Angeklagter in Wehrhahn-Prozess "Ich sitze hier wegen Wichtigtuerei."

Ralf S. soll den Sprengstoffanschlag an der S-Bahn-Station Düsseldorf-Wehrhahn verübt haben. Er bestreitet das und holt vor Gericht zu einer wortreichen Verteidigung aus. Die Anklage stützt sich auf Indizien.

Angeklagter Ralf S.
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Angeklagter Ralf S.

Von Christian Parth, Düsseldorf


Der Mann, den die Polizei fast 18 Jahre jagte, ist von kleiner Statur. Ralf S. trägt eine eckige, schwarz umrandete Brille, die Oberarme hat er mit Tattoos dekoriert. Seine angegrauten Haare sind kurz, er sieht aus wie ein Rock'n'Roller. Als der 51-Jährige in den Saal des Düsseldorfer Landgerichts gebracht wird, hält er sich einen Aktenordner vors Gesicht. Scheu allerdings, wie sich schnell herausstellt, ist er nicht.

Ralf S. soll nach Meinung der Staatsanwaltschaft am 27. Juli 2000 an der S-Bahn-Station Düsseldorf-Wehrhahn eine selbst gebastelte Bombe gezündet haben, um Menschen zu töten. Das Motiv laut Anklage: Fremdenfeindlichkeit. Der Anschlag galt demnach einer Gruppe sogenannter Kontingentflüchtlinge aus Osteuropa, die in der Nähe der Haltestelle eine Sprachschule besuchten. Einige von ihnen sind jüdischen Glaubens. Zehn der zwölf Männer und Frauen wurden schwer verletzt, einige von ihnen lebensgefährlich. Eine Frau verlor das ungeborene Baby in ihrem Bauch.

Sämtliche Opfer sind bis heute in Behandlung, weil sie mit den seelischen Folgen nicht fertig werden: Posttraumatische-Belastungsstörungen, Angstzustände, Depressionen. Zu Prozessbeginn ist keiner von ihnen erschienen. Oberstaatsanwalt Ralf Herrenbrück wirft S. versuchten Mord in zwölf Fällen und Herbeiführung eines Sprengstoffanschlags vor. "Er wollte diese Menschen aus seinem 'Revier' vertreiben", sagt er.

Fast 18 Jahre waren die Ermittler Ralf S. auf der Spur. Schon unmittelbar nach dem Attentat rückte der damalige Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma in den Fokus der Polizei. S. und seine politische Gesinnung waren im Viertel bekannt. Unweit des Tatorts hatte er einen Laden mit Büro angemietet, aus dem heraus er Militaria verkaufte und sich gleichzeitig als Sicherheitsberater und Detektiv anbot. Wenn er seinen Rottweiler Spike ausführte, lief er häufig mit Springerstiefeln, Tarnhosen und Bomberjacke durch die Straßen. Er soll enge Kontakte in die Neonazi-Szene gepflegt haben.

Er antwortet in militärischem Ton

Doch so naheliegend die Täterschaft von S. damals erschien, den Ermittlern fehlten die Beweise. Bei einer Hausdurchsuchung fanden sie zwar den Splint einer Handgranate, den S. später als Müll bezeichnete. Wichtige Zeugen schwiegen - auch deshalb, weil S. sie massiv bedroht haben soll, darunter seine damalige Lebensgefährtin und eine enge Freundin.

Erst 2014 nahm der Fall erneut Fahrt auf. S. musste wegen nicht bezahlter Rechnungen in Höhe von etwa 2000 Euro ins Gefängnis. Dort soll er einem Mithäftling von dem Attentat erzählt haben. Eilig nahm die neu gegründete Sonderkommission "Furche" die Ermittlungen wieder auf und brachte nun auch die damaligen Zeugen zum Reden. Eine seiner Ex-Freundinnen, die in dem auf 37 Tage angesetzten Prozess aussagen wird, belastet ihn schwer. Im Januar 2017 nimmt ein Spezialkommando Ralf S. fest.

