Dresdner Prozess um getötete Ägypterin Mordaufruf zur Rache für Marwa

Der Fall sorgt für Wut, Trauer und Empörung: Alex W. hat im Juli die Ägypterin Marwa al-Schirbini während eines Prozesses erstochen. Nun steht er in Dresden vor Gericht. Die Sicherheitsvorkehrungen und das Interesse in Nahost sind enorm - im Internet gibt es nach SPIEGEL-Informationen einen Mordaufruf.

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Hamburg - Vor dem Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder von Marwa al-Schirbini ist im Internet ein Mordaufruf gegen den angeklagten Russlanddeutschen Alex W. aufgetaucht. In einer einstündigen Audiobotschaft legt Scheich Ihab Adli Abu al-Madschd in Deutschland lebenden Muslimen nahe, den Angeklagten zu töten - und stellt dafür Gottes Lohn in Aussicht.

Das sächsische Landeskriminalamt (LKA) hat die im Sommer eingestellte Drohung ausgewertet und geht laut Ermittlungsakten insgesamt von "einer Bedrohungssituation" für den Angeklagten und andere Verfahrensbeteiligte aus. Die LKA-Analysen sind der Grund für die scharfen Sicherheitsvorkehrungen bei der am Montag in Dresden beginnenden Hauptverhandlung.

Schon in der Nacht werden sich die ersten Scharfschützen und Spezialeinsatzkräfte vor dem Landgericht Dresden positionieren. Mit dem Prozess gegen Alex W. beginnt dann am Montagmorgen für die sächsische Justiz der Ausnahmezustand.

Der 28-Jährige hatte am 1. Juli während einer Gerichtsverhandlung die schwangere Marwa al-Schirbini getötet und deren Mann schwer verletzt. Voller Fanatismus und ohne Vorwarnung stürzte sich der Russlanddeutsche der Anklageschrift zufolge aus fremdenfeindlichen Motiven auf die 31-jährige Ägypterin - und rammte ihr ein mitgebrachtes Küchenmesser mindestens 18-mal in den Oberkörper. Marwa al-Schirbini starb noch am Tatort. Die Staatsanwaltschaft unterstellt Alex W. blindwütigen Hass auf Nichteuropäer und Muslime. Er ist wegen Mordes, versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung angeklagt.

Die junge Apothekerin hatte vor Gericht als Zeugin gegen Alex W. ausgesagt, nachdem sie ihn wegen Beleidigung angezeigt hatte. Auf einem Spielplatz hatte Marwa al-Schirbini den Mann gebeten, für ihren dreijährigen Sohn eine Schaukel freizugeben. Sie trug an jenem Tag - wie immer - Kopftuch. Alex W. quittierte ihre Bitte mit einem Wutausbruch und beschimpfte sie als "Islamistin", "Terroristin" und "Schlampe".

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Fall Marwa al-Schirbini: Trauer in vielen Ländern

In einer ersten Verhandlung wegen der Beleidigung war Alex W. laut Staatsanwaltschaft diszipliniert aufgetreten, zeigte sich jedoch uneinsichtig. Das Gericht verhängte daraufhin eine Geldstrafe, Alex W. legte Berufung ein. Es kam zum Revisionsprozess an jenem 1. Juli. Marwa al-Schirbini erschien begleitet von ihrem kleinen Sohn und ihrem 32-jährigen Mann, der derzeit an einem Dresdner Institut an seiner Promotion arbeitet. Die beiden wurden Zeugen wie Alex W. die im dritten Monat schwangere Marwa al-Schirbini tötete. Ihr Mann war ihr noch zur Hilfe geeilt und wollte sie beschützen. Doch auch auf ihn stach Alex W. 16-mal ein und verletzte ihn lebensgefährlich.

