Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Drogenkrieg in Rio: "Wir sind diejenigen, die leiden"

Kampf den Kartellen - vor Fußball-WM und Olympia gehen die Behörden in Rio de Janeiro rigoros gegen kriminelle Banden vor: Doch am meisten leiden unter den Feuergefechten auf den Straßen die vielen unbescholtenen Bewohner der Armenviertel.

Rio de Janeiro: Polizei stellt 40 Tonnen Marihuana sicher Fotos
AFP

Rio de Janeiro - José Pereiras Hand zittert, während er auf dem Bürgersteig sitzt und sich eine Zigarette dreht. Von einem Querschläger wurde der Maurer ins Bein getroffen, als sich Polizei und Drogenhändler in seiner Favela in Rio de Janeiro ein Feuergefecht lieferten. "Sie kämpfen, aber wir sind diejenigen, die leiden, wir, die Einwohner", sagt Pereira. Wie er jetzt mit seinem dick verbundenen Bein arbeiten und seine drei Kinder ernähren soll, weiß er nicht.

Für die Polizei war Vila Cruzeiro eine Festung schwer bewaffneter Drogendealer. Für Pereira und Zehntausende weitere Bewohner ist es ihr Zuhause. Kinder gingen jeden Morgen zur Schule, Männer machten sich in der Früh auf, um unten in der Stadt ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Aber plötzlich wurde der Slum zum Schlachtfeld im Kampf der brasilianischen Behörden, Rio für die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Spiele zwei Jahre später sicherzumachen.

Zugänglich ist Vila Cruzeiro nur über schmale gewundene Pfade. Das Leben dort war noch nie einfach: Gangs betrachten die Siedlung als ihr Territorium, von dem aus sie ihre Drogengeschäfte organisieren. Immer wieder kommt es zu Schießereien zwischen Dealern, nachts schließen sich die Bewohner sicherheitshalber ein, wenn aggressive junge Platzhirsche auf Motorrädern durch die Straßen brausen.

Anfällige Waffenruhe

Die ohnehin anfällige Waffenruhe zwischen den Gangs und der Polizei ist inzwischen vorbei. Der Gouverneur von Rio de Janeiro hat angekündigt, die Macht der Banden zu brechen. In den vergangenen zwei Jahren haben Spezialeinheiten mehr als zwei Dutzend Slums gestürmt und dort permanente Posten errichtet. In Vila Cruzeiro und Alemão rückten Sicherheitskräfte vor kurzem mit gepanzerten Fahrzeugen ein, unterstützt von Hubschraubern der Luftwaffe. Der "Mythos ihrer Unbesiegbarkeit" sei vorbei, sagte der Leiter für öffentliche Sicherheit im Staat Rio, José Beltrame, an die Drogengangs gerichtet.

Rund 50 Menschen kamen binnen einer Woche bei Polizeirazzien und Angriffen von Drogenbanden ums Leben, laut Polizei die meisten von ihnen Kriminelle. Unschuldige litten aber dennoch: Nach Behördenangaben war das jüngste Opfer, das verletzt wurde, zwei Jahre alt, das älteste 81.

Ziele für Einsätze der Sicherheitskräfte gibt es mit mehr als 1000 Favelas in Rio reichlich, die meisten Slums stehen unter der "Verwaltung" krimineller Banden. Bürgermeister Eduardo Paes hat Investitionen von 230 Millionen Dollar (175 Millionen Euro) angekündigt, um unter anderem die Ausstattung von Schulen zu verbessern und Zentren für Kinderbetreuung einzurichten - Hilfe, die in den Slums bitter nötig ist. Wenige Tage nach dem Polizeieinsatz in Vila Cruzeiro wühlen sich Schweine durch Berge von Müll, Abwasser tropft aus geborstenen Leitungen.

Messbarer Erfolg

In anderen Slums hat das Vorgehen der Sicherheitskräfte messbaren Erfolg: In Cidade de Deus beispielsweise wurden zwischen November 2007 und November 2008 insgesamt 35 Morde gezählt, im selben Zeitraum ein Jahr später waren es nur sechs.

Dass es auch in Vila Cruzeiro positive Entwicklungen geben wird, bezweifeln viele Einwohner. "Nein, das ist es nicht wert", sagt eine Mutter über den jüngsten Polizeieinsatz. "Vorher haben wir unser Leben gelebt und die Drogenhändler ihres."

Jetzt gibt es seit Tagen keinen Strom, Polizisten haben bei Hausdurchsuchungen alle Habseligkeiten durcheinandergeworfen. Mehrere Frauen berichten, ihre von der Gewalt während der Razzia traumatisierten Kinder wachten nachts schreiend auf. Schulen bleiben die meiste Zeit geschlossen, und weil seit der Razzia die Busse nicht mehr regelmäßig fahren, kommen die Frauen nicht mehr zur Arbeit. Und die Gangs warteten nur auf den richtigen Moment, um ihre Geschäfte weiterführen zu können, sagt eine andere Mutter.

"Es gibt Veränderung"

Andere betrachten den Polizeieinsatz mit wachsender Hoffnung. "Es gibt Veränderung, man sieht, dass die Leute an die Polizei glauben", sagt Ronald Martins, der in der Nähe eines Marktes in Vila Cruzeiro im Einsatz ist. Sicherheitsleiter Beltrame erklärt, das Pazifizierungsprogramm sei einfacher durchzuführen, wenn die Einwohner das Gefühl hätten, dass die Polizei weiterhin vor Ort bleibe. Junge Leute, die von den Drogenhändlern angeworben wurden, hätten bereits begonnen, sich nach Jobs umzuschauen.

Josiane, die mit ihrem siebenjährigen Enkel unterwegs ist, hofft auf dauerhafte Besserung. Der Junge sei mit dem Geräusch von Gewehrfeuer aufgewachsen und erschrecke schon beim Knall von Feuerwerk, das bei Feiern gezündet werde, sagt sie. "Kann man sich vorstellen, ein Kind großzuziehen, das bei jedem lauten Geräusch aufspringt?", sagt die Großmutter. "Ich hoffe, dass das die Wiedergeburt dieser Gemeinde wird. Die Dinge mussten sich ändern. Wir müssen hoffen."

jdl/dapd

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: