Drogenprozess gegen Hans-Jürgen Rösner "Die ganz große Keule"

Gladbeck im August 1988, die bis heute dramatischste Geiselnahme der deutschen Kriminalgeschichte. Hans-Jürgen Rösner, einer der beiden Täter, wurde nun wegen Drogenbesitzes zu sechs Monaten Haft verurteilt - zusätzlich zu seiner lebenslangen Strafe mit anschließender Sicherungsverwahrung.

Aus Bochum berichtet


Der Angeklagte gilt sogar 21 Jahre nach der Tat noch als "Prominenter", zumindest in Justizkreisen, wo dies allerdings kein Vorteil ist. Denn was sich am 16. August 1988 und in den folgenden Tagen in Gladbeck, in Bremen, an der Autobahnraststätte Grundbergsee und schließlich auf der Autobahn A3 in der Nähe der Ländergrenze von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz ereignet hat, gilt bis heute als die dramatischste Geiselnahme der deutschen Kriminalgeschichte: das Gladbecker Geiseldrama, das zwei junge Menschen das Leben gekostet hat. Seitdem werden die "Gladbecker Geiselgangster" das Prädikat, für immer hochgefährliche Gewalttäter zu sein, nicht mehr los.

Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner hatten damals eine Filiale der Deutschen Bank in Gladbeck überfallen und zwei Geiseln genommen, um freien Abzug zu erzwingen. Tags darauf brachten sie in Bremen einen Linienbus in ihre Gewalt und setzten damit ihre abenteuerliche Flucht fort.

Mittlerweile hatte sich auch Rösners Freundin Marion L. zu den Bankräubern gesellt, was die Situation zeitweise entschärfte, zugleich aber auch verschärfte. Denn als Marion L. in Köln von einem Polizisten angeschossen wurde, geriet das Geschehen vollends außer Kontrolle.

Während sich die Pannen bei der Polizei häuften, griffen damals immer mehr Reporter und Fotografen in den Fortgang der Geiselnahme ein. Sie interviewten die Täter, reizten sie zu noch unbesonnenerem, bedrohlich wirkendem Auftreten und verhandelten auf eigene Faust mit der Polizei.

Unvergessen die Fotos vor der Raststätte Grundbergsee, als sich Degowski auf Wunsch der Journaille als besonders gefährlicher Verbrecher den Foto- und Filmkameras präsentierte; unvergessen der Bus, aus dem Degowski kurze Zeit später den 16-jährigen Emanuele de G. warf, den er gerade umgebracht hatte; unvergessen auch die Bilder von dem zerschossenen Fluchtauto, in dem die 18-jährige Geisel Silke B. starb - getötet von einer Kugel aus Rösners Waffe, die sich offenbar löste, als Rösner von einer Polizeikugel getroffen wurde. Es konnte ihm nicht nachgewiesen werden, dass er die Geisel absichtlich erschossen hat. Das SEK hatte das Stürmen eines stehenden Autos geübt, nicht aber eines fahrenden. Und Rösner war zu früh losgefahren.

Lebenslange Haft für die Geiselnehmer

1989 begann der Prozess gegen Degowski, Rösner und Marion L. vor dem Essener Landgericht mit dem legendären Vorsitzenden Richter Rudolf Esders. Nach 109 Verhandlungstagen wurde Rösner, Jahrgang 1957, zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe unter anderem wegen versuchten Mordes verurteilt.

Auch Degowski erhielt Lebenslang, hatte er doch den halbwüchsigen Italiener vor den Augen seiner Schwester und der übrigen Businsassen ermordet. Beide Täter verschwanden für mehr als zwei Jahrzehnte hinter Gittern. Marion L. wurde zu neun Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

Aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen erkannte die Strafvollstreckungskammer später für Degowski auf eine Mindestverbüßungszeit von 25 Jahren, für Rösner dagegen auf 26 Jahre. Degowski, der noch in Werl einsitzt, darf inzwischen in Begleitung eines Beamten einkaufen gehen. Rösner dagegen sitzt und sitzt und sitzt ohne Vollzugslockerungen. Seit dem 14. Juni 2008 ist er in der Justizvollzugsanstalt Bochum untergebracht.

Stets "die ganz große Keule" für Rösner

Am Abend des 25. März wurde er dort in seiner Zelle mit sieben Gramm Heroin erwischt. Er gab zu, das Rauschgift, eingeschweißt in einem Tütchen, von einem "Kollegen" aus dem Knast bekommen zu haben. Er sollte es auf mehrere Glasröhrchen verteilen, weil man die besser verstecken könne. Eines davon sollte er behalten dürfen.

Die Staatsanwaltschaft Bochum klagte ihn daraufhin wegen eines Verbrechens des unerlaubten Besitzes von Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge an. Einer Anregung der Verteidigung, das Verfahren einzustellen, weil eine weitere Verurteilung nicht ins Gewicht falle, kam das Amtsgericht Bochum, Schöffengericht, nicht nach. An diesem Dienstag fand also der Prozess statt.

Der Aufwand dafür war immens, die Kosten dafür dürften beträchtlich sein. Sechs vermummte und schwer bewaffnete Beamte des Polizeipräsidiums Bochum führten den Angeklagten in Hand- und Fußfesseln vor, die erst unmittelbar vor dem Saal gelöst wurden. Die Sicherheitsmaßnahmen, denen sich das Publikum zu unterziehen hatte, waren entsprechend. Keine Geldbörse, kein Schminktäschchen, das von Justizbeamten nicht gründlichst gefilzt wurde. Wozu? Wer sollte hier vor wem geschützt werden? "Wir schützen eben jeden vor jedem", erklärte treuherzig ein Wachtmeister, der ja auch nichts dafür konnte.

