Prozess in Düsseldorf "Sie hat mir dreimal die Kniescheibe rausgetreten"

In Düsseldorf stehen fünf Erzieher vor Gericht, weil sie autistische Kinder misshandelt haben sollen. Nun verteidigt sich die angeklagte Leiterin der Wohngruppe: Ein Mädchen sei "massiv aggressiv" gewesen.

Von Claudia Hauser, Düsseldorf


Zwei große Leinwände hängen in Saal E116 des Düsseldorfer Landgerichts. Am zweiten Prozesstag im Verfahren um die schweren Missbrauchsvorwürfe in einer evangelischen Kinder- und Jugendeinrichtung in Hilden will die 7. Große Strafkammer Ausschnitte aus Videos zeigen, die die Misshandlungen an fünf autistischen und geistig behinderten Kindern durch ihre Erzieher dokumentieren. Doch eine der fünf Angeklagten, die ehemalige Leiterin der Wohngruppe, möchte sich überraschend zu den schweren Vorwürfen äußern - am ersten Prozesstag hatten alle Angeklagten geschwiegen. Also lässt die Vorsitzende Richterin die Leinwände wieder hochfahren.

"Das, was auf den Videos zu sehen ist, ist so passiert", sagt die 43-jährige Angeklagte. "Aber ich möchte erklären, wie es dazu gekommen ist."

Was passiert ist, ist lange her: Im Juli 2006 wurden die fünf Mädchen und Jungen zwischen 9 und 15 Jahren in eine Wohngruppe mit dem Namen "Lernfenster" aufgenommen. Eine von ihnen war Melanie*, damals 15 Jahre alt, die laut Anklage ganz besonders oft "gemaßregelt" wurde: Erzieher sollen sie mit einem Handtuch geknebelt haben, sollen sie auf den Boden gedrückt und sich auf sie gesetzt haben.

"Melanie war massiv aggressiv, wir konnten sie einfach kaum ruhigstellen", sagt die Angeklagte. Das Mädchen habe in der Gruppe, in der es vorher war, 13 verschiedene Medikamente bekommen, sei bis zu viermal pro Woche in die Psychiatrie gebracht worden, weil niemand mit ihr zurechtgekommen sei. "Sie hatte dort ein Zimmer mit einer Stahltür, weil sie Holztüren rausgetreten hätte." Melanie habe andere Kinder und die Erzieher angegriffen, deren Oberteile zerfetzt, den Linoleumboden in ihrem Zimmer mit den Fingernägeln abgerissen. "Sie hat jeden, der sie angeschaut hat, angegriffen."

Alle hätten Angst vor dem Mädchen gehabt

In der neuen Wohngruppe sollte Melanie lernen, dass das Leben auch anders funktionieren kann, dass es schön sein kann, wie die 43-Jährige sagt. "Sie sollte spüren, dass es jemanden gibt, der das alles aushält und der dableibt und sie nicht in die Psychiatrie schickt." Helfen sollte dabei ein verhaltenstherapeutisches Konzept mit dem Namen "Intra-Act-Plus", mit dessen Entwickler die Leiterin die ganze Zeit über in engem Kontakt stand.

Kern der Methode war laut Staatsanwaltschaft "die positive Zuwendung zum Wohle des Kindes, die mit Geduld, viel Anerkennung und Zuwendung erreicht werden soll". Die Dokumentation der Festhalte- und Provokationstherapien auf Video gehörte zum Konzept. "Man sieht leider auf den Videos meistens nicht, was vorausgegangen ist", sagt die Angeklagte. Das seien etwa extreme Wutausbrüche von Melanie gewesen, auch autoaggressiver Art. "Einmal ist sie immer wieder mit Anlauf mit dem Kopf gegen eine Wand gelaufen." Die Erzieher hätten regelmäßig Hämatome und Prellungen gehabt. "Sie hat mir insgesamt dreimal die Kniescheibe rausgetreten."

Alle, Erzieher und Kinder, hätten Angst vor dem Mädchen gehabt. Eines der "verhaltenstherapeutischen Module", wie sie sagt, sei gewesen, Melanie den Arm im Polizeigriff nach hinten zu drehen, wenn man im Supermarkt eingekauft habe, "Einkaufstraining", nannten das die Erzieher. "Das erschien mir damals einleuchtend und schlüssig", sagt die Angeklagte. Diesen Satz sagt sie nicht nur einmal an diesem Tag. Sie spricht ruhig und konzentriert, nur manchmal bricht ihr die Stimme weg. Etwa als sie sagt: "Das war ein gutes Team mit guten Mitarbeitern."

Immer wieder vom Stuhl gestoßen

Auf jeden einzelnen der 67 Anklagepunkte geht die Frau mit den hellblond gefärbten Haaren ein. Ihr ebenfalls angeklagter Ehemann sitzt neben ihr, regungslos. Seine Frau beschreibt, wie es zu den "Teppichrunden" kam, bei denen Melanie oft über Stunden von einem Stuhl gestoßen wurde, auf den sie sich dann wieder setzen musste, "bis zur völligen Erschöpfung des Kindes", wie es in der Anklage heißt.

Vorausgegangen ist nach Aussage der Leiterin, dass Melanie die anderen Kinder von ihren Stühlen getreten habe. "Ihr müsst den Spieß umdrehen", habe der Entwickler der Methode damals zu ihr gesagt. Also habe man Melanie vom Stuhl gestoßen. Das habe durchaus zum Erfolg geführt, sagt sie: "Sie hat hinterher nicht mehr angegriffen." Das Team des "Lernfensters" sei sehr gelobt worden für gewisse Erfolge, für eine "Revolution in der Behindertenhilfe" gefeiert.

"Damals habe ich das, was ich getan habe, mit bestem Wissen getan", sagt die Angeklagte. "Heute weiß ich, dass ich das nie mehr tun würde." Und dann sagt sie einmal mehr: "Zum damaligen Zeitpunkt erschien es mir schlüssig."

Der Prozess wird am 28. Juli fortgesetzt. Ein Urteil wird erst im Januar 2017 erwartet.

*Name geändert



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