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Ehrenmord-Anschlag: Als Aylin K. um ihr Leben schrie

Von , Baden-Baden

Aylin K.s Gesicht ist furchtbar entstellt: Ihr Ex-Mann Mehmet K. zerschnitt es aus rasender Wut, mit rund 250 Stichen musste es genäht werden. Jetzt steht der 49-jährige Kurde wegen versuchten Mordes vor Gericht - und bedauert "den Vorfall".

Baden-Baden - Der größte Schnitt zieht sich vom Hals über die Schläfe bis hin zum Mund. Aylin K. versteckt ihre Augen hinter einer Sonnenbrille, die vollen, dunklen Haare verdecken rechts das abgeschnittene Ohr. Das Gesicht der jungen Türkin ist von wulstigen Narben übersät. Zwei befreundete Frauen halten je eine ihrer Hände, als sie sich einen Weg ins Landgericht Baden-Baden bahnt. Dort wird ihrem Ex-Mann Mehmet nun wegen versuchten Mordes der Prozess gemacht.

Prozess gegen Mehmet K.: Menschenrechtsgruppen protestierten für Frauenrechte
DDP

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Die 36-Jährige ist Opfer eines sogenannten Ehrenmord-Anschlages, auch wenn sich ihre Anwältin gegen diesen Begriff wehrt. "Meine Mandantin hat wie viele andere Frauen furchtbare Gewalt erfahren", sagt Brigitte Kiechle SPIEGEL ONLINE. "Nur bei Deutschen nennt man es 'Familientragödie', in anderen Kulturen 'Ehrenmord'. Dieser Fall steht aber für alle Frauen, denen Gewalt zugefügt wird."

Im Fall Aylin K. hat die Gewalt auch besonders schmerzhafte seelische Spuren hinterlassen. Jeder Blick in den Spiegel erinnert sie an den schrecklichsten Tag in ihrem Leben, den 21. November vergangenen Jahres.

Aylin K. ist an jenem Mittwoch bei der Arbeit an der Autobahnraststätte Baden-Baden. Auch ihr Ex-Mann ist dort angestellt. Offiziell darf er aber nicht an denselben Tagen wie sie dort arbeiten, weil er zu oft, zu grausam auf sie losging.

Als sich Aylin zum Essen in den Pausenraum zurückziehen will, überrascht sie ihr Ex-Mann. Laut Anklageschrift packt Mehmet K. sie an den Haaren, zerrt sie in einen winzigen Umkleideraum, verriegelt die Tür und stürzt sich mit einem Brotmesser und einem Springmesser auf die Mutter seiner drei Kinder.

Der 49-Jährige zerfetzt Aylin K. das Gesicht, durchbohrt mit einem Messer ihren Hals, schneidet ihre Nase entzwei. 26 Mal sticht er auf sie ein, manche Stiche sind zwölf Zentimeter tief. Er schneidet ihr das rechte Ohr ab, durchsticht ihre Milz, schlitzt ihr die Brustwarzen auf und verletzt sie an den Armen. Aylin schreit um ihr Leben. "Wir hörten, wie die Kassiererin schrie: 'Jetzt bringt er seine Frau um!'", sagte heute vor Gericht eine Zeugin.

Gesicht und Hals müssen mit 250 Stichen genäht werden

Eine Nacht lang kämpfen Ärzte um das Leben der jungen Türkin. Aylin K.s Überlebenschancen schätzen sie auf 30 Prozent. Allein die 18 Schnittwunden im Gesichts- und Halsbereich müssen mit 250 Stichen genäht werden.

"Er wollte sich rächen", sagt Staatsanwalt Michael Klose. Mehmet K. habe seiner Ex-Ehefrau bewusst "besondere Schmerzen und entstellende Narben zugefügt".

Die beiden Polizisten, die Aylin K. schwer verletzt sahen, und eine Raststättenangestellte, die noch heute die Schreie voller Todesangst zu hören meint, mussten psychologisch betreut werden.

Mehmet K. soll nach der Bluttat in dem Raum der Raststätte ruhig, fast gelöst gewirkt haben, berichteten Augenzeugen. Als er jedoch registriert, dass Aylin noch lebt, soll er seinen Kopf gegen die Wand geschmettert und "Nein!" gebrüllt haben. Er werde sie töten, sobald er wieder frei sei, soll er gerufen haben, als er abgeführt wurde.

Auch heute drängte sich der Verdacht auf, dass eine lange Haftstrafe nicht das Schlimmste für Mehmet K. wäre. Das Schlimmste, so scheint es, ist die Tatsache, dass seine Ex-Frau noch am Leben ist.

Sein Verteidiger sagt: Mehmet K. sei kein "Intellektueller"

Der 49-Jährige gehört zu den Tätern, deren Gesicht nicht einen Funken des Wahnsinns verrät, mit dem sie ihre grausame Tat ausführten: Mehmet K. trägt einen anthrazitfarbenen Anzug, darunter ein fliederfarbenes Hemd mit rosafarbener Krawatte. So lange er den Mund hält, wirkt er wie ein Geschäftsmann. Doch selbst sein Verteidiger, Wolfgang Vogt aus Freiburg, sagt über seinen Mandanten, man habe es "nicht mit einem Intellektuellen" zu tun.

Der angelernte Koch vermeidet den Blick zum Richter, meist tut er so, als sei er mit seinem Dolmetscher allein. Seit 30 Jahren lebt der Kurde in Deutschland, war in erster Ehe kurzzeitig mit einer Deutschen verheiratet, arbeitet seit 1993 an der Autobahnraststätte Baden-Baden als Tankwart und Kassierer. Vor Gericht spricht er kaum ein Wort Deutsch. Wie gut er es versteht, kann nicht mal sein Verteidiger ermessen.

Die Frau, deren Leben er zerstörte, kann Deutsch. Dass Aylin K. die Sprachbarriere überwand, ist nicht das einzige, was Mehmet K.s Zorn auf seine zweite Ex-Frau gelenkt haben muss. Vor Gericht verliert er sich in verwirrenden Details und wiederkehrenden Behauptungen, was für eine schlechte Mutter und Ehefrau Aylin K. gewesen sei.

Sich selbst beschreibt er als fürsorglichen Familienvater und liebenden Ehemann. "Ich bedauere den Vorfall", sagt der Kurde. "Ich bin nicht hingefahren, um sie umzubringen." Vielmehr habe er nur Papiere aus seinem Spind holen wollen. Er könne es sich nicht erklären, wie es zu der Tat gekommen sei.

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