S. bestreitet die Tat. Als der Vorsitzende Richter Rainer Drees ihn fragt, ob er der Täter sei, antwortet er in militärischem Ton: "Nein, negativ." Ob er denn wisse, wer dann dahinterstecke. "Selbe Antwort, nein."

Schweigen will er zur Sache dennoch nicht. Zu lange habe er sich mit den Anschuldigungen beschäftigen müssen. Sein Umfeld sei zerrüttet, seine Kinder dürfe er nicht mehr sehen. Was auch immer er beruflich versucht habe, ob Jobs als Maler, Hundepsychologe, Fahrsicherheitstrainer, Milchlieferant für Kindergärten oder Behindertenfahrdienst, immer hätten die Leute im Internet nach ihm gesucht und seien auf den Anschlag gestoßen. Das Ergebnis: "Guck mal da: Den Nazi will keiner." Jetzt, sagt er, "will ich den Scheiß endlich loswerden".

Seine Einlassungen am ersten Prozesstag klingen wirr. In seinen wortreichen und verschachtelten Darstellungen zeichnet er das Bild eines Mannes, der im Leben wenig Glück hatte. Seine Anerkennung suchte er in der Bundeswehr, wo er sich für vier Jahre verpflichtete. Nach der Dienstzeit habe er sich als Reservist in verschiedenen Lehrgängen bis zum Unteroffizier hochgedient und unter anderem zum Scharfschützen ausbilden lassen.

Ob er auch den Umgang mit Sprengstoff erlernt habe, will Richter Drees wissen. Nein, sagt S., Sprengstoff sei ihm immer viel zu gefährlich gewesen. Aber auch hier gibt es inzwischen belastende Aussagen. Laut Anklage bestätigt einer seiner ehemaligen Zugführer, dass S. aus Cola-Flaschen kleine Sprengsätze gebaut habe. Auch aus Protokollen der Telefonüberwachung geht offenbar hervor, dass S. nach dem Anschlag von Freunden auf seine Sprengstoff-Kenntnisse angesprochen wurde.

Wie reagierte denn sein Hund?

In den Vernehmungen soll sich S. in Widersprüche verwickelt haben. Während der Tat sei er zu Hause gewesen, behauptete er zunächst. Auf die Frage eines Ermittlers, wie denn sein Hund auf den Knall reagiert habe, sagte er kurze Zeit später: "Weiß ich nicht, der war doch zu Hause."

Vor Gericht verweist S. nun auf den immensen Druck in den Vernehmungen. Das sei schließlich kein "Kasperltheater" gewesen. Er habe damals generell zu viel geredet. "Ich sitze hier wegen Wichtigtuerei."

Seine drei Verteidiger lassen ihn immer weiterreden, ab und an, wenn es zu weit geht, stößt ihn einer in die Seite. S. spricht über die V-Leute des Verfassungsschutzes, die ihn nach der Tat in die Falle hätten locken wollen. Von einem soll er sogar ein Jahr lang 1200 Mark bekommen haben. Ein anderer habe ihn zu Experimenten mit Sprengstoff animieren wollen. Darauf sei er aber nicht eingegangen.

Unklar ist noch immer die Rolle des ehemaligen Skinheads André M., Spitzname "Gonzo". Der V-Mann des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes, Deckname "Apollo", arbeitete demnach im Sommer 2000 als Wachmann für S. Als er 2016 noch einmal vernommen wurde, konnte er allerdings keine Angaben zum Wehrhahn-Anschlag machen.

Obwohl sich die Anklage ausschließlich auf Indizien stützt, glaubt Nebenklage-Anwalt Michael Rellmann, dass S. am Ende verurteilt wird. "Die Staatsanwaltschaft geht natürlich ein hohes Risiko, aber ihre Ermittlungen waren sehr gründlich. So einfach, wie er vielleicht glaubt, kommt der Angeklagte da nicht raus."

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