Über Notruf verständigten Gerichtswachtmeister die Polizei. Zwei Beamte stürmten in den Saal und hielten offenbar Marwa al-Schirbinis Ehemann zunächst für den Täter. Im Gemenge schossen sie ihm ins Bein. Der Pflichtverteidiger von Alex W. hatte noch versucht, seinen Mandanten mit einem Stuhl in der Hand von weiteren Übergriffen abzuhalten.

Der angeklagte Alex W. will sich vor Gericht äußern

Inzwischen hat der Ehemann Strafanzeige gegen den Gerichtspräsidenten und den Vorsitzenden Richter des damaligen Verfahrens eingereicht - weil diese ihre Sicherheits- und Sorgfaltspflichten verletzt hätten.

Alex W. werde zum Prozessbeginn am Montag eine "Erklärung zur Sache" abgeben, kündigte sein Verteidiger an, der Dresdner Rechtsanwalt Michael Sturm. Er fürchtet um einen fairen Prozess. "Die mediale Aufmerksamkeit, die Aufmerksamkeit im islamischen Raum und die enormen Sicherheitsvorkehrungen sind Gift für dieses Verfahren", sagt Sturm SPIEGEL ONLINE. "Es wird sich weisen, ob die Schwurgerichtskammer sich diesem Druck entziehen kann."

Der 28-jährige W. stammt aus dem russischen Perm, wo er eine Lehre als Lagerarbeiter absolvierte. Im Herbst 2003 kam er nach Dresden, fand zunächst keine Arbeit und lebte zuletzt von staatlicher Unterstützung. Berichte, wonach er bereits in der Vergangenheit als Gewalttäter aufgefallen sei, wollte sein Anwalt nicht bestätigen. "Er ist nicht vorbestraft", erklärte Sturm.

Die Staatsanwaltschaft sieht derzeit keine Hinweise für eine Schuldunfähigkeit des Angeklagten. Dem vorläufigen psychiatrischen Gutachten zufolge ist Alex W. weder schuldunfähig noch vermindert schuldfähig. Für den Prozess sind elf Verhandlungstage angesetzt, rund 30 Zeugen sollen vernommen werden. Das Urteil ist für den 11. November geplant.

"Recht hohe Gefährdung" vor allem des Angeklagten

An allen Sitzungstagen in Dresden werden mehr als 200 Polizisten - darunter Scharfschützen und SEK-Beamte - das Gerichtsgebäude sichern. Es gibt mehrere Sicherheitsschleusen, Kontrollen und abgesperrte Zonen. Das Landeskriminalamt Sachsen (LKA) hat für den Prozess eine Gefährdungsanalyse erstellt und auf deren Grundlage das Sicherheitskonzept erarbeitet. "Wir stufen die Gefahr sehr hoch ein", sagte eine LKA-Sprecherin SPIEGEL ONLINE.

Im Verhandlungssaal 0.84, in dem das Schwurgericht tagen wird, wurde eine 2,50 Meter hohe Sicherheitsglasscheibe zwischen den Plätzen der Prozessbeteiligten und denen der Zuschauer eingebaut. Sie soll vor möglichen Angriffen aus den Reihen des Publikums schützen. "Denn nicht nur der Angeklagte ist in Gefahr, sondern alle, die am Verfahren teilnehmen", sagte Richter Jürgen Scheuring, Sprecher des Landgerichts Dresden, zu SPIEGEL ONLINE. Seit zwei Monaten kümmere sich ein Team nur um die Sicherheitsvorkehrungen für den Prozess.

Das Verbrechen hatte in der islamischen Welt weithin Entsetzen und heftige Proteste ausgelöst - vor allem in Marwa al-Schirbinis Heimatstadt Alexandria wurden Rufe nach Vergeltung laut. Sicherheitskräfte gehen daher von einer "recht hohen Gefährdung" insbesondere des Angeklagten aus. Nicht auszuschließen seien Racheakte von Islamisten.

