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27. Juli 2009, 16:05 Uhr

Drogenkrieg in Mexiko

"Wie ein Dampfkochtopf, der bald explodiert"

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Folter, Enthauptungen, Massenexekutionen: In Mexiko tobt ein grausamer Krieg der Drogenkartelle, der schon Tausende Opfer forderte, auch kritische Journalisten wurden ermordet. Reporter Pedro Matías Arrazola wurde von Banditen entführt - und kam nur knapp mit dem Leben davon.

Hamburg - Die Nachrichten, die seit Monaten aus Mexiko kommen, sind schockierend und grotesk - voller absurd hoher Zahlen, die belegen, wie viele Menschen täglich im blutigen Krieg um Drogen und Macht ihr Leben lassen. Seit Präsident Felipe Calderón den Kartellen 2006 den Kampf ansagte, starben etwa 12.800 Menschen - rund 3500 mehr als im vergangenen Jahr im Irak. Und es ist kein Ende der Gewalt abzusehen.

Viele Opfer werden nicht etwa heimlich um die Ecke gebracht, sondern am helllichten Tage hingerichtet. Mit unfassbarer Brutalität rechnen Gruppierungen wie "Los Zetas" oder "La Familia" mit ihren Feinden ab - sie werfen deren abgetrennte Köpfe auf öffentliche Plätze, lassen die Leichen von Brücken baumeln oder lösen sie in Säure auf. Im Kampf um Territorien und Absatzmärkte können sie sich auf 300.000 Helfer und Armeen von bis zu 10.000 Soldaten verlassen.

Potentiell bedroht ist derzeit so gut wie jeder im Land: konkurrierende Mafiosi, Polizisten, Politiker, Drogenermittler, unschuldige Zivilisten und kritisch berichtende Journalisten - wie Pedro Matías Arrazola aus dem südlichen Bundesstaat Oaxaca. Nach anonymen Drohungen geriet der Polizeireporter am 25. Oktober 2008 in die Hände brutaler Kidnapper: Auf dem Nachhauseweg von der Redaktion der "Noticias de Oaxaca" wurde der 44-Jährige entführt, wie er SPIEGEL ONLINE erzählt.

"Kurz vor meiner Wohnung lief plötzlich ein Mann über die Fahrbahn. Ich bremste scharf, da war schon eine zweite Person an meiner Seite und hielt mir eine Pistole an die Schläfe. Sie brachten mich an einen abgelegenen Ort, zogen mich nackt aus, fesselten mich an Händen und Füßen und verbanden mit die Augen. Dann sperrten sie mich in den Kofferraum meines Wagens. Es war beängstigend."

Arrazola weiter: "Die Männer nahmen die ganze Zeit Rauschgift, hörten laute Musik und schossen mit Gewehren in die Luft. Sie drohten, mich zu vergewaltigen, mir die Genitalien abzutrennen und die Kehle mit einer kaputten Flasche durchzuschneiden. 'Wie willst du sterben?', fragen sie jedes Mal, wenn sie den Kofferraum öffneten. 'Wir haben dich beobachtet, wir wissen alles von deiner Familie.' Ich wusste, dass sie komplett von der Rolle, vollkommen unberechenbar waren und hatte panische Angst."

Aus dem Auto geworfen

Nach zwölf Stunden endete die "Express-Entführung" völlig unerwartet: Arrazola wurde auf einem Feld rund 30 Kilometer außerhalb von Oaxaca-Stadt aus dem Auto geworfen und liegen gelassen. Die Polizei ermittelte, kam aber zu keinem Ergebnis. Für sieben Monate erhielt Arrazola Personenschutz, dann war alles wie vorher.

Die Kidnapper hatten sich als Mitglieder der zum Golf-Kartell gehörenden "Los Zetas" ausgegeben - laut Arrazola eine Schutzbehauptung, um den Verdacht von den wahren Auftraggebern abzulenken. "Ich vermute, dass die Regierung mich nachdrücklich vor allzu kritischer Berichterstattung warnen wollte", so der Journalist. Er habe nie explizit über die Machenschaften der Drogenbosse geschrieben.

Allerdings berichtete Arrazola für die kritische Wochenzeitschrift "Proceso" über Menschenrechtsverletzungen und Verstöße gegen die Pressefreiheit in dem dafür berüchtigten bitterarmen Bundesstaat Oaxaca. Auch begleitete er den Lehreraufstand, bei dem im Sommer 2006 Zehntausende auf die Straße gingen, um gegen Korruption und Wahlbetrug zu demonstrieren. Während des Konflikts, der sich zum landesweiten Aufstand auswuchs, starben mehr als zwei Dutzend Menschen, darunter auch der US-Dokumentarfilmer Brad Will.

