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Drogenkrieg in Mexiko: Wie der Suppenkoch von Teo seine Leichen entsorgte

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Er soll Hunderte Leichen für die mexikanische Drogenmafia in Lauge aufgelöst haben. Jetzt wurde Santiago Meza López, alias "der Suppenkoch", bei der Arbeit festgenommen. Tröstlich für den Aufräumer: Ein Erzbischof erteilte ihm bereits Absolution.

Hamburg - "El Pozole" ist ein typisch mexikanisches Gericht - scharf und bissig, bestehend aus zartem Mais, Fleisch und einer gehörigen Portion Chili. "El Pozolero" hingegen ist nicht nur der gemeine "Suppenkoch", sondern auch ein kleiner, kräftiger Mann aus Tijuana, der mit seinem außergewöhnlichen Beruf derzeit für Schlagzeilen sorgt.

Etwa 300 Leichen soll Santiago Meza López in Natronlauge aufgelöst haben - im Auftrag eines mexikanischen Drogenbosses, der ungern Spuren hinterlässt.

Dabei ging der 45-Jährige umsichtig zu Werke: Als Arbeitsgeräte dienten ihm ein Paar Latexhandschuhe und eine Gasmaske gegen die giftigen Dämpfe. In einem gewöhnlichen Eisenwarenladen besorgte sich der "Pozolero" laut eigener Aussage zwei Säcke Natronlauge, die er in einem 200-Liter-Fass mit Wasser vermengte und dann erhitzte. Mindestens acht, bisweilen bis zu 24 Stunden soll es gedauert haben, bis sich die Leichenteile auflösten.

Nur die Zähne der vernichteten Opfer hielten demnach der Prozedur stand - sie mussten auf Brachland oder Mülldeponien entsorgt werden. Professionalität war bei dem grausigen Geschäft offenbar Trumpf: Bevor er zur Tat schritt, soll Meza López das Leichenauflösen mit Rinderkeulen trainiert haben, schreibt die Zeitung "La cronica de hoy".

Sarkastisch kommentierte die Online-Ausgabe von "Diario noticias" die Festnahme des 45-Jährigen. Die Zeitung zitiert Marshall Pedro Ramírez: "Soweit ich mich erinnern kann, hat es in den vergangenen 96 Jahren in Mexiko immer ungewöhnliche Berufe gegeben, vermutlich aus Notwendigkeit."

Leichen im geheimen "Übergangsgrab" gelagert

Am Donnerstag wurde der mutmaßliche Täter auf einem Grundstück in der Nähe der Grenzstadt Tijuana mit zwei Komplizen von einem Militärkommando festgenommen. Hier entdeckte die Polizei ein ganzes System unterirdischer Becken, in denen mindestens 30 Leichen in Lauge aufgelöst worden sein sollen. Die mutmaßlichen Täter waren für den Notfall gewappnet - in einem stattlichen Waffenarsenal fanden die Ermittler unter anderem Handgranaten und Maschinengewehre.

Meza López gilt als ausgesprochen gefährlich und gehört zu den 20 vom US-amerikanischen FBI meistgesuchten Verbrechern. Medienberichten zufolge steht López in Diensten der "Arellano-Félix-Organisation" (AFO), einem angeblich von sieben Brüdern und vier Schwestern geleiteten Drogenkartell in Tijuana.

Laut einem Sprecher der Abteilung für Ermittlungen im Kampf gegen das Organisierte Verbrechen (Siedo) hat Meza López bereits gestanden, "El Pozolero" zu sein. Im Auftrag des Drogenbosses Teodoro García Simental habe er die Leichen entsorgt, die vorher in einem geheimen "Übergangsgrab" gelagert wurden. Im Dezember 2007 sei ihm erstmals eine große Anzahl Leichen überstellt worden, sagte der "Suppenkoch von Teo". "Feinde und Schuldner" seines Chefs seien die Toten gewesen, "das Produkt des Drogenkriegs", sagte Meza López.

"Gott verzeiht immer"

Die Bundesbehörden zeigten sich zuversichtlich, dass Meza López mit dem Ministerium zusammenarbeiten und wertvolle Informationen geben wird. Um herauszufinden, um wen es sich bei den Opfern handelt, wurden dem Tatverdächtigen bereits 70 Fotografien von Vermissten zur Identifikation vorgelegt.

Warum López für einen vergleichsweise bescheidenen Wochenlohn von nur 600 Dollar einem so brutalen Tagesgeschäft nachging, bleibt im Dunkeln. Nach seiner Festnahme bat er die Angehörigen der Opfer um Verzeihung.

Wie immer die Justiz mit Lopez verfahren wird - eines ist sicher: Der liebe Gott wird ihm verzeihen. Erzbischof Rafael Romo Muñoz erklärte laut "El Solde Tijuana", der Festgenommene könne schon jetzt auf Ablass des Allmächtigen hoffen, wenn er "von Herzen" bereue: "Gott verzeiht immer, die Art der Sünde ist nicht wichtig", sagte der Geistliche.