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insgesamt 297 Beiträge
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Haio Forler 25.10.2009
1. .
Zitat von sysopDer Fall sorgt für Wut, Trauer und Empörung: Alex W. hat im Juli die Ägypterin Marwa al-Sherbini während eines Prozesses erstochen. Nun steht er in Dresden vor Gericht. Die Sicherheitsvorkehrungen und das Interesse in Nahost sind enorm - im Internet gab es nach SPIEGEL-Informationen einen Mordaufruf. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,657052,00.html
Hm ... ist die Frage, ob sich die Angehörigen eines Rache-Mordes schuldig machen wollen.
Bhangla, 25.10.2009
2. In China fiel ein Reissack um
Dieser ganze Vorfall wird medial aufgebauscht, "nur" weil der Mord in einem Gerichtssaal stattfand. Erstmal ist festzustellen, daß ein Migrant eine Migrantin ermordet hat. Es wird aber immer so berichtet, als hätte ein Deutscher einen Migranten umgebracht. Oder verstehe ich das Wort Migrant (von lat. migrare (aus)wandern) falsch und es bezieht sich nur auf Einwanderer des islamischen Kulturraumes? Zweitens glaube ich die ganze Geschichte nicht, wie sie stattgefunden haben soll. Wegen einer Beleidigung am Spielplatz zeigt man nicht jemanden an. Da hätte ich schon viel Geld bekommen und viel Geld gelassen. Woher hat die Ägypterin seinen Namen gehabt um ihn anzuzeigen? Ich vermute da sind Sachen abgelaufen, welche vermutlich nur die Ermordete, der Mörder und wahrscheinlich der Ehemann der Ermordeten wissen. Drittens geschehen grausame und bestialische Morde fast jeden Tag in Deutschland. Am selben Tag wurde in Hamburg ein autochthoner Deutscher von einem Türken ermordet. Gibt es deswegen Demonstrationen von Atheisten und Christen gegen die Türkei? Mord bleibt Mord. Was mich stört ist dieses Messen mit zweierlei Maß. Es ist doch wie bei den Karikaturenstreit. Es geht ja garnicht um Ausländern, der Mörder ist ja selber einer. Die Islamisten in Ägypten betrachten das ganze als Angriff gegen den Islam. Die Demonstrationen wurden auch von der moslemischen Bruderschaft unterstützt. Man kommt also nicht darum herum auch den religiösen Aspekt mit einzubeziehen. Leider trifft hier zu, dass derjenige wer am meisten Dreck am Stecken hat am lautesten "Haltet den Dieb" schreit. Die schlimmsten antisemitischen Karikaturen, welche ich gesehen habe, sollen aus Zeitungen des islamischen Kulturkreises sein. Das ist für jeden leicht zu googlen. Da passiert nichts, aber wehe jemand karikiert mal Mohammed. Wöchentlich liest man von Leuten die aus dem sog. Südland eingewandert sind und hier jemanden zu Tode prügeln oder "ehren"morden. Wenn die Moslems mal gegen so etwas demonstrieren würden, dann könnte ich sie auch bei Marwa ernstnehmen. So ist das für mich nur Unglück, welches medial ausgeschlachtet wird. Vielleicht wäre mal eine Statistik angebracht. Wieviele Morde haben Deutsche an Eingewanderten verübt und umgekehrt. da Bhangla
harumpel 25.10.2009
3. Islamistische Hetzkampagne
Die Fotostrecke lässt auf eine Islamistische Hetzkampagne schliessen, die diese persönliche Tragödie in widerlicher Weise nutzt, um Stimmung gegen die westliche Welt zu machen. Wahrscheinlich sind wir noch nicht tolerant genug. Die Fotostrecke zum Artikel zeigt in einem Bild "Demonstranten" in Pakistan, die in Zusammenhang mit dem Verbrechen drei Fahnen verbrennen: die amerikanische, die israelische und die deutsche. Auf einem anderen Bild sieht man eine Demonstration in der Türkei, bei der die deutsche Fahne mit Hakenkreuz