Bei einem "normalen" Lebenslangen wäre anlässlich eines solchen Rauschgiftfundes vermutlich von der Anstalt Arrest verhängt und die Teilnahme an Gemeinschaftsveranstaltungen zeitweilig gestrichen worden. Man hätte den Vorfall in den Akten vermerkt, und damit wäre die Sache erledigt gewesen. Nicht aber bei Rösner, der noch immer behandelt wird wie eine Bestie in Menschengestalt. Bei ihm wird stets "die ganz große Keule" herausgeholt, wie sein Verteidiger August Vordemberge es formuliert.

Vom tätowierten Muskelpaket zum gebrochenen Mann

Was hat man Rösner nicht alles angehängt in den 21 Jahren, die er mittlerweile sitzt: Planung von Ausbrüchen, von Geiselnahmen in der Anstalt. Zuletzt wurde er bezichtigt, den Leiter der JVA Bochum als Geisel nehmen zu wollen. Nichts bestätigte sich. Doch so mancher Mitgefangene, der sich einen Vorteil verschaffen wollte, musste nur sagen: Hallo, ich weiß was über den Rösner! Und dann ging es für diesen los. Als die Heroin-Sache aufflog, setzte man ihn zum Beispiel stundenlang nackt auf eine Toilette in einem Glaskasten; er hätte Rauschgift ja auch geschluckt haben können.

Rösner ist weder ein Triebtäter noch ein Psychopath. Aus dem tätowierten Muskelpaket der achtziger Jahre ist ein alter, gebrochener Mann geworden - der Vollzug hält nicht jung -, ein Mann, der nur noch in Ruhe gelassen werden und in der Gefängnisdruckerei arbeiten will.

Von seiner ironischen Eloquenz von damals, er ist ja nicht dumm, ist kaum noch etwas zu spüren. Nur einmal, als der Leiter des Bochumer Gefängnisses als Zeuge zugab, sechs Wochen Arrest wegen der Rauschgiftsache verhängt zu haben, obwohl nur vier Wochen zulässig seien, "weil ich so in Schwung war", da blitzt noch einmal der alte Rösner auf: "Genau! In Schwung waren Sie", sagt er spöttisch. Und jeder im Saal lacht, obwohl es eigentlich nichts zu lachen gibt.

Rösner geriet als junger Mann in den siebziger Jahren mit Diebstählen auf die schiefe Bahn, ist mal ohne Führerschein Auto gefahren und einmal ohne Haftpflichtversicherung und hat gegen Vollstreckungsbeamte Widerstand geleistet, ehe der Banküberfall in Gladbeck aus dem Ruder lief.

"Wir haben Strafgefangene nicht nur zu verwahren"

Inzwischen hat er noch sechseinhalb Jahre Reststrafe zu verbüßen, an die sich Sicherungsverwahrung anschließt. Eine Entlassung in Freiheit kommt erst in Frage, falls zwei Gutachter bestätigen, dass er nicht mehr gefährlich sei. Es erwartet ihn, um mit dem Staatsanwalt zu sprechen, eine "unabsehbar hohe Strafverbüßung".

Wieso dann noch ein Strafverfahren, in dem es höchstens um neun Monate zusätzlich gehen konnte? Wieso das "ganz große Kino", wie es in Bochum hieß? "Weil es im Gefängnis keinen rechtsfreien Raum gibt", sagt der Staatsanwalt, "und es nicht sein kann, dass gerade die zu Höchststrafen Verurteilten dort machen, was sie wollen". Man hat noch immer Angst vor Rösner, eine Heidenangst offenbar sogar.

Und deshalb wird er schikaniert. "Das einzige an Lebensqualität waren die Besuche seiner Schwester einmal im Monat", sagt Verteidiger Vordemberge. Doch nur hinter einer Trennscheibe. Dies führte dazu, dass Rösner auch diese Besuche nicht mehr wollte. Schließlich sei er kein Museumsstück aus wilder Vorzeit. Das bisschen Habe, das er in seiner Zelle hatte - man hat es ihm nach der Heroinsache weggenommen.

Er ist an Hepatitis C erkrankt. Wurde er in den langen Jahren jemals behandelt? Nein. Der Anstaltsleiter behauptete vor Gericht, von der Krankheit nichts zu wissen. Dafür wusste er aber, dass dieser Gefangene nach 21 Jahren Knast keine Gespräche mit einem Psychologen nötig habe. Entsprechende Wünsche Rösners seien "nicht glaubwürdig" gewesen.

"Wir haben Strafgefangene nicht nur zu verwahren", sagte Verteidiger Vordemberge in seinem Plädoyer. "Einer, der 21 Jahre eingesperrt ist, sollte auch mal die Erfahrung machen, dass man sich seiner annimmt. Dass ein Arzt zu ihm kommt, wenn er krank ist. Oder ein Psychologe, wenn es ihm schlecht geht." Und dass er sich mit seiner Schwester normal unterhalten darf.

Rösner wurde am Dienstag nach einem Gespräch zwischen Staatsanwalt, Verteidiger und Richter zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten - man gestand ihm einen minder schweren Fall des Rauschgiftbesitzes zu - verurteilt.

"Natürlich fällt das kaum ins Gewicht bei diesem Angeklagten", sagte der Vorsitzende. "Aber es ist schon von Bedeutung, ob nach Verbüßung der Mindeststrafe eine Entlassung möglich ist." Doch das ist ohnehin nicht der Fall wegen der Sicherungsverwahrung.



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