Kokainbanden in Lateinamerika: Drogenköniginnen greifen nach der Macht

Von Klaus Ehringfeld, Mexiko-Stadt

Sie waren Liebhaberinnen der Bosse, erledigten Hilfsdienste. In Lateinamerikas Kokainkartellen hatten Frauen wenig zu sagen. Doch nun übernehmen sie wichtige Jobs von Männern, die im mexikanischen Drogenkrieg getötet oder verhaftet wurden. Die Narcoqueens geraten ins Visier der Ermittler.

Drogenkartelle: Wie die Narcoqueens die Macht übernehmen Fotos
DPA

Mit einem Learjet wurde Sandra Ávila Beltrán in die USA geflogen, Interpolbeamte hatten sie vergangene Woche am Flughafen von Toluca Ávila an US-Sheriffs übergeben. Die "Königin des Pazifiks", unter diesem Namen wurde sie in Mexiko berühmt, fristet ihr Dasein nun in einem US-Knast. Wegen Rauschgiftschmuggels wird ihr der Prozess gemacht, vermutlich muss sie viele Jahre im Gefängnis verbringen.

Ávila war in Mexiko eine Größe im Drogen-Business. Sie gilt als Mitbegründerin des Kartells von Sinaloa, der mächtigsten Mafia Mexikos. Sie soll der Legende nach vor elf Jahren dabei geholfen haben, die Flucht von Joaquín "el Chapo" Guzmán aus dem Knast zu organisieren. Guzmán ist Chef des Sinaloa-Kartells und der weltweit meistgesuchte Drogenboss.

Mit ihrer Machtfülle war die Pazifik-Königin im von Männern dominierten Drogengeschäft Lateinamerikas eine absolute Ausnahme. Zwischen Kolumbien und Mexiko war Frauen über Jahre vor allem die Rolle der Liebhaberinnen zugedacht. Narcos, Drogenhändler, umgaben sich gerne mit schönen Frauen.

Liebhaberin, Schmugglerin, Botin

Ganze TV-Serien drehen sich nur um diese "Narcoqueens". Die Telenovelas "Sin tetas no hay paraíso" (Ohne Brüste gibt es kein Paradies) und "Las muñecas de la mafia" (Die Puppen der Mafia) gehören zu den erfolgreichsten Produktionen des kolumbianischen Fernsehens. In Sinaloa, dem nordmexikanischen Bundesstaat und Heimat fast aller großen Capos (Drogenbosse) Mexikos kennt man vor allem das Phänomen der "Narco-Barbies", pubertierende Freundinnen der "Narco-Juniors", der Söhne der mächtigen Clanmitglieder. Markenzeichen der Barbies: teure Klamotten und in manchen Fällen Brustvergrößerungen schon im Teenager-Alter.

Am eigentlichen Geschäft waren die Drogen-Damen in der Vergangenheit nur am Rand beteiligt. Bestenfalls wurden sie als "Mulas", als Drogenkuriere eingesetzt, wuschen Drogenmillionen oder wurden als Boten gebraucht, um Bestechungsofferten an die Behörden zu übermitteln.

Nur wenige Frauen schafften es in die Entscheiderebene der Drogenkonzerne. Zum Beispiel Virginia Vallejo, die Liebhaberin des kolumbianischen Drogenbosses Pablo Escobar. Die Journalistin war von 1983 bis 1987 mit dem damaligen Boss des Medellín-Kartells liiert. In dem 2007 veröffentlichten Buch "Amando a Pablo, odiando a Escobar", (Pablo liebend, Escobar hassend) beschreibt sie detailliert ihr Leben zwischen normaler Welt und dem glamourösen und gewalttätigen Milieu.

Nur kurze Berühmtheit erlangte hingegen Angie Sanclemente. Die Kolumbianerin, Unterwäschemodel und Ex-Schönheitskönigin, war als 31-Jährige schon Kopf eines Schmugglerrings: Junge Frauen brachten täglich von Buenos Aires aus Kokain nach Cancún in Mexiko, von wo es bis nach Spanien transportiert wurde. Vor zwei Jahren wurde Sanclemente in der argentinischen Hauptstadt festgenommen und später zu fast sieben Jahren Haft verurteilt.

"Standhafter, ausdauernder und oft auch brutaler"

Doch vor allem in Mexiko übernehmen immer mehr Frauen Aufgaben im operativen Geschäft, wenn die Männer getötet oder festgenommen werden. Dies sei eine Folge des Kriegs, den Präsident Felipe Calderón seit 2006 gegen die Kartelle führt, sagt der Forscher Arturo Santamaría von der "Autonomen Universität Sinaloa". 60.000 Tote hat das Gemetzel in Mexiko seither gefordert, Hunderte Bosse starben oder sitzen im Knast.

"Frauen, Schwestern und Töchter mussten die Jobs übernehmen, die vorher Männern vorbehalten waren", betont Santamaría, Herausgeber des Buches "Jefas del Narco". In vielen Familien sei die Tradition des Drogengeschäfts so fest verwurzelt, dass die Mädchen schon von klein auf mit den Regeln des Milieus vertraut seien. Die Zetas, eine paramilitärische Bande und zugleich die Todfeinde des Kartells von Sinaloa sollen Mädchen sogar gezielt als Killer ausgebildet haben. "Weil sie sich mehr als die Männer beweisen müssen, sind sie standhafter, ausdauernder und oft auch brutaler", erklärt Santamaría.

