Kolumbiens Kokainkartelle: Höllentrip im Drogen-U-Boot

Aus Buenaventura, Kolumbien, berichtet Klaus Ehringfeld

Kolumbiens Drogenbanden erfinden immer raffiniertere Methoden zum Drogentransport: Mit beeindruckendem Geschick bauen sie U-Boote, die Tonnen von Kokain Tausende Kilometer weit schmuggeln. Armen Fischern werden für einen Trip hohe Summen geboten - doch das Leben an Bord ist die Hölle.

Klaus Ehringfeld

Es ist nicht schwer, in Buenaventura Männer zu finden, die russisches Roulette spielen wollen. In der kolumbianischen Variante des martialischen Glücksspiels wird man reich oder kommt in den Knast - im schlimmsten Fall ertrinkt man. Harrinson Moreno stand auch einmal vor der Wahl. Annehmen oder ablehnen. Fahren oder nicht fahren. Drogenkurier oder Gelegenheitsarbeiter.

Moreno lebt in La Playita, einem Fischervorort am Rande der kolumbianischen Hafenstadt Buenaventura. La Playita war einmal richtig schön, Holzhäuser auf Pfählen, den Pazifik vor der Tür. Bei Flut schlagen die Wellen gegen den Boden der Häuser. Früher saßen die Männer am Tag vor ihren Hütten und knüpften Netze, nachts fuhren sie zum Fischen raus. Es war ein Leben im Rhythmus von Ebbe und Flut. Und es war schon damals ein Leben in Armut. Aber in Würde.

Das ist so lange her, dass Harrinson Moreno, 35, diese Geschichten nur noch aus Erzählungen seiner Eltern kennt. Als Moreno Kind war, lagen die guten Zeiten schon hinter La Playita. Anfang der achtziger Jahre ergriff der "Narcotrafico", der Drogenschmuggel in großem Stil, Besitz von Kolumbien. Und Buenaventura, der einzige Pazifik-Hafen des Landes, war plötzlich nicht nur ein Umschlagplatz für Kaffee und Container, sondern auch für Kokain.

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Kolumbien: Die höllischen Gefährte der Drogenkartelle
80.000 Peso, umgerechnet 35 Euro verdient Moreno im Monat mit Gelegenheitsarbeiten. Davon muss er Frau und drei Kinder durchbringen. Arbeit als Fischer gibt es hier schon lange nicht mehr. 63 Prozent der Pescadores seien arbeitslos, klagt die Fischerei-Genossenschaft. Schuld daran trügen der billige Importfisch und der Drogenhandel. Wenn man mit einer Kokainladung Zehntausende Dollar verdienen kann, wer will dann noch Fische fangen? Außerdem dürfen die Männer nachts, wenn die Fische am besten beißen, nicht mehr raus fahren. Die Bucht von Buenaventura ist dann Hochsicherheitsgebiet, nur Küstenwache und Marine sind draußen - oder die Drogenschmuggler.

Ein paar Kilometer von La Playita entfernt sitzt Kapitän Fernando Parra in seinem Büro auf der Marinebasis "Málaga" und schmückt den größten Fund seiner Drogenfahnder wortreich aus. Durch das Fenster seines Büros fällt der Blick auf die Trophäe. Ein blaues U-Boot, 30 Meter lang und knapp drei Meter breit, steht aufgebockt zwischen Palmen und Büro-Containern. Parra, Kommandant der kolumbianischen Pazifikflotte, sagt: "Wir dachten, wir hätten schon alles gesehen. Ein richtiges U-Boot, das konnten wir uns nicht vorstellen."

Das Ende der Schmuggelfahrten ist immer ungewiss

Im Februar 2011 konnten kolumbianische und US-Spezialeinheiten das U-Boot kurz vor Auslaufen sicherstellen. Ein eingeschleuster Informant hatte den Tipp gegeben. Draußen vor der Küste in den Tiefen der Mangrovensümpfe bauten 70 bis 100 Mann an dem Drogenfrachter, mit dem 8000 Kilo Kokain transportiert werden sollten. Schiffsingenieure, Elektriker, Schweißer, Techniker werkelten mehr als sechs Monate in der Dschungelwerft der Drogenkartelle an dem U-Boot. Es fehlten nur noch wenige Wochen, dann sollte das Gefährt mit dem weißen Pulver in Milliardenwert auf Jungfernfahrt gehen: Von Kolumbien aus 3500 Kilometer nordwärts Richtung Mexiko.

Von Buenaventura aus befehligt Kommandant Parra rund 8000 Soldaten. Sie sollen dafür sorgen, dass die Kartelle ihr Kokain nicht über den Seeweg aus dem Land bringen können. Eine kaum lösbare Aufgabe: 1300 Kilometer ist Kolumbiens Pazifikküste zwischen Panama im Norden und Ecuador im Süden lang. Fast überall sieht es dort aus wie in Buenaventura - ein Labyrinth aus Inseln mit verschlungenen Mangrovenwäldern und Flussmündungen. Bessere Verstecke für Drogenküchen und Dschungelwerften gibt es kaum.