"Nur mit Gottes Hilfe"

46 Journalisten wurden in Mexiko seit 2000 getötet, acht werden vermisst, wie die Nationale Kommission für Menschenrechte CNDH berichtete. Längst gilt das Land als das gefährlichste für Journalisten in ganz Lateinamerika. Im internationalen Vergleich landete Mexiko beim Ranking der Pressefreiheit von "Reporter ohne Grenzen" gerade mal auf Platz 140 - von insgesamt 173 Staaten. Wie man als Journalist überhaupt noch in Mexiko arbeiten könne? "Nur mit Gottes Hilfe", sagt Arrazola, der auf Einladung der Stiftung für politisch Verfolgte für ein Jahr nach Hamburg gekommen ist.

"Die Mehrheit der Medienschaffenden zieht es vor, sich nicht einzumischen", sagt Arrazola. "Natürlich gibt es auch korrupte Journalisten", bestätigt Benoît Hervieu von der Hilfsorganisation "Reporter ohne Grenzen". Das Schlimmste aber sei, dass aus Angst vor Übergriffen die Solidarität untereinander leide. "Wenn Kollegen bedroht, verschleppt oder gefoltert werden, ist die Unterstützung sehr gering. Viele Opfer sind vollkommen auf sich gestellt."

Das war im Fall von Pedro Matías Arrazola anders: "Nach der Entführung war mein Haus zwei Wochen lang voller Leute, die mir Geschenke brachten, mir gut zusprachen und Mut machten." Spätestens seit diesem Moment stand für den Reporter fest: "Ich habe eine hohes Berufsrisiko, aber ich bewirke etwas und die Leute glauben an mich. Ich werde sie nicht enttäuschen und weiter berichten."

"Das große Schlachten"

Die Plattformen, auf denen Arrazola das noch tun kann, sind rar. Auf nationaler Ebene gibt es weniger als ein halbes Dutzend Printmedien, die noch offen und kritisch berichten. Rund 80 Prozent des Medienmarktes sind in der Hand von zwei regierungstreuen Unternehmen - dem größten Medienkonzern Lateinamerikas "Televisa" und der "Televisión Azteca".

Die Eigner von Televisa, die Familie Azcárraga, pflegt enge Verbindung zur "Partei der Institutionalisierten Revolution" (PRI), die über 70 Jahre lang in Mexiko an der Macht war und bei den Parlamentswahlen am 6. Juli auf einen Stimmenanteil von 40 Prozent kam.

"Die Strategie der Regierung ist einfach: Wer die Medien kontrolliert, kontrolliert das Land", sagt Arrazola. Nach Gutdünken würden Nachrichten manipuliert oder ganz verschwiegen, um die Bürger in Unwissenheit zu lassen. "Die meisten Mexikaner haben keine Ahnung, was im Land wirklich vor sich geht."

"Egal ob Behörden oder Sicherheitskräfte - in Mexiko ist von ganz unten bis ganz oben alles von Korruption durchdrungen", sagt Benoît Hervieu, Leiter der Amerikaabteilung der Organisation "Reporter ohne Grenzen". "Die Gefahr für die Journalisten ist überall - sie sind bedroht von den Drogenkartellen, aber auch den Behörden, Militärs und der Bundespolizei."

Beispiele für die unheilvolle Zusammenarbeit von Regierung und organisierter Kriminalität gibt es zuhauf: Ende 2008 wurde ausgerechnet Mexikos oberster Drogenbekämpfer Noe Ramirez Mandujano verhaftet, weil er auf der Gehaltsliste des Sinaloa-Kartells stand. Für monatlich 450.000 Dollar soll er den Drogenbossen Ermittlungsergebnisse verraten haben.

"Sämtliche Sicherheitskräfte von den Kartellen unterwandert"

Vorläufiger Höhepunkt der fragwürdigen Interaktion von Staat und Mafia: Mitte Juli bot ein Mitglied des Kartells "La Familia" dem Präsidenten Felipe Calderón via Lokalsender einen "nationalen Pakt" an - und schickte gleich eine Warnung hinterher: Der Präsident solle sich hüten vor "den Banditen" der rivalisierenden Gruppe "Los Zetas" - ein klarer Hinweis darauf, dass hier offenbar eine Koalition von Regierung und Drogenbossen gegen einen feindlichen Clan gesucht wurde. Dass der diplomatische Vorstoß kam, kurz nachdem "La Familia" selbst ein Dutzend Polizisten ermordet hatte, schien offenbar zweitrangig.

Zwar schloss Innenminister Fernando Gómez Mont noch am selben Abend Verhandlungen mit dem Drogenkartell aus. Insider jedoch sagen: Ein solcher Pakt existiert bereits. "Sämtliche Sicherheitskräfte sind doch längst von den Kartellen unterwandert", sagt Menschenrechtler Hervieu. "Mit solchen Vorstößen versucht die Mafia, einen kurzfristigen Waffenstillstand zu kreieren und Absprachen im Kampf gegen rivalisierende Kartelle zu treffen."

