Bombenanschlag in Düsseldorf-Wehrhahn Wie es zum Freispruch für Ralf S. kam

Wer verübte den Bombenanschlag am S-Bahnhof Düsseldorf-Wehrhahn? Ralf S. jedenfalls nicht, urteilte nun das Landgericht Düsseldorf. Die Chronik eines denkwürdigen Falls.

Ralf S. zwischen seinen Anwälten
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Ralf S. zwischen seinen Anwälten


18 Jahre und vier Tage dauerte es, bis ein Gericht über den Bombenanschlag von Wehrhahn ein Urteil fällte. Nun hat das Landgericht Düsseldorf entschieden und den Angeklagte Ralf S. freigesprochen. Für die Betroffenen und die Angehörigen der Opfer ist das eine schwere Enttäuschung.

Der Prozess bot mehrere überraschende Wendungen, es gab fragwürdige Zeugenaussagen und denkwürdige Auftritte vor Gericht. Wie geriet Ralf S. in den Fokus der Ermittler - und wie kam es nun zum Freispruch? Der Fall im Überblick:

27. Juli 2000: Der Anschlag

Am S-Bahnhof Wehrhahn im Osten von Düsseldorf detoniert um 15.04 Uhr eine mit TNT gefüllte Rohrbombe, als eine Gruppe überwiegend jüdischer Sprachschüler in der Nähe ist. Der Splitterhagel reicht etwa hundert Meter weit, herbeigeeilte Rettungskräfte berichten von "vielen Bewusstlosen mit großen blutenden Wunden". Sieben Frauen und drei Männer, sogenannte Kontingentflüchtlinge aus Osteuropa, erleiden teilweise lebensgefährliche Verletzungen. Ein Bombensplitter tötet das ungeborene Kind im Bauch einer Schwangeren.

Einsatzkräfte am 27. Juli 2000 in Düsseldorf-Wehrhahn
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Einsatzkräfte am 27. Juli 2000 in Düsseldorf-Wehrhahn

August 2000: Die Ermittlungen

Die Ermittler gehen von einem antisemitischen Hintergrund der Tat aus und verfolgen mehr als 150 Spuren. Zwei Verdächtige kommen nach stundenlangen Verhören wieder frei, darunter auch ein 34-jähriger Mann namens Ralf S.: ein Militaria-Händler mit Kontakten in die rechtsextreme Szene. Die Ermittlungen laufen schließlich ins Leere, es kommt zu keiner Anklage.

2014: Die Wende

Die Ermittlungen nehmen plötzlich wieder Fahrt auf. Im Mittelpunkt steht erneut Ralf S., wegen nicht bezahlter Rechnungen in Höhe von etwa 2000 Euro in Haft. Dort prahlte er einem Mithäftling zufolge mit dem Attentat. Eilig nimmt die neu gegründete Sonderkommission "Furche" die Ermittlungen wieder auf. In den folgenden Monaten sichten Ermittler noch einmal 69.000 Blatt Akten und werten mehr als 300 Spuren aus. Zudem sagen mehrere Zeugen aus; eine Ex-Freundin von S. belastet ihn schwer.

31. Januar 2017: Die Verhaftung

Nach fast 17 Jahren Ermittlungen verhaften Spezialkräfte den mittlerweile 50-jährigen Ralf S. - über ihn werden nun weitere Details bekannt: So gilt der ehemalige Bundeswehrsoldat als Waffennarr. Der wegen anderer Delikte vorbestrafte S. bestreitet die Tat.

11. Februar 2017: Der V-Mann-Verdacht

Ein pikantes Details aus den Ermittlungen wird bekannt: Der SPIEGEL berichtet, der frühere Skinhead André M. habe unter dem Decknamen "Apollo" im Sommer 2000 für den nordrhein-westfälischen Verfassungsschutz gearbeitet - und in dieser Zeit engen Kontakt zu Ralf S. gepflegt. 2016 zu dem Anschlag vernommen, macht M. keine Angaben.

7. Dezember 2017: Die Anklage

Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf klagt Ralf S. an - wegen zwölffachen versuchten Mordes. Die Ermittler sind überzeugt, dass er aus tief verwurzeltem Rassismus handelte. Demnach plante S. die Tat minutiös, legte schon im Vorfeld falsche Fährten und bastelte an Alibis. Er mietete laut Anklage schon mehrere Monate vor dem Anschlag in Tatortnähe eine Wohnung, um dort die Bombe zu bauen.

25. Januar 2018: Der Prozess

Vor dem Landgericht Düsseldorf beginnt der Prozess. Ralf S. bestreitet jede Beteiligung an dem Anschlag - und zeichnet von sich wortreich das Bild eines Mannes, der im Leben wenig Glück hatte.

