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Drogenkrieg in Mexiko: "Wie ein Dampfkochtopf, der bald explodiert"

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Folter, Enthauptungen, Massenexekutionen: In Mexiko tobt ein grausamer Krieg der Drogenkartelle, der schon Tausende Opfer forderte, auch kritische Journalisten wurden ermordet. Reporter Pedro Matías Arrazola wurde von Banditen entführt - und kam nur knapp mit dem Leben davon.

Hamburg - Die Nachrichten, die seit Monaten aus Mexiko kommen, sind schockierend und grotesk - voller absurd hoher Zahlen, die belegen, wie viele Menschen täglich im blutigen Krieg um Drogen und Macht ihr Leben lassen. Seit Präsident Felipe Calderón den Kartellen 2006 den Kampf ansagte, starben etwa 12.800 Menschen - rund 3500 mehr als im vergangenen Jahr im Irak. Und es ist kein Ende der Gewalt abzusehen.

Viele Opfer werden nicht etwa heimlich um die Ecke gebracht, sondern am helllichten Tage hingerichtet. Mit unfassbarer Brutalität rechnen Gruppierungen wie "Los Zetas" oder "La Familia" mit ihren Feinden ab - sie werfen deren abgetrennte Köpfe auf öffentliche Plätze, lassen die Leichen von Brücken baumeln oder lösen sie in Säure auf. Im Kampf um Territorien und Absatzmärkte können sie sich auf 300.000 Helfer und Armeen von bis zu 10.000 Soldaten verlassen.

Potentiell bedroht ist derzeit so gut wie jeder im Land: konkurrierende Mafiosi, Polizisten, Politiker, Drogenermittler, unschuldige Zivilisten und kritisch berichtende Journalisten - wie Pedro Matías Arrazola aus dem südlichen Bundesstaat Oaxaca. Nach anonymen Drohungen geriet der Polizeireporter am 25. Oktober 2008 in die Hände brutaler Kidnapper: Auf dem Nachhauseweg von der Redaktion der "Noticias de Oaxaca" wurde der 44-Jährige entführt, wie er SPIEGEL ONLINE erzählt.

"Kurz vor meiner Wohnung lief plötzlich ein Mann über die Fahrbahn. Ich bremste scharf, da war schon eine zweite Person an meiner Seite und hielt mir eine Pistole an die Schläfe. Sie brachten mich an einen abgelegenen Ort, zogen mich nackt aus, fesselten mich an Händen und Füßen und verbanden mit die Augen. Dann sperrten sie mich in den Kofferraum meines Wagens. Es war beängstigend."

Arrazola weiter: "Die Männer nahmen die ganze Zeit Rauschgift, hörten laute Musik und schossen mit Gewehren in die Luft. Sie drohten, mich zu vergewaltigen, mir die Genitalien abzutrennen und die Kehle mit einer kaputten Flasche durchzuschneiden. 'Wie willst du sterben?', fragen sie jedes Mal, wenn sie den Kofferraum öffneten. 'Wir haben dich beobachtet, wir wissen alles von deiner Familie.' Ich wusste, dass sie komplett von der Rolle, vollkommen unberechenbar waren und hatte panische Angst."

Aus dem Auto geworfen

Nach zwölf Stunden endete die "Express-Entführung" völlig unerwartet: Arrazola wurde auf einem Feld rund 30 Kilometer außerhalb von Oaxaca-Stadt aus dem Auto geworfen und liegen gelassen. Die Polizei ermittelte, kam aber zu keinem Ergebnis. Für sieben Monate erhielt Arrazola Personenschutz, dann war alles wie vorher.

Die Kidnapper hatten sich als Mitglieder der zum Golf-Kartell gehörenden "Los Zetas" ausgegeben - laut Arrazola eine Schutzbehauptung, um den Verdacht von den wahren Auftraggebern abzulenken. "Ich vermute, dass die Regierung mich nachdrücklich vor allzu kritischer Berichterstattung warnen wollte", so der Journalist. Er habe nie explizit über die Machenschaften der Drogenbosse geschrieben.

Allerdings berichtete Arrazola für die kritische Wochenzeitschrift "Proceso" über Menschenrechtsverletzungen und Verstöße gegen die Pressefreiheit in dem dafür berüchtigten bitterarmen Bundesstaat Oaxaca. Auch begleitete er den Lehreraufstand, bei dem im Sommer 2006 Zehntausende auf die Straße gingen, um gegen Korruption und Wahlbetrug zu demonstrieren. Während des Konflikts, der sich zum landesweiten Aufstand auswuchs, starben mehr als zwei Dutzend Menschen, darunter auch der US-Dokumentarfilmer Brad Will.