und Judenstern "verziert" präsentiert wird. Interessant fand ich auch das Foto von der Demo in Indonesien: "Geben Unsere Freiheit" heisst es dort. Ich frage mich, was die Machthaber in diesen Ländern dem gemeinen Volk eigentlich über Deutschland erzählen? Werden wegen einer persönlichen Tragödie gleich wir alle verurteilt?? Immerhin sind die Reaktionen nicht so heftig wie nach der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen. Ist ja auch "nur" ein Menschenleben. Nichts, verglichen mit der "Beleidigung" des Propheten.
Arent 25.10.2009
4. Die Reaktion Ägyptens ist ungerecht
Zitat von sysopDer Fall sorgt für Wut, Trauer und Empörung: Alex W. hat im Juli die Ägypterin Marwa al-Sherbini während eines Prozesses erstochen. Nun steht er in Dresden vor Gericht. Die Sicherheitsvorkehrungen und das Interesse in Nahost sind enorm - im Internet gab es nach SPIEGEL-Informationen einen Mordaufruf. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,657052,00.html
Ich fand die Reaktion Ägyptens & auch anderer Länder vollkommen ungerecht. Nie ist ein Deutscher auf die Idee gekommen Ägypten kollektiv Fremdenfeindlichkeit vorzuwerfen z. B. 2005 als bei Anschlägen getötete Touristen im Bekennerschreiben als Affen und Schweine beleidigt wurden. Noch dazu machte man nicht etwa den Russen sondern den Deutschen Vorwürfe & man konstruierte aus einem Streit um eine Schaukel für das Kind Alex W.s bzw. Marwas & einen Monate später erfolgten Mord im Gerichtssaal einen gezielten Anschlag(?) Nein, eine ausgegelichene Reaktion wäre ein klares Eingeständnis dass Ägypten fremdenfeindlicher ist als Deutschland aber dass beide Länder zusammenarbeiten sollten das zu überwinden. Stattdessen wird von Hass auf zu westliche Touristen, auf Minderheiten (Kopten) oder auf Atheisten (Gefängnisstrafe, oposition fordert Todesstrafe) abgelenkt. Ägypten befindet sich im Mittelalter. Es ist als würde das mittelalterliche Deutschland dem heutigen Deutschland mangelnde Toleranz vorwerfen. Grüsse, Arent
Arent 25.10.2009
5. Die Reaktion Ägyptens ist ungerecht
Zitat von sysopDer Fall sorgt für Wut, Trauer und Empörung: Alex W. hat im Juli die Ägypterin Marwa al-Sherbini während eines Prozesses erstochen. Nun steht er in Dresden vor Gericht. Die Sicherheitsvorkehrungen und das Interesse in Nahost sind enorm - im Internet gab es nach SPIEGEL-Informationen einen Mordaufruf. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,657052,00.html
Ich fand die Reaktion Ägyptens & auch anderer Länder vollkommen ungerecht. Nie ist ein Deutscher auf die Idee gekommen Ägypten kollektiv Fremdenfeindlichkeit vorzuwerfen z. B. 2005 als bei Anschlägen getötete Touristen im Bekennerschreiben als Affen und Schweine beleidigt wurden. Noch dazu machte man nicht etwa den Russen sondern den Deutschen Vorwürfe & man konstruierte aus einem Streit um eine Schaukel für das Kind Alex W.s bzw. Marwas & einen Monate später erfolgten Mord im Gerichtssaal einen gezielten Anschlag(?) Nein, eine ausgegelichene Reaktion wäre ein klares Eingeständnis dass Ägypten fremdenfeindlicher ist als Deutschland aber dass beide Länder zusammenarbeiten sollten das zu überwinden. Stattdessen wird von Hass auf zu westliche Touristen, auf Minderheiten (Kopten) oder auf Atheisten (Gefängnisstrafe, oposition fordert Todesstrafe) abgelenkt. Ägypten befindet sich im Mittelalter. Es ist als würde das mittelalterliche Deutschland dem heutigen Deutschland mangelnde Toleranz vorwerfen. Grüsse, Arent
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