Anschlag in Düsseldorf Prozess gegen mutmaßlichen Wehrhahn-Bomber beginnt

Vor mehr als 17 Jahren wurden zehn Menschen an einer Düsseldorfer S-Bahn-Station durch eine Rohrbombe verletzt. Ralf S. soll den Sprengsatz aus rechtsextremer Gesinnung gezündet haben.

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Am 27. Juli 2000 detonierte um 15.04 Uhr eine mit TNT gefüllte Rohrbombe am S-Bahnhof Wehrhahn in Düsseldorf. Sieben Frauen und drei Männer erlitten zum Teil schwere Verletzungen. Die Opfer - darunter sechs Menschen jüdischen Glaubens - waren Ausländer. Sie kamen vom Deutschunterricht an einer nahegelegenen Sprachschule.

Der Anschlag löste bundesweit Entsetzen aus und fachte die Debatte über rechtsextreme Gewalt an. Doch trotz gewaltigen Aufwands der Ermittler blieb der Fall jahrelang offen. Etwa 1500 Menschen wurden befragt, mehr als 300 Spuren verfolgt, gut 450 Beweisstücke gesammelt.

Erst 2014 bahnte sich ein Durchbruch bei den Ermittlungen an: Ralf S., der damals wegen einer anderen Sache im Gefängnis saß, soll sich vor einem Mithäftling damit gebrüstet haben, er habe "an einem Bahnhof Kanaken weggesprengt".

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Düsseldorf: Der Anschlag am S-Bahnhof Wehrhahn

Von Donnerstag an muss sich der 51-Jährige vor dem Düsseldorfer Landgericht wegen zwölffachen Mordversuchs - die Gruppe der Sprachschüler umfasste insgesamt zwölf Menschen - und Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion verantworten. Er soll den Anschlag aus rechtsextremen Motiven begangen haben.

Der mutmaßliche Attentäter war zur Zeit des Anschlags im Stadtteil Flingern als Neonazi bekannt. Er betrieb damals in der Nähe des Tatorts einen Militaria-Laden. Anwohner fürchteten den Mann, der mit seinem Hund durch das Viertel patrouillierte und nachts im Kampfanzug unterwegs war.

Der ehemalige Bundeswehrsoldat war schon kurz nach dem Anschlag ins Visier der Fahnder geraten. Die Polizei nahm ihn vorübergehend fest, verhörte ihn stundenlang und überwachte ihn später auch. Doch der Verdacht ließ sich damals nicht erhärten, Beweise für seine Täterschaft blieben aus.

Staatsanwalt nennt "Beweislast erdrückend"

Inzwischen sind die Ermittler sicher, den Richtigen gefasst zu haben: den Mann, der die Plastiktüte mit dem Sprengsatz an ein Geländer des S-Bahnhofs hängte und die Bombe aus der Ferne zündete. Nach dem Hinweis des Mithäftlings sichteten sie erneut Zehntausende Seiten Akten, verfolgten alte Spuren, vernahmen Zeugen und überwachten S. intensiv. Anfang 2017 nahm ein Spezialeinsatzkommando ihn schließlich in Ratingen fest.

Der Angeklagte bestreitet seine Täterschaft hartnäckig. Sein Verteidiger Olaf Heuvens zieht die belastenden Aussagen, die die Anklage zusammengetragen hat, in Zweifel: "Wieso sollte mein Mandant einem Gefangenen, den er kaum kannte, so etwas erzählen?" Der Anwalt sieht in den ausgelobten 63.000 Euro Belohnung eine mögliche Motivation. "Viele belasten ihn komischerweise jetzt."

Doch Oberstaatsanwalt Ralf Herrenbrück ist überzeugt: Wenn man alle belastenden Indizien gegen den Angeklagten zusammen sehe, "ist die Beweislast erdrückend".

Die Metallsplitter aus der Bombe flogen damals gut hundert Meter weit. Sie töteten ein ungeborenes Baby im Mutterleib. Strafrechtlich gilt dies jedoch nicht als Tötungsverbrechen. Bei einem mitgeschnittenen Telefonat verplapperte sich S. aus Sicht der Ermittler an diesem Punkt auf zynische Weise: Das sei doch "nur Abtreibung", was er gemacht habe, sagte er demnach - und verbesserte sich dann: "gemacht haben soll".

37 Verhandlungstage angesetzt

Eine Ex-Freundin hat inzwischen ausgesagt, die selbstgebaute Rohrbombe in der Küche von S. gesehen zu haben. Bei der Armee soll er gelernt haben, Sprengsätze in einer Colaflasche zu verstecken. Der in akuten Zahlungsschwierigkeiten steckende Mann hatte damals eine zweite Wohnung angemietet - um in Ruhe seine Bombe bauen zu können, wie die Ermittler vermuten.

Kurz nach dem Anschlag soll er zudem einen stadtbekannten Neonazi angerufen und ihn vergeblich um ein Alibi gebeten haben. Eine weitere Zeugin will ihn beim Ausspähen des Tatorts beobachtet haben.

S. beteuert, zu Hause gewesen zu sein, als die Bombe unweit seiner Wohnung ferngezündet wurde - just in dem Moment, in dem die Gruppe der Sprachschüler die Stelle passierte. Wie denn sein Hund auf den Knall der Explosion reagiert habe, wollte ein Ermittler von ihm wissen. Wie er das denn wissen solle, das Tier "war doch zu Hause", entgegnete S. - aus Sicht der Ermittler hat er sich damit ein weiteres Mal verraten.

Für den Prozess beraumte die Düsseldorfer Strafkammer 37 Verhandlungstage bis zum 17. Juli an. Bei einer Verurteilung droht S. eine langjährige Freiheitsstrafe, womöglich sogar lebenslange Haft.

wit/dpa/AFP

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