Urteil im Wehrhahn-Prozess "Der schlimmste Vorwurf, den man einem Gericht machen kann"

Der Bombenanschlag vom S-Bahnhof Wehrhahn bleibt ungesühnt: Das Landgericht Düsseldorf hat Ralf S. freigesprochen. Die Kammer nutzte die Urteilsbegründung auch zu einer Verteidigung in eigener Sache.

Von Christian Parth, Düsseldorf


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Auf seinem Facebook-Profil hat Ralf S. seine persönliche Freispruch-Feier schon vor einer Woche angekündigt. Mit Zigarre wolle er diesen Tag begehen. Ein Gehuste werde das sicher für ihn als Nichtraucher.

S. irrte sich nicht. Das Düsseldorfer Landgericht hat ihn vom Vorwurf freigesprochen, im Jahr 2000 den Bombenanschlag am S-Bahnhof Wehrhahn verübt zu haben. Kurz darauf postete Ralf S., der mit Camperhut, Jeans und Sonnenbrille erschienen war: "Jetzt heißt es Entschuldigung." Er verlange Aufklärung, auch für die "armen Verletzten".

Es ist der zynische Schlusspunkt eines Prozesses, der lange in Erinnerung bleiben dürfte. Der Vorsitzende Richter Rainer Drees sagte, es gebe erhebliche Zweifel daran, dass S. am 27. Juli 2000 per Fernsteuerung an der S-Bahnhaltestelle eine Rohrbombe zündete und eine Gruppe von überwiegend jüdischen Sprachschülern aus Osteuropa verletzte. Eine Frau verlor ihr ungeborenes Kind.

Rosen am Ort des Anschlags
DPA

Rosen am Ort des Anschlags

Die Kammer habe es sich leicht gemacht, hatte Oberstaatsanwalt Ralf Herrenbrück in seinem Plädoyer am vergangenen Donnerstag vorgetragen und lebenslange Haft gefordert. Zeugenaussagen zufolge soll Ralf S. gegen Herrenbrück einen Mordplan gefasst haben, weil er ihn für den Strippenzieher eines jüdischen Komplotts halte. Der Ankläger hatte konstatiert, das Gericht habe sich blenden lassen von S., den es nur für einen Spinner, einen Aufschneider, einen Wichtigtuer halte.

"Grobe, zynische Hasstiraden"

"Das ist der schlimmste Vorwurf, den man einem Gericht machen kann", konterte Richter Drees. "Diesen Vorwurf weisen wir entschieden zurück." Fast zwei Stunden lang begründete er die Entscheidung.

Grundsätzlich, räumte der Vorsitzende ein, komme S. durchaus als Täter in Betracht. Die Gesinnung des 52-Jährigen sei tief ausländerfeindlich. Zahlreiche Äußerungen und Mitschnitte abgehörter Telefonate würden dies mehr als deutlich machen, "grobe, zynische Hasstiraden". Im Prozess wurden Äußerungen des Angeklagten über "Kanaken" und "drogenverkaufendes Dreckspack" sowie "Schwarze, die man mit einer .357 Magnum abknallen" müsse zitiert.

Laut Gericht sprach zudem für S. als Täter, dass er zum Tatzeitpunkt in der unmittelbaren Nähe des Anschlagsorts und der Sprachschule wohnte, die die Opfer besuchten. Er kannte sich also aus. Er habe Kontakte zu Rechtsextremen gehabt. Er habe sich in Widersprüche verstrickt, weil er nicht mehr habe sagen können, ob er zum Tatzeitpunkt nun zu Hause oder doch unterwegs gewesen sei. Auch die Werbebroschüre für eine Sprengkapsel, die man bei einer Durchsuchung gefunden hatte, mache ihn verdächtig.

Eine Frau hatte nach der Explosion aus dem Fenster geschaut und eine Person mit roter Kappe auf einem Stromkasten sitzen gesehen. Diese Person war der Täter, da sind sich Ermittler und Gericht einig.

"Vier unbrauchbare Aussagen"

Auf Grundlage der Zeugenaussage wurde eine Phantomskizze erstellt und später einer Bekannten von S. vorgelegt. "Das ist ja der Ralf", rief sie laut Anklage. Wenn man das Bild aus S.' Personalausweis und die Skizze übereinanderlege, könne man sehen, dass es sich um dieselbe Person handelt, hatte Staatsanwalt Herrenbrück gesagt. Auch Richter Drees gab zu, dass es tatsächlich eine Ähnlichkeit gebe.