"Es ist ein Katz- und Maus-Spiel", sagt der Kommandant. Ein Wettkampf um Taktik und Technologie. Anfangs schmuggelten die Banden ihren Stoff in Fischerbooten, versteckt unter dem Fang. Dann kamen Schnellboote mit bis zu fünf Außenbordmotoren. Parra nennt sie "Rennzigarren". Schließlich begannen die Kartelle vor einigen Jahren mit dem Bau eigener Drogentransporter im Dschungel. Einweg-Gefährte aus Fiberglas und Polyester, die Hunderte Kilo Kokain transportieren können. Sie waren so neu, dass die Marine dafür ein eigenes Wort erfinden musste: "Semisumergibles", "Halb-Tauchboote".

Diese Halb-Tauchboote sind nur ein paar Meter lang, kaum einen Meter hoch, manche sehen aus wie ein dickes Torpedo. Platz ist gerade für zwei bis drei Mann Besatzung und den bewaffneten Aufpasser der Drogenmafia. Eine Glaskuppel, ständig von Wellen überspült, ist der einzige Sichtkontakt zur Außenwelt. Man kann sich nur gebückt bewegen. An Bord gibt es nur Diesel und Drogen, kein Licht, keine Betten, keine Toiletten. Die Notdurft wird in einen Beutel verrichtet.

"Wenn sie erst mal auf hoher See sind, kann man die Semisumergibles nur selten ausfindig machen", sagt Kapitän Parra. Mit bloßem Auge seien sie kaum zu erkennen, durch Radar und Sonar schlüpften sie durch. Rund eine Woche dauert der Trip durch den Pazifik. Es sind wahre Höllenfahrten, nicht nur wegen der Bedingungen an Bord, auch weil das Ende höchst ungewiss ist. Wenn die Drogenkuriere ihren Trip "krönen" und die Ware ins Ziel bringen, haben sie ausgesorgt. Aber viele saufen ab, weil ihr Boot einen Konstruktionsfehler hat. Andere Boote werden aufgebracht, und die Besatzung landet in einem mexikanischen oder kolumbianischen Knast.

Manchmal aber entdecken die Sicherheitskräfte auch nur ein Fahrzeug ohne Besatzung, wie vor kurzem in Tumaco, einem Ort rund 600 Kilometer südlich von Buenaventura: Sie brachten ein unbemanntes U-Boot auf, siebeneinhalb Meter lang, zwei Meter breit. Die Behörden vermuten, dass es dem Kartell "Los Rastrojos" gehört.

"Die haben an fast alles gedacht"

Ein Drittel des Rauschgifts, das in den Dschungelküchen Kolumbiens gekocht wird, verlässt über die Pazifikroute das Land. Experten gehen davon aus, dass für jeden aufgebrachten Drogentransporter fünf weitere durch die Maschen des Kontrollnetzes schlüpfen. Es ist für die Schmuggler ein höchst lukratives Geschäft. Der Bau des blauen U-Boots zum Beispiel habe ein bis zwei Millionen Dollar gekostet, sagt Kapitän Parra. Aber die Fracht hätte auf den Straßen von Los Angeles oder New York 240 Millionen Dollar erbracht.

Auf dem Stützpunkt Málaga hat die Marine eine Mischung aus Drogen-Museum und Schiffsfriedhof aufgebaut. Rund ein Dutzend der Drogentransporter sind hier ausgestellt, die beim Katz- und Maus-Spiel mit den Narcos sichergestellt wurden. Das U-Boot ist das Juwel der Sammlung.

Durch eine eiserne Einstiegsluke und über eine steile Leiter schlüpft man in den Bauch des Bootes. Glühbirnen erleuchten einen geräumigen Innenraum, schwüle Hitze treibt den Schweiß. An Bord wartet Leutnant Juan Celis. Der U-Boot-Kapitän verhehlt nicht seine Anerkennung für die Ingenieurs- und Bauleistung unter Dschungel-Bedingungen: "Die haben an fast alles gedacht." Die Kommandobrücke verfügt über GPS, Tiefenmesser, Kurzwellenradio. Es gibt Pritschen und sogar eine Toilette. Die Ladung sollte in Bug und Heck und auf dem Boden unter Holzpaletten versteckt werden. Die meisten Teile für das Boot bekommt man in einem Eisenwarenladen.

Seetauglich für lange Tauchfahrten wäre das U-Boot aber nicht gewesen, sagt Celis. "Sie haben vergessen die Abgasrohre zu isolieren. Bei geschlossener Luke und unter Wasser wären es 80 Grad in dem Boot geworden". Celis hat das Boot nach Sicherstellung in der Urwaldwerft in der Provinz Nariño im Süden Kolumbiens in 14 Stunden bis nach Buenaventura gefahren. "In Badehose und immer mit offener Luke."