Ralf S. mit Verteidiger beim Prozessauftakt
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Ralf S. mit Verteidiger beim Prozessauftakt

22. Februar 2018: Der Belastungszeuge

Der ehemalige Mithäftling von Ralf S., der ihn 2014 schwer belastet hatte, sagt vor Gericht aus. S. habe mit dem Bombenanschlag geprahlt, sagt der 44-Jährige. Wörtlich habe S. gesagt: "Ich habe die Kanaken in meinem Viertel in die Luft gejagt." Der Zeuge sagt, er habe 2014 eine JVA-Beamtin in Castrop-Rauxel über dieses Gespräch informiert und sei wenig später von Polizisten vernommen worden. Der Vorsitzende Richter Rainer Drees verwickelte den Zeugen jedoch in Widersprüche.

März 2018: Der Gesinnungsgenosse

Ralf S. vertraut sich offenbar einem weiteren Mithäftling im Hochsicherheitstrakt der Düsseldorfer JVA an - so jedenfalls schildern es später die Ermittler. Den wegen einer Geiselnahme verurteilten Holger P. hält S. demzufolge für einen rechtsextremen Gesinnungsgenossen. S. erzählt ihm angeblich von dem Anschlag und spricht obendrein über Mordpläne gegen Oberstaatsanwalt Ralf Herrenbrück. Den Ermittlern zufolge schickt P. eine Art Gesprächsprotokoll als vertrauliche Anwaltspost an seinen Rechtsbeistand. Die anderen Prozessbeteiligten erfahren davon zunächst offenbar nichts.

17. Mai 2018: Die Haftentlassung

Nach 25 Verhandlungstagen entlässt das Gericht Ralf S. aus der Untersuchungshaft, weil es keinen dringenden Tatverdacht mehr sieht. Die Angaben mehrerer Zeugen hätten sich "als nicht hinreichend belastbar erwiesen", teilt die Kammer mit. Wenig später soll S. einen Mordplan gegen Herrenbrück gefasst haben.

Oberstaatsanwalt Ralf Herrenbrück
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Oberstaatsanwalt Ralf Herrenbrück

Immer wieder heißt es, das Gericht habe die Information über die Morddrohungen erst elf Tage nach Eingang an Herrenbrück weitergeleitet. Dieser Darstellung widerspricht Drees später: Ihm zufolge hatte ein ehemaliger Mithäftling einem Anstaltspsychologen im Justizvollzugskrankenhaus Fröndenberg den Hinweis gegeben, von dort sei die Information erst fünf Tage später weitergeleitet worden. Das Gericht habe den Hinweis dann zwei Stunden nach Eingang an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Herrenbrück, der diese Version bestätigt, las die Mail nach eigenen Angaben erst sechs Tage später, weil er im Urlaub war.

5. Juni 2018: Der neue Hinweis

Das Gericht gibt bekannt, dass sich ein neuer Zeuge gemeldet habe - es ist der Häftling Holger P., dem S. im März von dem Anschlag berichtet haben soll. Die Kammer kündigt an, P. im Gerichtssaal zu vernehmen.

14. Juni 2018: Der zögernde Zeuge

Holger P. tritt vor Gericht auf. Einem Anstaltspsychologen und einem Vollzugsbeamten hatte er das angebliche Geständnis und die Mordpläne gegen den Staatsanwalt bereits geschildert, beide haben das vor Gericht bestätigt. Doch jetzt, wo Holger P. selbst von dem Gespräch mit S. erzählen soll, schweigt er. Angeblich fürchtet P. um die Sicherheit seiner Frau und der beiden Kinder und will daher nicht im Beisein des Angeklagten aussagen. Das Gericht lehnt das jedoch ab und verhängt sechs Monate Beugehaft. An einem späteren Verhandlungstag sagt er doch noch aus - und belastet Ralf S.

26. Juli 2018: Die Plädoyers

Oberstaatsanwalt Herrenbrück fordert in seinem Plädoyer für Ralf S. eine lebenslange Freiheitsstrafe. Dem Gericht macht der Chefermittler schwere Vorwürfe, die Kammer habe sich täuschen lassen. S. sei mitnichten nur "ein sich selbst überschätzender Dummschwätzer" - so beschreibt die Verteidigung den Angeklagten, für den sie einen Freispruch verlangt. Die Nebenkläger schließen sich der Forderung der Anklagebehörde an: Sollte S. nicht verurteilt werden, wäre dies der "schwerste Fehler in der Geschichte der Düsseldorfer Justiz", sagt ein Anwalt.

31. Juli 2018: Das Urteil

Die Richter sprechen S. von allen Vorwürfen frei. Die Beweislage sei zu dürftig gewesen, sagt Richter Rainer Drees, zudem habe es in den Zeugenaussagen Ungereimtheiten gegeben. Die Angaben der beiden Mithäftlinge, denen S. die Tat gestanden haben soll, seien nicht tragfähig oder glaubhaft gewesen. Drees sagt aber auch: "Wir haben es uns nicht leicht gemacht mit dem Urteil."


Anmerkung: In einer früheren Version des Textes hieß es, das Gericht habe den Hinweis auf die Morddrohungen gegen den Staatsanwalt erst nach elf Tagen an ihn weitergeleitet. Der Richter hat die genauen Abläufe nun bei der Urteilsverkündung detailliert erläutert. Wir haben die Passage angepasst.

mxw

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