Plädoyers im Wehrhahn-Prozess Der Frust eines Staatsanwaltes

"Alles, was er hasste, wollte er nicht haben": Im Prozess gegen den mutmaßlichen Bombenleger von Düsseldorf-Wehrhahn stemmt sich die Staatsanwaltschaft gegen einen Freispruch - und rechnet in ihrem Plädoyer mit dem Gericht ab.

Ralf S. auf der Anklagebank im Gerichtssaal
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Ralf S. auf der Anklagebank im Gerichtssaal

Von Christian Parth, Düsseldorf


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Es lastet eine spürbare Schwere auf Oberstaatsanwalt Ralf Herrenbrück. Ihm muss es wie Hohn vorkommen, dass Ralf S., den er zweifelsfrei für den Bombenleger vom S-Bahnhof Wehrhahn hält, ihm im Gerichtssaal beinahe gelöst gegenübersitzt, sommerlich im hellen Kurzarmhemd.

Vieles deutet darauf hin, dass das Landgericht Düsseldorf S. nach einem kuriosen und teilweise seltsam anmutenden Prozessverlauf freisprechen könnte. Doch so einfach will sich Herrenbrück nicht geschlagen geben. Zweieinhalb Stunden lang plädiert er, fordert für S. unter anderem wegen versuchten Mordes in zwölf Fällen eine lebenslange Freiheitsstrafe.

Die Anklage ist überzeugt, dass Ralf S. am 27. Juli 2000 an der S-Bahnhaltestelle Düsseldorf-Wehrhahn eine Bombe zündete und zehn Menschen einer zwölfköpfigen Gruppe überwiegend jüdischer Sprachschüler aus Osteuropa verletzte, einige davon lebensgefährlich. Das ungeborene Baby einer schwangeren Frau wurde durch Splitter im Mutterbauch getötet. Sein Motiv, da sind sich Herrenbrück und die Nebenklage einig: tief verwurzelte Ausländerfeindlichkeit. "S. fühlte sich berufen, sein Viertel sauber zu halten. Alles, was er hasste, wollte er nicht haben", sagt Herrenbrück.

Mit den Schlussvorträgen nähert sich ein Indizienprozess dem Ende, der für die vier Nebenklageanwälte, aber vor allem für Herrenbrück kaum unbefriedigender hätte verlaufen können. Denn während der monatelangen Beweisaufnahme wurden die Zweifel der Kammer an der Schuld des Angeklagten immer größer.

Staatsanwalt macht dem Gericht schwere Vorwürfe

Am 17. Mai kam der Paukenschlag: Das Gericht entließ S. trotz teilweise schwer belastender Aussagen aus der Untersuchungshaft, weil es keinen dringenden Tatverdacht mehr sah. Die Angaben mehrerer Zeugen hätten sich "als nicht hinreichend belastbar erwiesen", teilte das Gericht mit. Für die Anklage ein herber Rückschlag, zugleich Vorbote eines Freispruchs.

Das Verhältnis zwischen Herrenbrück und dem Vorsitzenden Richter Rainer Drees zerrüttet. Denn kaum war S. frei, soll er einen Mordplan gegen Herrenbrück geschmiedet haben. Das Gericht wurde in Kenntnis gesetzt, ließ sich aber elf Tage Zeit, den Oberstaatsanwalt darüber zu informieren.

Herrenbrück stemmt sich in seinem Plädoyer gegen die drohende juristische Niederlage. Detailliert erläutert er noch einmal Indizien - und macht dem Gericht schwere Vorwürfe. Die Kammer habe sich von einem falschen Persönlichkeitsbild von S. täuschen lassen. Der sei mitnichten nur ein geltungssüchtiger Schwätzer und Spinner, der mit der Tat nur kokettiere, um sich wichtig zu machen.

Ganz im Gegenteil, meint Herrenbrück. Von Zeugen sei S. als gefährlicher Psychopath, als paranoider Soziopath beschrieben worden. Herrenbrück spricht von Zeugen, die bei ihrer Aussage vor Angst gezittert hätten.

