Chef der mexikanischen Tempelritter Der Drogenboss, der zwei Mal starb

Seine Leiche wurde nie gefunden, trotzdem galt Nazario Moreno González offiziell als tot. Offensichtlich ein Irrtum: Der Drogenboss mit dem Spitznamen "Der Verrückteste" wurde den mexikanischen Behörden zufolge erst jetzt bei einem Feuergefecht getötet.

Von , Mexiko-Stadt


Mexiko-Stadt - Zum ersten Mal starb Nazario Moreno González am 9. Dezember 2010. Mexikos damaliger Präsident Felipe Calderón gab nach einem Einsatz der Sicherheitskräfte den Tod eines der gefürchtetsten und meistgesuchten Verbrechers des Landes bekannt. Moreno, Gründer der Familia Michoacana und der Tempelritter, wurde damals angeblich bei einem Feuergefecht in Michoacán im Westen Mexikos von Bundespolizisten getötet. Seine Leiche aber wurde nie gefunden.

Der vermeintliche Schlag gegen das organisierte Verbrechen war vermutlich eine dreiste Lüge, für Calderón erwies sie sich in der Folge als Rückschlag. Rasch erzählte man sich in Mexikos Westen, Moreno lebe und treibe mit seiner pseudoreligiösen Narko-Sekte weiter sein Unwesen. Vor allem die Limonen- und Avocado-Bauern und die Unternehmer der Region wussten sehr gut, dass Moreno nicht tot war. Seine Tempelritter pressen den Landwirten seit Jahren Schutzgelder ab.

Zum zweiten und entscheidenden Mal nun starb Nazario Moreno am Sonntag, einen Tag nach seinem 44. Geburtstag. Spezialeinheiten der Marine und des Militärs stellten den Drogen- und Sektenboss am Morgen in dem kleinen Dorf Tumbiscatío in der Region Tierra Caliente, dem Hauptaktionsgebiet der Tempelritter in Michoacán. Es habe ein kurzes, aber heftiges Feuergefecht gegeben, dann sei Moreno erschossen worden. So verkündete es Tomás Zerón von der Generalstaatsanwaltschaft PGR. "Dieses Mal sind wir hundertprozentig sicher, dass wir Nazario Moreno González getötet haben", betonte Zerón. Wie es zu der Meldung von Morenos Tod im Dezember 2010 kam, kommentierten die Behörden nicht.

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Mexiko: Blutiges Ende von "El Doctor"
Der verrückteste Doktor

Der Tod des Verbrechers, der auf die Spitznamen "El Más Loco ("Der Verrückteste") und "El Doctor" ("Der Doktor") hörte, ist möglicherweise der entscheidende Schlag gegen seine Mafia, die bereits seit Jahresbeginn von Bürgerwehren verfolgt und aus weiten Teilen Michoacáns verdrängt wurde.

Die Caballeros Templarios, wie die Tempelritter auf Spanisch heißen, sind vor drei Jahren erstmals unter diesem Namen an die Öffentlichkeit gegangen. Sie haben ihre Operationsbasis im Bundesstaat Michoacán und sind die Nachfolger des Kartells La Familia Michoacana. Verschiedentlich haben die Sicherheitskräfte bei den Caballeros Umhänge mit roten Kreuzen und Schriften sichergestellt, die von den mittelalterlichen Kreuzzügen inspiriert sind. Das Kartell bezeichnet seine Verbrechen oft auch als göttliche Strafen.

Moreno tauchte als Boss der Familia Michoacana erstmals 2006 auf und mischte sich in den Kampf zwischen Zeta-Mafia und Sinaloa-Kartell ein, angeblich auf Geheiß von Präsident Calderón. Bald kontrollierte er mit seiner Gruppe Teile der Marihuana-Produktion und propagierte eine Art sozialer Kontrolle und sozialer Säuberungen. Seine pseudoreligiöse Philosophie fasste er in einem roten Büchlein zusammen, das jedes Mitglied seiner Mafia ausgehändigt bekam. Darin erzählte er seine Lebensgeschichte und gab Verhaltensweisen vor - wie das Verbot des Verzehrs seltener Tiere.

Nach Morenos angeblichem Tod Ende 2010 wuchs der Kult um ihn. In vielen Dörfern Michoacáns wurden Flugblätter mit seinen angeblichen Lehren verteilt. Mancherorts huldigten ihm seine Anhänger mit Altarfiguren, auf denen er als mittelalterlicher Heiliger mit einer Tunika abgebildet wurde.

Aus der Familia Michoacana wurde dann das Tempelritter-Kartell, das sich bald nicht mehr mit dem Marihuana-Verkauf begnügte. Erst erpressten sie Viehzüchter und Unternehmer, dann nahmen sie Schutzgelder von großen Landwirten und kleinen Bauern. Die Tempelritter produzierten in den unwirtlichen und unzugänglichen Weiten Michoacáns synthetische Drogen und mischten sich in den Abbau und den Verkauf von Eisenerz ein. Bald war aus der Sekte und dem Drogenkartell ein veritables Syndikat des organisierten Verbrechens geworden.

Tod könnte Ende der Bande bedeuten

Angesichts der Unfähigkeit oder des Unwillens der Sicherheitskräfte, gegen die "Tempelritter" vorzugehen, gründeten sich vor zwei Jahren Bürgerwehren in Michoacán, die der Mafia auf eigene Faust den Krieg erklärten. Mit Unterstützung von Armee und Bundespolizei gelang es den Bürgermilizen zu Jahresbeginn, die Tempelritter aus ihren Hochburgen zu vertreiben. Der Tod ihres Anführers Moreno könnte nun auch das Ende der Bande bedeuten.

Jedenfalls ist es innerhalb von zwei Wochen der zweite große Erfolg von Präsident Enrique Peña Nieto im Kampf gegen organisierte Kriminalität. Am 22. Februar wurde der meistgesuchte Drogenboss der Welt, Joaquín "El Chapo" Guzmán, gefasst. Der Kopf des Sinaloa-Kartells war nach 13 Jahren auf der Flucht in einer gemeinsamen Aktion von Einheiten der US-Anti-Drogen-Behörde DEA und mexikanischen Marine-Soldaten gefasst worden. Derzeit sitzt er unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen in einem mexikanischen Gefängnis.

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