Immer mehr Frauen gelangen so auch in die oberen Ränge der Banden. Die mexikanische Staatsanwaltschaft PGR ermittelt gegen mindestens 14 Verdächtige in herausgehobenen Positionen in den Kartellen. Unter ihnen: Enedina Arellano Félix aus einer der ältesten und bekanntesten Narco-Sippen Mexikos. Sie soll Chefin des Tijuana-Kartells sein.

Wie die "Königin des Pazifiks" zur Legende wurde

Nach Erkenntnissen der US-Drogenbehörde DEA machte Félix Karriere, nachdem ihre Brüder Ramón und Benjamin erschossen beziehungsweise festgenommen worden waren. Die gelernte Buchhalterin führt die Organisation unauffällig und ohne die Protzerei der Männer. Sie wird als eine stille Arbeiterin beschrieben, die aber genauso wie die Männer klare und harte Entscheidungen treffe.

Die berühmteste und auch mächtigste Akteurin im mexikanischen Drogengeschäft war jedoch Sandra Ávila Beltrán - bis zu ihrer Festnahme am 28. September 2007. Sie kontrollierte den Rauschgifttransport über die Pazifikküste Mexikos bis nach Kalifornien und nahm an den großen Runden der Kartell-Granden teil. Dort wurden Territorien neu aufgeteilt und über Kooperation oder Krieg entschieden. Ávila kannte alle Könige der Sinaloa-Mafia.

Julio Scherer, ein Journalist aus Mexiko, interviewte die Drogenkönigin monatelang im Gefängnis. Im Anschluss entstand das Buch "La Reina del Pacífico". Darin gibt Ávila Einblick in das Innenleben der Kartelle, ihre exzessiven Feste auf großen Fincas in der unwirtlichen Sierra, zu denen die Bosse mit Kleinflugzeugen und Hubschraubern anreisten.

Die "Tucanes de Tijuana" widmeten Ávila sogar ein eigenes Lied. Die Volksmusik-Band beschreibt die Pazifikkönigin in dem Song "Fiesta en la Sierra" als "eine Große des Geschäfts". Ávila gelang schon zu Lebzeiten, was selbst manchem toten Drogenboss nicht gelingt. Sie wurde zur Legende.

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insgesamt 24 Beiträge
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1. Schau an...
Jasro 15.08.2012
Zitat von sysopSie waren Liebhaberinnen der Bosse, erledigten Hilfsdienste. In Lateinamerikas Kokainkartellen hatten Frauen wenig zu sagen. Doch nun übernehmen sie wichtige Jobs von Männern, die im mexikanischen Drogenkrieg getötet oder verhaftet wurden. Die "Narcoqueens" geraten ins Visier der Ermittler. Drogenhandel in Lateinamerika: Frauen übernehmen Macht der Kartelle - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,849626,00.html)
Berufliche Gleichberechtigung geht also auch ohne verordnete Frauenquote.
2.
inci2 15.08.2012
Zitat von sysopSie waren Liebhaberinnen der Bosse, erledigten Hilfsdienste. In Lateinamerikas Kokainkartellen hatten Frauen wenig zu sagen. Doch nun übernehmen sie wichtige Jobs von Männern, die im mexikanischen Drogenkrieg getötet oder verhaftet wurden. Die "Narcoqueens" geraten ins Visier der Ermittler. Drogenhandel in Lateinamerika: Frauen übernehmen Macht der Kartelle - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,849626,00.html)
wie man sieht, geht die frauenquote auch von ganz alleine......
3. geht doch
skade 15.08.2012
da sieht man es doch, eine Quote ist nicht nötig. Engagierte Frauen schaffen es auch ohne Quote an die Spitze. Vielleicht schreibt diese Frau mal ein Buch, aus dem unsere Quotenverwöhnten Frauen daraus lernen können.
4. Ich kann gerade diesen Artikel nicht einordnen
Marlon 15.08.2012
Irgendwie klingt in diesem Artikel für mich etwas "na endlich" mit. "Am eigentlichen Geschäft waren die Drogen-Damen in der Vergangenheit nur am Rand beteiligt. Bestenfalls wurden sie als "Mulas", als Drogenkuriere eingesetzt, wuschen Drogenmillionen oder wurden als Boten gebraucht, um Bestechungsofferten an die Behörden zu übermitteln." "Nur" am Rande - ja so ne Schande! Da geht doch noch mehr oder? "Nur wenige Frauen schafften es in die Entscheiderebene der Drogenkonzerne." Ist das jetzt ein Aufruf für eine Frauenquote in der Drogenmafia? "Die gelernte Buchhalterin führt die Organisation unauffällig und ohne die Protzerei der Männer. Sie wird als eine stille Arbeiterin beschrieben, die aber genauso wie die Männer klare und harte Entscheidungen treffe." Ah, Frauen sind also auch die besseren Kriminellen ... oh Spiegel, was ist aus dir geworden ... "Die "Tucanes de Tijuana" widmeten Ávila sogar ein eigenes Lied. Die Volksmusik-Band beschreibt die Pazifikkönigin in dem Song "Fiesta en la Sierra" als "eine Große des Geschäfts". Ávila gelang schon zu Lebzeiten, was selbst manchem toten Drogenboss nicht gelingt. Sie wurde zur Legende." Ok, sind sind die besseren Kriminellen - Spiegel, was wäre ich ohne dich!
5. Klare und harte Entscheidungen?
Augustusrex 15.08.2012
das heißt, sie ist genauso für Mord und alle möglichen anderen Verbrechen verantwortlich wie die anderen Gangsterbosse. Dann behandelt sie auch so. Und stilisiert diese Verbrecherbrut nicht zu Königinnen und Königen.
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