"Die sind wie eine ansteckende Krankheit"

Auch Harrinson Moreno hat von dem Riesen-U-Boot gehört, die Geschichte hatte sich bis La Playita rumgesprochen. Theoretisch hätte auch er an Bord sein können.

Moreno hat das kleine Kapitänspatent. Die Ausbildung auf der Nautikschule hat der Staat bezahlt. Aber jetzt sitzt er auf dem Trocknen. Die Einzigen, die ihm einen Job angeboten haben, waren die Narcos.

Schon während der Ausbildung sind sie auf ihn zugekommen, haben ihn zum Essen eingeladen, ihm Sachen aufgetischt, dass ihm das Wasser im Mund zusammengelaufen ist. Nicht nur Festmahl, auch teure Uhren und dicke Autos waren plötzlich nur einen Drogentrip nach Norden entfernt. Die Narcos boten ihm die unvorstellbare Summe von 80 Millionen Peso für eine Fahrt. Vier Tage als Besatzungsmitglied in einem Tauchboot Marke Eigenbau. 35.000 Euro. "Ich war versucht", gesteht Harrinson. Nur einmal durchkommen und aller Sorgen ledig. Er dachte an die Schuluniformen seiner Kinder, das Quengeln seiner Frau, weil es wieder vorne und hinten nicht reicht.

Aber dann dachte er auch an den Kumpel, von dem es heißt, er sei einfach mit seinem weißen Pulver im Millionenwert vom Meer verschluckt worden. Oder diejenigen, die nicht aussteigen durften, als die Mission erledigt war: "Wenn du dich einmal auf die einlässt, wirst du sie nicht mehr los. Die sind wie eine ansteckende Krankheit."

Also borgt Harrinson bei Verwandten weiter Stoff für die Schuluniform der Kinder, hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Aus einer Hütte nicht weit von ihm dröhnt Musik in Disco-Dezibel. Durch die offene Tür fällt der Blick auf Flachbildschirm, Computer und meterhohe Boxen. Jeder in La Playita weiß, dass der Bewohner einmal rausfuhr und mit dicker Börse wiederkam.

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Wer soll das noch glauben?
ullibulli09 20.09.2012
Mittlerweile stellen sich sogar ehemalige Politiker der CDU ins Fernsehen und geben öffentlich zu, dass die Geheimdienste der USA und auch anderer Länder die großen Drogenkartelle decken und somit einen Status Quo wahren können. Wirklich niemand sollte glauben, dass es Regierungen darum geht die Drogen zu stoppen, es geht immer nur um die Kontrolle. Und ab und zu wird der Öffentlichkeit ein Fang vorgehalten, um die Blendung nach einer Bekämpfung zu untermauern.
2. ...
otto_iii 20.09.2012
Zitat von sysopKolumbiens Drogenbanden erfinden immer raffiniertere Methoden zum Drogentransport: Mit beeindruckendem Geschick bauen sie U-Boote, die Tonnen von Kokain Tausende Kilometer weit schmuggeln. Armen Fischern werden für einen Trip hohe Summen geboten - doch das Leben an Bord ist die Hölle. Drogenschmuggel: Kolumbiens Kartelle setzen auf U-Boote - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,856478,00.html)
Und dank der UN-Antidrogenkonvention und dem US "war on drugs" wird es diese abenteurlichen Zustände und die zigtausenden Mordopfer jedes Jahr in Lateinamerika auch weiterhin geben.
3.
Klopsdrops 20.09.2012
Zitat von sysopKolumbiens Drogenbanden erfinden immer raffiniertere Methoden zum Drogentransport: Mit beeindruckendem Geschick bauen sie U-Boote, die Tonnen von Kokain Tausende Kilometer weit schmuggeln.
Naja, eigentlich sind das nicht wirklich U-Boote und sie tauchen auch nie wirklich ab, sondern es sind eigentlich Boote, die lediglich so gebaut sind, dass nur ein kleiner Teil davon aus dem Wasser ragt, so dass der Bootsfahrer grad noch so über der Wasserlinie aus dem Fenster rausschauen kann.
4. und es soll mir niemand erzählen
spon-facebook-10000140154 20.09.2012
Zitat von KlopsdropsNaja, eigentlich sind das nicht wirklich U-Boote und sie tauchen auch nie wirklich ab, sondern es sind eigentlich Boote, die lediglich so gebaut sind, dass nur ein kleiner Teil davon aus dem Wasser ragt,
dass die US-Marine nicht alle diese Boote versenken könnte wenn sie wollte. Genauso wie mit den Piraten im indischen Ozean.......
5.
datalien 20.09.2012
Zitat von spon-facebook-10000140154dass die US-Marine nicht alle diese Boote versenken könnte wenn sie wollte. Genauso wie mit den Piraten im indischen Ozean.......
Erst einmal finden, dann sichergehen das es auch solche sind, steht schließlich jedem frei in einem Tauchboot durch die Gegend zu schippern, außerdem die Rechtlichen Konsequenzen, einfach so Schiffe versenken ist nicht solange es sich nicht um Schiffe einer Nation handelt mit der man im Krieg ist.
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