Belgischer Missbrauchsfall: Dutroux-Komplizin kommt frei

Von Fabienne Hurst

Belgiens meistgehasste Frau darf aus dem Gefängnis. Michelle Martin, Ex-Frau und Komplizin des Sexualmörders Marc Dutroux, wird vorzeitig aus der Haft entlassen. Die 52-Jährige wird nun im Kloster leben.

Hamburg/Brüssel - Die wegen Beihilfe zum Mord verurteilte Michelle Martin kommt nach 16 Jahren Haft frei. Das Berufungsgericht in Brüssel stimmte der vorzeitigen Entlassung der Komplizin des Kindermörders Marc Dutroux zu. Damit lehnte das höchste belgische Gericht in Brüssel den Widerspruch ab, den die Familien der Dutroux-Opfer gegen einen früheren Gerichtsbeschluss eingelegt haben.

Die 52-Jährige darf ab sofort im Klarissenklosterloster in der südbelgischen Kleinstadt Malonne leben. Dort ist die Ex-Frau des Sexualmörders am späten Dienstagabend angekommen. Sie wird mit elf Ordensschwestern zusammenleben. Die Klarissinnen vom Kloster Malonne haben Ende Juli zugesagt, die Dutroux-Komplizin bei sich aufzunehmen. Sie begründen diese Entscheidung mit christlicher Nächstenliebe.

Martin war als Mittäterin ihres Ehemanns zu 30 Jahren Haft verurteilt worden, hatte davon aber bislang lediglich 16 Jahre hinter Gittern verbracht. In den neunziger Jahren hatte Dutroux sechs Mädchen entführt, missbraucht und in einem geheimen Verlies eingesperrt. Dort starben vier von ihnen. Martin, seine damalige Ehefrau, selbst Mutter von drei Kindern, trug eine Mitschuld, weil sie zwei achtjährige Mädchen verhungern ließ.

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Dutroux-Komplizin: Vom Knast ins Kloster

Nach belgischem Recht kann eine Haftstrafe nach einem Drittel der zu verbüßenden Zeit zur Bewährung ausgesetzt werden, wenn ein Resozialisierungsplan vorliegt.

Opferanwalt will in Straßburg klagen

Bei der Beratung am Berufungsgericht in Brüssel ging es nicht generell um die vorzeitige Haftentlassung der Dutroux-Komplizin. Diese hatte ein Gericht in Mons bereits Ende Juli beschlossen. Die Brüsseler Richter prüften lediglich die formale Richtigkeit des Verfahrens. Ein Antrag gegen eine Freilassung der Dutroux-Komplizin wurden von einem der Opfer sowie dem Vater eines der Mädchen eingereicht, die in dem Kellerverlies des Paares verhungerten. Den zweiten Antrag stellte der Generalstaatsanwalt von Mons, Claude Michaux.

Georges-Henri Beauthier, Anwalt der Opferfamilien, sagte bei der Verhandlung im Brüsseler Justizpalast: "Das belgische Gesetz ist verbesserungsbedürftig." Der Rechtsanwalt will nun vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg ziehen. Die Gesetzgebung Belgiens hat zwar bereits reagiert, im Fall Martin jedoch viel zu spät. Eine mögliche Gesetzesänderung, die die Bewährungsregelung in besonders schweren Fällen erst nach drei Vierteln der verbüßten Haftzeit möglich macht, kommt für die Dutroux-Opfer zu spät.

In Malonne bei Namur bewachen seit einigen Tagen Polizisten das Klostergebäude. Maxime Prévot, Bürgermeister von Namur, machte deutlich, dass er keinerlei juristische Möglichkeiten habe, die die Aufnahme im Kloster verhindern könnten. Er betonte, dass die Sicherheitskräfte nicht zum Schutz von Michelle Martin, sondern zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung gedacht seien. Auf Facebook rufen die Gegner des Gerichtsbeschlusses zu einer Demonstration am kommenden Samstagmittag in Malonne auf.

Mit Material von dpa

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