"Nur mit Gottes Hilfe"

46 Journalisten wurden in Mexiko seit 2000 getötet, acht werden vermisst, wie die Nationale Kommission für Menschenrechte CNDH berichtete. Längst gilt das Land als das gefährlichste für Journalisten in ganz Lateinamerika. Im internationalen Vergleich landete Mexiko beim Ranking der Pressefreiheit von "Reporter ohne Grenzen" gerade mal auf Platz 140 - von insgesamt 173 Staaten. Wie man als Journalist überhaupt noch in Mexiko arbeiten könne? "Nur mit Gottes Hilfe", sagt Arrazola, der auf Einladung der Stiftung für politisch Verfolgte für ein Jahr nach Hamburg gekommen ist.

"Die Mehrheit der Medienschaffenden zieht es vor, sich nicht einzumischen", sagt Arrazola. "Natürlich gibt es auch korrupte Journalisten", bestätigt Benoît Hervieu von der Hilfsorganisation "Reporter ohne Grenzen". Das Schlimmste aber sei, dass aus Angst vor Übergriffen die Solidarität untereinander leide. "Wenn Kollegen bedroht, verschleppt oder gefoltert werden, ist die Unterstützung sehr gering. Viele Opfer sind vollkommen auf sich gestellt."

Das war im Fall von Pedro Matías Arrazola anders: "Nach der Entführung war mein Haus zwei Wochen lang voller Leute, die mir Geschenke brachten, mir gut zusprachen und Mut machten." Spätestens seit diesem Moment stand für den Reporter fest: "Ich habe eine hohes Berufsrisiko, aber ich bewirke etwas und die Leute glauben an mich. Ich werde sie nicht enttäuschen und weiter berichten."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Titel
mzwk 27.07.2009
Legalisieren aller Drogen braechte den Frieden. Jedoch ist das von den Herrschenden nicht gewollt, da koennte ja das CIA kein Geld mehr machen...
2. Hinrichtung vs. Mord
Heimo Ernst Weiss 27.07.2009
"Viele Opfer werden nicht etwa heimlich um die Ecke gebracht, sondern am helllichten Tage hingerichtet." Diese Opfer wurde nicht *"hingerichtet"*, denn sie wurden nicht aufgrund eines Gerichtsurteils getötet, sondern *"ermordet"*. Das ist ein substanzieller Unterschied, der aber von Journalisten häufig missachtet wird.
3. Ein Staat am Scheideweg...
Diomedes 27.07.2009
Wenn Mexiko nicht von den Verbrecherbaronen und ihrem Gefolge unterjocht werden will, so muss es andere Mittel als die liberal-rechtsstaatlichen anwenden: Allen Gefahren und Einwänden zum Trotz: Wenn Verbrecherbanden 100.000 Mann unter Waffen haben und Polizei und Armee zu infiltrieren beginnen, ist es an der Zeit diese wie militärische Rebellen und Staatsfeinde zu behandeln und zu bekämpfen und nicht wie gewöhnliche Verbrecher... die große Frage ist aber, ob das mexikanische Volk und sein Staat dazu überhaupt (noch?) Willens und in der Lage sind.
4. .
s.s.t. 27.07.2009
Zitat von mzwkLegalisieren aller Drogen braechte den Frieden. Jedoch ist das von den Herrschenden nicht gewollt, da koennte ja das CIA kein Geld mehr machen...
Sie sollten mal einen Blick in Roberto Savianos 'Gomorrha' werfen. Drogenhandel ist zwar ein einträglicher Geschäftszweig der Organisisierten Kriminalität, aber andere Geschäftszweige, wie z.B. Waffenhandel, stehen dem nicht nach. Frieden gäbe es wohl erst, wenn alles legalisiert worden wäre.
5. War on Drugs
Ohli 27.07.2009
Zitat von DiomedesWenn Mexiko nicht von den Verbrecherbaronen und ihrem Gefolge unterjocht werden will, so muss es andere Mittel als die liberal-rechtsstaatlichen anwenden: Allen Gefahren und Einwänden zum Trotz: Wenn Verbrecherbanden 100.000 Mann unter Waffen haben und Polizei und Armee zu infiltrieren beginnen, ist es an der Zeit diese wie militärische Rebellen und Staatsfeinde zu behandeln und zu bekämpfen und nicht wie gewöhnliche Verbrecher... die große Frage ist aber, ob das mexikanische Volk und sein Staat dazu überhaupt (noch?) Willens und in der Lage sind.
Die mexikanische Armee war schon im Einsatz und ist jetzt Teil des Problems. http://www.msnbc.msn.com/id/25851906/ Der Wille mag bei den nicht korrumpierten da sein, jedoch die Lage ist mehr als fatal. Die Lösung des Problems heisst: Regulierte Legalisierung aller illegalen Drogen. Kein Geld für Verbrecher, keine Waffen, kein Terror.
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