Angeklagter sagte laut Zeugenaussage: "Ich habe die Kanaken weggesprengt"

Die Indizienkette, die Herrenbrück ausbreitet, wirkt überzeugend. Demnach plante S. die Tat minutiös, legte schon im Vorfeld falsche Fährten und bastelte an Alibis. Er mietete laut Herrenbrück mehrere Monate vor dem Anschlag in Tatortnähe eine Wohnung, um dort die Bombe mit Sprengstoff aus Handgranaten osteuropäischer Herkunft zu bauen.

Die Kenntnisse im Umgang mit Sprengstoff habe sich Ralf S. während seiner Bundeswehrzeit angeeignet. Mehrfach sei er von Zeugen beobachtet worden, wie er den Tatort vor dem Anschlag inspiziert habe. Er sei unmittelbar nach der Tat an der S-Bahn-Haltestelle gesehen worden.

In Vernehmungen habe sich S. zudem in Widersprüche verwickelt, sagte Herrenbrück. Einmal habe er gesagt, sei er zur Tatzeit zu Hause gewesen, ein anderes Mal dann doch unterwegs. Auch eine Hausdurchsuchung habe belastendes Material geliefert: die Anleitung für eine Zündvorrichtung und den Splint einer Handgranate. Bei einer Rasterfahndung sei nur einer als Verdächtiger übriggeblieben: Ralf S.

Überdies soll S. zwei Mithäftlingen gegenüber die Tat gestanden haben. Doch diesen Zeugen habe das Gericht von Anfang an keinen Glauben geschenkt, beklagt Herrenbrück. Der erste hatte mit seiner Aussage das Verfahren gegen S. überhaupt erst in Gang gesetzt. "Ich habe die Kanaken weggesprengt", soll S. dem Mithäftling gesagt haben. Doch vor Gericht verwickelte ihn der Vorsitzende in Widersprüche und ließ ihn als Belastungszeugen fallen.

Nebenklage fürchtet "schwersten Fehler in der Geschichte der Düsseldorfer Justiz"

Ähnlich erging es Holger P., dem anderen Mithäftling, der den Angeklagten am Montag schwer belastete. S. habe sich ihm beim gemeinsamen Hofgang im Hochsicherheitstrakt der JVA Düsseldorf anvertraut und die Tat gestanden. "Die Sache sei nicht so ausgegangen, wie er gedacht hat, weil er wollte, dass alle dabei draufgehen", gab Holger P. das Gespräch wieder. Aber es sei doch ein Baby getötet worden, will P. nach eigenen Angaben erwidert haben. Das nenne man dann wohl "gelungene Euthanasie", soll S. geantwortet haben. "Er sah sich als Helden. Als einen Soldaten Deutschlands, der die Ehre dieses Landes retten muss", sagte P. als Zeuge über S.

Allerdings ist Holger P. alles andere als ein Traumzeuge. Der frühere Neonazi hatte im September 2017 in der Krefelder Innenstadt eine Frau mit einem Messer bedroht und als Geisel gehalten. Ein SEK rückte an und schoss P. ins Bein. Er leidet unter Depressionen und unternahm im Gefängnis einen Suizidversuch. Und doch stellt sich die Frage: Wie hätte sich P., der in seiner Aussage klar und strukturiert wirkte, all diese Dinge ausdenken sollen?

Die Verteidigung von Ralf S. forderte erwartungsgemäß einen Freispruch. Der Kernsatz des Plädoyers: "Er ist ein sich selbst überschätzender Dummschwätzer."

Die Nebenkläger schlossen sich indes der Forderung der Staatsanwaltschaft an. Einer der Nebenklageanwälte erhöhte mit seinem Schlusswort noch einmal den Druck auf das Gericht, das in der nächsten Woche das Urteil verkünden wird. Sollte S. nicht verurteilt werden, wäre dies der "schwerste Fehler in der Geschichte der Düsseldorfer Justiz".


Zusammengefasst: Beim Prozess zum Bombenanschlag am Düsseldorfer S-Bahnhof Wehrhahn sind die Plädoyers gehalten worden. Die Staatsanwaltschaft forderte ebenso wie die Nebenkläger lebenslange Haft für den Angeklagten Ralf S. und nutzte ihren Schlussvortrag, um das Gericht scharf zu kritisieren. Die Verteidigung beantragte, S. freizusprechen. Das Gericht wird in der kommenden Woche sein Urteil verkünden.

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