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Straftäter aus Nordafrika in Düsseldorf: Treffen mit dem "König der Diebe"

Von Peter Hell

SPIEGEL TV

Die Düsseldorfer Polizei kämpft seit Jahren gegen rund 2200 Tatverdächtige aus Nordafrika. Der Marokkaner Taoufik M. soll eine Schlüsselrolle spielen. SPIEGEL TV traf den 33-Jährigen.

"Bleibt da, wo ihr jetzt steht. Wir holen euch ab. In zehn Minuten." Es ist das dritte Mal an diesem Vormittag, dass uns der Mann am anderen Ende des Telefons durch die Stadt dirigiert. Er nennt sich Ahmed und ist eine Art Mittelsmann. Er will uns mit dem "König der Diebe" zusammenbringen: Taoufik M. aus Marokko.

Wir stehen auf einem Spielplatz im Düsseldorfer Stadtteil Oberbilk und warten wieder. Diesmal hat es Ahmed ernst gemeint. Kurze Zeit später taucht M. wirklich auf. Er ist hochgewachsen, schlank und trägt braune, kurzrasierte Haare. Vom linken Mundwinkel zieht sich eine lange Narbe zur Gesichtsmitte. Woher sie stammt, will er nicht sagen.

4400 Fälle von Raub, Diebstahl und Körperverletzung innerhalb eines Jahres - das alles soll auf das Konto von mindestens 2200 nordafrikanischen Straftätern gehen, die die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt unsicher machen. Es geht um Diebstahl, Raub, Körperverletzung, Bedrohungen. Tatort ist oft die Düsseldorfer Altstadt.

Die Düsseldorfer Polizei schreibt M. eine Schlüsselrolle in der vermutlich organisierten Bandenkriminalität zu, wie ein Ermittler SPIEGEL TV sagt. Der Marokkaner lebt seit zwei Jahren in Düsseldorf und hat einen Antrag auf Asyl gestellt. Er bewohnt ein Zimmer in einer Flüchtlingsunterkunft und bezieht 300 Euro Sozialleistungen im Monat.

20 Anzeigen liegen gegen M. vor

Der 33-Jährige spricht kein Deutsch, dafür gut Italienisch - er hat mehrere Jahre in Mailand gelebt. M. stammt ursprünglich aus Oued Zem, einer 120.000-Einwohner-Stadt, zwei Autostunden südöstlich von Casablanca. Jener Stadt, deren Name als Titel für eine vertrauliche Analyse der Polizei Düsseldorf dient.

Das Ergebnis des "Casablanca"-Berichts hat nicht nur eine alarmierende Kriminalstatistik zu Tage gefördert, sondern lässt auch Bandenstrukturen vermuten, die sich über die Jahre immer mehr gefestigt und verfeinert haben. Für die ermittelnden Beamten besteht kaum die Möglichkeit, diese Strukturen zu durchbrechen.

Laut Akte liegen gegen M. bislang 20 Anzeigen vor, wegen Körperverletzung, gefährlicher Körperverletzung und gewerbsmäßigen Diebstahls. Verurteilt wurde er zu sieben Monaten Haft auf Bewährung. Dazu kommen noch zwei offene Ermittlungsverfahren wegen Sachbeschädigung und gefährlicher Körperverletzung. Von organisiertem Diebstahl will M. nichts wissen. "Ja, ich habe mal gestohlen. Mal eine Hose oder ein Handy, aber nur, um mir danach etwas zu essen zu kaufen", sagt er.

Die Rolle des Bandenchefs, eines "Königs der Diebe", amüsiert Taoufik M. Organisierte Kriminalität? Für ihn ist das eine Frage der Definition. "So etwas gibt es bei uns nicht. Es sind immer zwei Personen, die klauen. Ist das eine Bande?"

Er, der auf der Liste der Fahnder ganz oben steht, will seit sechs Wochen nichts mehr gestohlen haben. Und davor nur, weil er mit der Sozialhilfe nicht ausgekommen sei.

"Wenn sie mich abschieben, bin ich nächste Woche wieder hier"

Wir begleiten M. in ein Flüchtlingsheim, in der Nähe des Treffpunktes. Hier wohnen seine Freunde. Das Zimmer: zwölf Quadratmeter, zwei Betten, eine Spüle, ein Kleiderschrank, ein Sessel, ein Kühlschrank und ein Fernseher.

Die fünf jungen Männer sind misstrauisch. M. ist der Älteste von ihnen. Er genießt augenscheinlich Autorität. Einer maskiert sich mit einem Tuch. Er will nicht erkannt werden.

"Ich habe immer allein geklaut", sagt er. "Ich schaffe zwei, drei Jungs. Ich brauche nur mit denen zu reden, dann kann ich denen was abziehen." Angst vor Abschiebung hat er, der nach eigenen Angaben seit seinem zehnten Lebensjahr klaut, nicht. "Wenn sie mich abschieben, bin ich nächste Woche wieder hier."

In der Casablanca-Analyse heißt es: "Aussagen von nordafrikanischen Tatverdächtigen sind bislang nicht zu erlangen. Die Vernehmungen sind gekennzeichnet von Lügen und dem Abstreiten selbst offensichtlichster Begebenheiten und Fakten."

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Sonntag, 21.08.2016, 22.30 - 23.15 Uhr, RTL
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