Entführte Bloggerin in Mexiko "Man hat einem Engel das Leben genommen"

Erst wurde sie bedroht, dann verschleppt: In Mexiko ist eine Bloggerin verschwunden, die mit dem Netzwerk "Valor por Tamaulipas" auf die Verbrechen der Kartelle aufmerksam machte. Ihre Mitstreiter rechnen mit dem Schlimmsten.

Von , Mexiko-Stadt

Mexikanischer Bundespolizist: Immer wieder fallen Reporter den Kartellen zum Opfer
AFP

Mexikanischer Bundespolizist: Immer wieder fallen Reporter den Kartellen zum Opfer


Eine Woche vor ihrer Entführung bekam María del Rosario Fuentes Rubio eine letzte Warnung. "Pass auf dich auf, Felina, wir sind nah dran", drohte jemand der jungen Ärztin via Twitter. "@Miut3 Felina" heißt ihr Profil in dem Kurzmitteilungsdienst, und wahrscheinlich hatte sie nach der Drohung vom 8. Oktober nur noch wenige Tage zu leben.

Am vergangenen Mittwochvormittag lauerte eine Gruppe Bewaffneter Fuentes Rubio vor ihrem Krankenhaus in der Grenzstadt Reynosa im Bundesstaat Tamaulipas auf und verschleppte sie. Nach Angaben von Freunden und Familienangehörigen wurde sie wenig später ermordet. Die Staatsanwaltschaft bestätigte bisher lediglich die Entführung. Den Tod der Frau verneint sie, weil bisher kein Leichnam gefunden wurde.

Allerdings tauchten Stunden nach der Entführung auf dem Twitter-Konto des Opfers Abschiedsbotschaften und zwei Fotos auf. Auf dem einen lebt Fuentes Rubio noch, auf dem anderen liegt sie offensichtlich erschossen in einer Blutlache. Stunden später wurde das Twitterprofil gesperrt.

Die Verschleppung und mutmaßliche Ermordung von Fuentes Rubio wäre nur eine Fußnote in diesen Tagen, in denen ganz Mexiko nach 43 verschleppten und möglicherweise getöteten Studenten im südlichen Bundesstaat Guerrero sucht. Aber die Ärztin hatte noch eine Nebenbeschäftigung, die ihr Verschwinden in einem anderen Licht erscheinen lässt.

Fuentes Rubio war als "@Miut3 Felina" aktive Bloggerin und Mitarbeiterin von Mexikos bekanntestem Risiko-Report-Netzwerk "Valor por Tamaulipas" (Mut für Tamaulipas). Vieles spricht dafür, dass die Bürger-Journalistin ein Opfer des organisierten Verbrechens wurde - wie schon so viele Kollegen vor ihr. In dem Bundesstaat an der Golfküste sind laut der Journalistenorganisation "Artículo 19" in den vergangenen 14 Jahren zwölf Reporter umgebracht worden. Zwei gelten noch als vermisst.

"Valor por Tamaulipas" berichtet auf seinem Twitter-Kanal und seiner Facebook-Seite seit knapp drei Jahren über die Aktivitäten der Kartelle vor Ort. Das Netzwerk weist auf Schießereien hin, warnt vor dem Passieren bestimmter Routen, meldet Entführungen und Überfälle. Für die Bevölkerung sind soziale Medien oft die einzige Chance zu erfahren, wo in Tamaulipas Gefahr droht.

"Man hat einem Engel das Leben genommen"

Der Betreiber und Gründer des Netzwerkes schrieb auf dem Portal: "Mit Horror und Bestürzung sehe ich, dass man einem Engel das Leben genommen hat." Fuentes Rubio ist das erste Opfer aus den Reihen von "Valor por Tamaulipas". Aber schon seit Jahren werden die Mitarbeiter der Seite mit dem Tod bedroht, vor allem der Administrator, auf den eine unbekannte Gruppe vergangenes Jahr ein Kopfgeld von umgerechnet 35.000 Euro ausgesetzt hatte.

In einem Interview mit SPIEGEL ONLINE Ende Februar 2013 sagte er angesichts der Bedrohungen und der psychischen Folgen: "Um zu verstehen, was ich fühle, müssten Sie die Straflosigkeit und die Brutalität kennen, mit denen das organisierte Verbrechen hier operiert [...] Ich kann nicht um etwas fürchten, das mir nicht mehr gehört. Die Zeit wird zeigen, was mit mir passiert."