Oberstaatsanwalt Ralf Herrenbrück
DPA

Oberstaatsanwalt Ralf Herrenbrück

Allein: All das vermochte das Gericht nicht von der Schuld des Angeklagten zu überzeugen.

Schon allein der Mangel des Angeklagten an Selbstdisziplin und die intellektuellen Fähigkeiten des ehemaligen Zeitsoldaten und mäßig erfolgreichen Security-Fachmanns stünden dem logistischen Anspruch entgegen, den eine solche Tat erfordere. Ein Gutachter beschrieb S. als Menschen mit Imponiergehabe und narzisstischen Ausprägungen. Auch technisch sei er trotz seiner Bundeswehrzeit wohl nicht versiert genug gewesen, die Wehrhahn-Bombe zu bauen, sagte Drees.

Mehr noch: Die Aussagen der vier Hauptbelastungszeugen seien kaum glaubhaft gewesen. Sie hätten sich in Widersprüche verstrickt oder bei den Vernehmungen nach der Wiederaufnahme der Ermittlungen im Jahr 2014 Dinge hinzugefügt (lesen Sie hier eine Chronologie des Falles).

Weder seiner damaligen Freundin, die bei ihrer Aussage 18 Jahre nach der Tat plötzlich einen Teil der Bombe in der völlig zugestellten Wohnung von S. gesehen haben will, noch den beiden Mithäftlingen, denen S. die Tat gestanden haben soll, könne man wirklich Glauben schenken. "Vier unbrauchbare Aussagen können nicht zu einer brauchbaren zusammengefügt werden", resümierte Drees. Der Freispruch sei damit die logische Konsequenz.

"Der Wehrhahn-Anschlag ist ohne Beteiligung von Ralf S. nicht denkbar"

Und doch hinterlässt das Verfahren einen faden Beigeschmack. Der Vorsitzende überraschte mit einer bisweilen bemerkenswert gelassenen Prozessführung. Die teilweise beleidigenden Pöbeleien gegen den Staatsanwalt ließ er mit fast schon großväterlicher Milde durchgehen. Drees wirkte festgelegt, erweckte häufig den Eindruck, dass er weder den Angeklagten noch die Belastungszeugen wirklich ernst nahm.

Bei seinen Nachfragen wirkte er manchmal fast wie ein Verteidiger und konzentrierte sich auf die Widersprüche, statt durchaus konsistenten Aussagen dieselbe Aufmerksamkeit zu schenken, durch die S. teilweise schwer belastet wurde. Dieses Verhalten des Richters erstaunte auch erfahrene Prozessbeobachter.

So kam es zum vermutlich größten Knackpunkt des Verfahrens. Schon am 17. Mai entließ die Kammer S. aus der Untersuchungshaft, weil sie keinen dringenden Tatverdacht mehr habe erkennen können.

Für die Nebenkläger ist der Freispruch kaum weniger enttäuschend als für die Staatsanwaltschaft. "Ralf S. ist der, den alle für den Täter halten, nur das Gericht und die Verteidigung nicht", sagte Opferanwalt Michael Rellmann.

Oberstaasanwalt Herrenbrück indes will nicht aufgeben. Er bleibt bei seiner Überzeugung. "Der Wehrhahn-Anschlag ist ohne Beteiligung von Ralf S. nicht denkbar." Nach dem Urteil kündigte er Revision beim Bundesgerichthof an.


Zusammengefasst: Im Prozess zum Bombenanschlag am S-Bahnhof Düsseldorf-Wehrhahn im Jahr 2000 ist ein Urteil gefallen: Das Landgericht Düsseldorf sprach Ralf S. vom Vorwurf frei, den Sprengsatz gebaut und gezündet zu haben. Für Nebenklage und Staatsanwaltschaft ist das eine Enttäuschung. Überraschend kommt der Freispruch indes nicht. Mitte Mai hatte das Gericht S. aus der Untersuchungshaft entlassen. Der Angeklagte selbst hatte offenbar mit einem Freispruch gerechnet: Schon vor dem Urteil hatte er auf Facebook eine Feier aus diesem Anlass angekündigt.

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