanden die Richter. Sie stellten die besondere Schwere der Schuld fest. Nach Verbüßung seiner Haft droht dem vorbestraften Jan G. die Sicherungsverwahrung. "Von einer Minute auf die andere war alles anders und Leben zerstört", sagte Richterin Cottäus. "Lücken werden bleiben, daran wird auch das Urteil nichts ändern."

Dreieinhalb Stunden lang erläuterte die Kammer, was sie über Jan G. und die Geschehnisse des 28. Februar 2017 herausgefunden hatte. Den Tag, an dem alles zusammenkam, was im Leben des 25-Jährigen schiefgelaufen war.

Aus dem Heim als "nicht führbar" entlassen

Sein Vater starb, als Jan G. drei Jahre alt war. Von einem der wechselnden Partner seiner Mutter wurden der Junge und seine beiden älteren Schwestern sexuell missbraucht. In der Schule kam er gut mit, doch fiel er vor allem durch sein gestörtes Sozialverhalten auf. Aufenthalte in der Psychiatrie änderten daran nichts. G. beleidigte, bedrohte, wurde handgreiflich.

Mit 13 begann er, Drogen zu nehmen und verweigerte den Schulbesuch. Er kam in ein Heim und wurde als "nicht führbar" nach Hause entlassen. Zwar schaffte er den erweiterten Hauptschulabschluss, eine Ausbildung aber hielt er trotz etlicher Anläufe nicht durch.

Mit 21 Jahren musste er das erste Mal ins Gefängnis. Nur seine Oma Marianne G. besuchte ihn dort. Sie war bereit, ihn bei sich aufzunehmen, als Jan G. im August 2014 nach 17-monatiger Haft auf Bewährung entlassen wurde. Trotzdem bestimmten Drogen und Straftaten weiterhin sein Leben. Regelmäßig bedrohte er Familienmitglieder, einschließlich seiner Großmutter. Sie bemühte sich wiederholt und vergeblich, ihren Enkel wieder aus ihrem Haus zu bekommen.

Im Februar 2016 kam Jan G. wieder einmal in eine Klinik. Dort äußerte ein Psychiater den Verdacht, der Patient könne schizophren sein. Das führte dazu, dass Jan G. neun Monate später in einem Prozess wegen mehrerer Delikte vom Landgericht Frankfurt (Oder) wegen Schuldunfähigkeit freigesprochen wurde. Zwar wurde seine Unterbringung in der forensischen Psychiatrie angeordnet, aber zur Bewährung ausgesetzt: Durch Medikamente und eine Psychotherapie könne die Rückfallgefahr auf ein erträgliches Maß reduziert werden, urteilten die Richter damals.

Faustschläge gegen die Oma

Die Einschätzungen von Psychiater und Gericht erwiesen sich als fatale Irrtümer - das macht den Fall zusätzlich brisant. Dreieinhalb Monate nach der Verurteilung auf Bewährung wurde Jan G. zum Mörder: Er war am frühen Morgen ins Haus seiner Großmutter im Ort Müllrose zurückgekehrt. Er hatte die Nacht in Shisha-Bars verbracht, war überreizt und missmutig, als er das Bad betrat. Dort lagen in der Badewanne diverse Gegenstände und Kleidungsstücke.

Um seine Oma zu erziehen, ihr zu zeigen, wie es ist, wenn man sich nicht waschen könne, kippte er ihr ein Glas Honig über den Kopf. Marianne G. reinigte sich notdürftig und ging ans Telefon, um sich von einer Freundin zum 79. Geburtstag gratulieren zu lassen.

Als ihr Enkel meinte, sie würde dabei auch über ihn und sein Verhalten reden, kappte er den Telefonstecker. Dann ging er auf seine Großmutter los, traktierte sie mit Fäusten. Im Prozess sagte er, ihm hätten die Hände vom Zuschlagen weh getan. Marianne G. schleppte sich ins Bad, wo ihr Enkel ihr das Gesicht zertrümmerte. Schließlich holte er ein Messer und verletzte die Großmutter am Hals. Sie verblutete.

"Allein mit mütterlicher Liebe ist ein Kind nicht zu erziehen"

Als die Vorsitzende Richterin das schilderte, verzog der Angeklagte genervt sein Gesicht und rief, man müsse die geringe Lebenserwartung seiner Oma und die lange Haftstrafe, die über ihn verhängt werde, in Relation setzen. Für viele Beobachter bestätigte dies die Einschätzung des psychiatrischen Gutachters. Er hatte Jan G. als Psychopathen mit einer emotional-instabilen und dissozialen Persönlichkeitsstörung beschrieben.

Als die Vorsitzende Richterin erwähnte, wie Jan G., getrieben von dem Gedanken, sich auf keinen Fall festnehmen zu lassen, sein Bedürfnis über das Lebensrecht der beiden Polizisten gestellt habe, sagte der Angeklagte: "Das war ein Reflex! So etwas tut man!" Die Richterin sagte: "Er wollte sich auf keinen Fall von der Polizei schnappen lassen - er ging in einen regelrechten Kampfmodus."

Jan G.s Verteidiger Stefan Böhme will Revision einlegen. Aber auch Jan G.s Mutter überlegt, ob sie das Land Brandenburg in Amtshaftung nimmt - weil die Ämter ihren jahrelangen Hinweisen auf die Gefährlichkeit ihres Sohnes nicht sorgfältig nachgegangen seien, sagt ihr Anwalt Peter-Michael Diestel: "Diese schweren Taten hätten verhindert werden können." Zwei Aktenordner voll mit Beschwerden und Hinweisen habe seine Mandantin an Behörden geschickt, um auf die Gefährlichkeit des Sohnes aufmerksam zu machen. "Sie ist ausgelacht worden."

Ob sich die Mutter schuldig fühlt an der Entwicklung ihres Sohnes, schuldig, dass sie sich nicht genügend um ihn gekümmert habe? Es gebe vielfältige Faktoren, antwortet der Anwalt. Die Gesellschaft sei ebenfalls schuld. "Allein mit mütterlicher Liebe ist ein Kind nicht zu erziehen."

Im Video: Warum stoppte niemand Jan G.?

SPIEGEL TV

Mit Material von dpa

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