Die Kartelle kontrollieren selbst den Tortilla-Verkauf

Nach dem Attentat gegen die Mitarbeiterin dürften die Angst und der Leidensdruck bei dem Administrator noch einmal deutlich steigen. "Artículo 19" hat die Sicherheitsbehörden zu einer angemessenen Untersuchung des Falls aufgefordert und zugleich verlangt, dass sie etwas gegen "die Informationsleere" tun, die in Tamaulipas herrsche. "Der Staat muss die Voraussetzungen dafür schaffen, dass die freie Meinungsäußerung gewährt werden kann", sagt Darío Ramírez, Generaldirektor von "Artículo 19" in Mexiko.

In Tamaulipas, das im Norden an den US-Bundesstaat Texas grenzt, ringen die "Zetas" mit dem Golf-Kartell seit Jahren um die Vorherrschaft. Trotz massiver Schläge gegen das Führungspersonal beider Gruppierungen haben sie noch genügend Macht und Männer, um sich ein blutiges Ringen um Routen und Reviere zu liefern und Gegner, vor allem Medienschaffende, einzuschüchtern.

Die beiden Kartelle kontrollieren nicht nur den Drogenschmuggel, sondern auch Nachtklubs, Discotheken und die Musik- und Filmpiraterie. Sie zapfen in großem Stil Benzinleitungen und Ölpipelines an und überwachen selbst den Verkauf von Tortillas und Hühnchen. Sie erpressen Schutzgeld, rekrutieren Pistoleros und bestrafen es hart, wenn ein Journalist etwas berichtet, was ihnen nicht passt.



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insgesamt 7 Beiträge
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heinz.mann 20.10.2014
1. Mexikos Politik ist verfehlt
Man sollte die Drogen legalisieren und so den Kartellen den Boden wegziehen, auf dem Sie stehen. Zudem gilt es den Waffenhandel von den USA nach Mexiko zu unterbinden.
TS_Alien 20.10.2014
2.
Zitat von heinz.mannMan sollte die Drogen legalisieren und so den Kartellen den Boden wegziehen, auf dem Sie stehen. Zudem gilt es den Waffenhandel von den USA nach Mexiko zu unterbinden.
Man sollte keine Drogen nehmen und so den Kartellen den Boden wegziehen. In einem Land wie Mexiko, in dem die lokale Polizei selbst zu den Drogenbanden gehört, hilft wohl nur das Militär. Und die Steuerfahndung.
rus13 20.10.2014
3.
Zitat von TS_AlienMan sollte keine Drogen nehmen und so den Kartellen den Boden wegziehen. In einem Land wie Mexiko, in dem die lokale Polizei selbst zu den Drogenbanden gehört, hilft wohl nur das Militär. Und die Steuerfahndung.
Und wenn die Leute trotzdem Drogen nehmen wollen?! Das Militär ist bereits im Einsatz und es bringt bekanntermaßen rein gar nichts. Lieber alles legalisieren, denn wenn jemand Drogen will, so kommt er eh daran. Besser der Staat verkauft saubere Ware und verdient an Steuern, anstatt die Menschen regelrecht zu den Kartellen zu treiben. Und ich glaube sogar wenn hier in Deutschland Heroin legal wäre, würden es trotzdem nicht mehr Menschen konsumieren..oder würden Sie in direkt in die nächste Apotheke laufen, um legales Heroin zu bekommen?
werwirddennwohl 20.10.2014
4. nein
Es gibt so mutige Menschen wie diese Frau, mutig für Andere. Ich glaube nicht das ich jemals so mutig sein könnte. Die Frage die sich stellt ist, wie verzweifelt und kaputt müssen die Menschen dort sein wenn sich diese Frau diesem Risiko aussetzt. In einem durch und durch korrupten Land indem die Polizei mehr Verbrecher stellt als verfolgt wird man wohl leicht fatalistisch. Was muss passieren? Die Frau hat doch nur vor Gefahren gewarnt, keine Leute enttarnt, wenn das reicht um getötet zu werden ist das kein Ort zum Leben. Es ist tröstlich, dass es so mutige Menschen gibt, deren Ende aber zeigt die Ohnmacht.
bssh 20.10.2014
5. Kein Land für den Urlaub
Es ist großartig, dass es ehrliche und mutige Menschen gibt, aber es ist traurig, dass alle Welt so tut als wäre Mexiko noch ein funktionierender Staat, mit dem man normale Beziehungen hat, Handel treibt und evtl. sogar Waffen dahin liefert. Da dort das Verbrechen zumindest mitregiert, sollte der Druck von außen kommen etwas zu ändern. Als Bürger sollte es selbstverständlich sein, dort keinen Urlaub zu machen.
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