An der Drogenfront rollen die Köpfe

Die Festnahme von Meza López wirft ein Schlaglicht auf die hässliche Fratze der Drogenmafia, die sich in Mexiko inzwischen immer zügelloser und brutaler gebärdet. Der Zeitung "El Universal" zufolge verschwanden allein in Tijuana im vergangenen Jahr 150 Männer, Frauen und Kinder.

Zwar hatte die mexikanische Regierung im Jahr 2006 einen Offensive gegen den expandierenden Drogenhandel eingeleitet und 36.000 Polizisten und Soldaten für den Kampf gegen die Kartelle bereitgestellt. Dennoch verschlechterte sich die Situation dramatisch: Insgesamt beläuft sich die Zahl der im mexikanischen Drogenkrieg zu Tode Gekommenen allein 2008 auf 5600 Menschen.

Nicht nur Mitglieder rivalisierender Gruppen müssen um ihr Leben fürchten. Zivilisten und Soldaten, Arme und Reiche, Journalisten und Unternehmer - kurzum alle, die dem einträglichen Geschäft im Wege stehen, geraten ins Visier der Killerkommandos. Auch die Sicherheitskräfte arbeiten unter ständiger Lebensgefahr. Hunderte von Polizisten sterben jedes Jahr im Einsatz gegen die Kartelle.

Erst vor einer Woche wurde in der nordmexikanischen Stadt Praxedis der abgeschnittene Kopf eines Polizeichefs in einer Kühlbox gefunden - eine unmissverständliche Botschaft des berüchtigten Sinaloa-Kartells an die Behörden, sich bei den Ermittlungen bedeckt zu halten. Es ist kein Geheimnis, dass viele Polizisten es vorziehen, genau das zu tun, und lieber abends lebendig zur Familie zurückzukehren, als sich in einer unüberschaubaren Auseinandersetzung enthaupten zu lassen.

Mexikaner fordern Wiedereinführung der Todesstrafe

Mexikos Staatspräsident Felipe Calderón wirbt für mehr Verantwortungsbewusstsein auch bei den Nachbarn: "Je sicherer Mexiko ist, desto sicherer werden die USA sein", sagte er bei seinem Treffen mit Barack Obama im Januar. Das dramatische Abhängigkeitsverhältnis der beiden Länder ist schnell umrissen: Etwa 90 Prozent des Kokains auf dem US-Markt kommen über die mexikanische Grenze ins Land. Auf der anderen Seite kaufen die Kartelle 90 Prozent ihrer Waffen in den Staaten.

Die US-Anti-Drogenbehörde DEA schätzt, dass mexikanische Dealer etwa 23 Milliarden Dollar jährlich in den USA verdienen. Attraktiv ist das Geschäft allemal: Während in Mexiko ein Kilogramm Kokain für etwa 10.000 Dollar zu haben ist, kann man es jenseits der Grenze bereits für 100.000 Dollar verkaufen. Weltweit sollen die mexikanischen Mafia-Clans in 27 Ländern präsent sein.

Erst im vergangenen Jahr hatten Mexiko und die USA die sogenannte Merida-Initiative ins Leben gerufen. Die USA stellten 1,4 Milliarden Dollar für das Drogenbekämpfungsprogramm zur Verfügung. Ob dieses Geld gut angelegt ist, wird die Zukunft zeigen. Skepsis ist allemal angebracht. "Mexiko steht am Rande des Abgrunds", warnte unlängst der ehemalige Anti-Drogenbeauftragte Bill Clintons, Barry McCaffrey, in einem Lagebericht. "Wir können uns einen Narko-Staat als Nachbarn nicht erlauben."

Der allerdings existiert bereits. Neben der blutigen Realität, in der die Dealer längst die Zivilgesellschaft ausgehebelt haben, hat sich ein "Narko-Traum" etabliert. Für viele arme Mexikaner bedeutet das Leben als Mafioso vor allem Coolness, Geld und sexy Mädchen. Es gibt spezielle Narko-Musik, Narko-Fashion und sogar einen eigenen Heiligen, den Strauchdieb Jesús Malverde.

Die Geduld vieler Bürger jedoch scheint endgültig erschöpft: Die drastischen Methoden der Drogenbosse und ein weithin machtloser und korrupter Polizeiapparat haben jetzt den Ruf nach einer Wiedereinführung der 2004 abgeschafften Todesstrafe laut werden lassen. Bei einer Ende 2008 durchgeführten Umfrage sprachen sich drei Viertel aller Mexikaner dafür aus.

Eine paramilitärische Gruppe namens "Bürgerkommando von Juárez" hat sogar gedroht, täglich einen Gewaltverbrecher eigenmächtig zu töten, sollte die Regierung das Chaos bis zur Parlamentswahl am 5. Juli nicht in den Griff bekommen.

Zwar tönte Generalstaatsanwalt Medina Moya, man werde das organisierte Verbrechen vernichten, auch "wenn es momentan nicht danach aussieht". Das vergangene Wochenende lässt daran Zweifel aufkommen: Allein am Freitag zählte die Polizei 22 Morde, in der Nacht zum Samstag kam es zu 13 Hinrichtungen im Bundesstaat Chihuahua, in der Stadt Celaya fand man zwei abgetrennte Köpfe.

Mit Material von AFP

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