Ist Calderóns Krieg gegen die Kartelle also nur eine Finte, um ausländische Investoren, den besorgten Nachbarn USA und innenpolitische Gegner zu beruhigen? "Nein, der Kampf gegen den Drogenhandel steht eindeutig im Zentrum der derzeitigen Politik", sagt Tamara Taraciuk von "Human Rights Watch" in den USA. "Er unternimmt etwas gegen einige Bosse - aber eben nicht gegen alle", entgegnet Arrazola.

Die Mörder kommen ungeschoren davon

Hervieu ist gerade aus Westmexiko zurückgekehrt und "traurig, diese Orgie von Gewalt mit ansehen zu müssen". Woher kommt diese unfassbare Brutalität, der bestialische Umgang mit dem Gegner? "Das ist reine Machtdemonstration", erklärt Arrazola. "Die Kartelle wollen ihr Territorium abstecken und sich gegenseitig zeigen, wer die Hosen anhat." Zwar dominiere derzeit noch das "große Schlachten", aber es gebe bereits "Bosse, die in Designeranzügen umherlaufen und ihre Kinder auf US-Universitäten schicken".

"Der Grund für die vielen Morde ist, dass die Täter wissen, dass sie gerichtlich nicht belangt werden und ungeschoren davonkommen", erklärt Taraciuk. Deshalb sei die größte Herausforderung "die Abschaffung des nicht funktionierenden Rechtssystems in Mexiko." 71 Jahre lang habe die "Partei der Institutionalisierten Revolution" willkürlich geherrscht - es habe keine freien Wahlen, aber auch keine Aufstände gegeben. "Die perfekte Diktatur", wie es der Schriftsteller Mario Vargas Llosa nannte.

Mit der Präsidentschaft von Calderóns Vorgänger und Parteigenosse Vincente Fox von der konservativen Partei der Nationalen Aktion (PAN) öffnete sich die Gesellschaft, die Probleme mit Kartellen und Korruption wurden offensichtlich.

Noch immer glaubten viele ausländische Beobachter, die Situation sei vor allem an der Grenze zu den USA Besorgnis erregend, sagt Hervieu. "Dabei ist die Gefahr längst im ganzen Land angekommen."

"Es gibt viel zu tun und viel zu verbessern", heißt es in einem Bericht des US-Justizministeriums vom Mai über die steigende Gewalt in Mexiko und den Drogenhandel an der Grenze zu den Vereinigten Staaten. Das Ministerium konzentriere seine Ermittlungen auf die Schlüsselfiguren unter den Kartell-Bossen. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass das US-Außenministerium Belohnungen von insgesamt 50 Millionen US-Dollar ausgeschrieben hat für Informationen, die zur Ergreifung von vier Top-Bossen des Golf-Kartells führen.

Tonnenweise gelangen Marihuana, Metamphetamine oder Heroin über die Grenze in die Vereinigten Staaten. Allein mit Kokain setzen die Kartelle jährlich geschätzte 25 Milliarden US-Dollar um. Selbst US-Außenministerin Hillary Clinton räumte ein, dass der der amerikanische Drogenhunger Mexikos Probleme verschärfe.

Zudem stammen rund 90 Prozent der Waffen in den Händen der Kartelle vom großen Nachbarn. Auch deshalb haben die USA im Rahmen des 2008 geschlossenen Merida-Abkommens 1,6 Milliarden Dollar für den Kampf gegen die Kartelle lockergemacht - zunächst für drei Jahre.

Präsident Calderón entsandte bisher etwa 40.000 Soldaten in den Drogenkrieg. Eine rein kosmetische Aktion, sagen Experten, denn erfahrungsgemäß verlegen die Mafiosi bei Anrücken des Militärs einfach ihre Operationsbasis an einen anderen Ort.

Darüber hinaus sollen auch Militärangehörige exzessiv Gewalt und Folter anwenden - und trotzdem einen besseren Ruf als Polizei und Regierungsvertreter genießen: "Wenn das Militär aufmarschiert, sind die Leute geradezu erleichtert, obwohl sie wissen, dass es Menschenrechtsverletzungen gibt", erklärt Arrazola. Die Soldaten seien für solche Einsätze nicht ausgebildet, da käme es schnell zu Ausschreitungen aus Überforderung. "Es gibt so viele gewaltbereite Gruppen im Land, so viel sozialen Zündstoff. Es ist wie ein Dampfkochtopf, der bald explodiert."

"Die Militarisierung des Landes provoziert nur neue Gewalt", sagt Benoît Hervieu. Man müsse mit dem Schlimmsten rechnen. "Ohne eine Intervention der internationalen Gemeinschaft ist das Problem nicht zu lösen."

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