"Ehrenmord" in der Türkei: Lebendig begraben

Von und Daniel Steinvorth

Medine M. musste sterben, weil sie mit Männern sprach. Die 16-Jährige wurde lebendig und bei vollem Bewusstsein in einem Erdloch vergraben. Menschenrechtler sprechen von einem "schaurigen Ehrenmord" und beklagen, dass die Verschärfung der türkischen Strafgesetze nicht umgesetzt wird.

Das Loch, in dem Medine M. begraben war: Die Familie soll für ihren Tod verantwortlich sein Zur Großansicht
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Das Loch, in dem Medine M. begraben war: Die Familie soll für ihren Tod verantwortlich sein

Hamburg - Medine M. muss eine sehr mutige junge Frau gewesen sein. Irgendwann im Spätsommer fasste sie den Entschluss, der ihr Leben erträglicher machen sollte. Medine ging zur Polizei und bat die Beamten um Hilfe. Ein Schritt, der überall schwerfällt. Im Fall von Medine, deren Familie in Südostanatolien lebt, wo Frauen noch immer als Untergebene des Mannes gelten, ist es so etwas wie eine Heldentat. Heldentat und Revolte in einem.

Ihr Großvater verprügele sie, weil sie mit Männern spreche, sagte Medine M. den Beamten auf dem Revier. Was genau sich danach ereignete, ist derzeit noch völlig unklar. Fest steht: Ihre Eltern und Geschwister berichteten den Nachbarn, dass Medine von einem Tag auf den anderen verschwunden sei. Dass man nicht wisse, wo sich die junge Frau aufhält.

Am 2. Dezember fand man Medines Leiche, verscharrt in einem zwei Meter tiefen Erdloch unter dem Hühnerstall der Familie, im Garten ihres Wohnhauses.

Man hatte Medine lebendig begraben.

Die Polizei hatte von einem Informanten einen Hinweis erhalten, dass Medine umgebracht worden sei. Die Täter hatten die Hände der jungen Frau zusammengebunden, sie wurde in das Loch gesetzt, dann mit Erde überschüttet. Laut dem Autopsiebericht der Gerichtsmedizin von Malatya, aus dem türkische Medien zitieren, wies ihre Leiche keine äußeren Verletzungen auf.

Die Familie war erbost - weil Medine männliche Freunde hatte

"Das Ergebnis der Autopsie ist furchteinflößend", sagte ein Rechtsmediziner laut der Zeitung "Hürriyet". "Unseren Untersuchungen zufolge wurde das Mädchen, dessen Körper keine Narben aufwies und in dessen Blut weder Betäubungsmittel noch Gift nachgewiesen werden konnte, lebendig und bei vollem Bewusstsein begraben." Die Mediziner fanden in Lunge und Magen der jungen Frau "erhebliche Mengen" Erde.

Das unvorstellbare Verbrechen sollen Vater Ayhan und der Großvater der jungen Frau begangen haben. Es gibt ein Foto von Ayhan M.s Verhaftung. Es zeigt einen schmächtigen, dunkelhaarigen Mann mit Dreitagebart, weiter Hose, weißem Hemd und Jackett, den Blick starr nach vorne gerichtet.

Der Vater von neun Kindern hat in ersten Vernehmungen laut "Hürriyet" ausgesagt, dass die Familie erbost gewesen sei, dass Medine männliche Freunde hatte. Vor Gericht machten beide Männer von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Auch Ayhan M.s Frau wurde zunächst von der Polizei festgenommen - allerdings wenig später wieder freigelassen.

Vor allem in den wirtschaftlich unterentwickelten Gebieten Anatoliens ist die Unterdrückung von Frauen weit verbreitet. Frauen gelten nicht als gleichberechtigt, Verbrechen im Namen der Ehre sind verbreitet - und weithin akzeptiert. Auch wenn die türkische Regierung in den vergangenen Jahren die Strafgesetze verschärft hat.

Selbstmord wider Willen - aber aus Liebe

Eine Uno-Studie aus dem Jahr 1996 belegt, dass damals 58 Prozent der anatolischen Frauen Erfahrungen mit häuslicher Gewalt gemacht hatten. Entweder wurden sie von ihrem Mann oder anderen Angehörigen verprügelt.

Eine von der Regierung in Auftrag gegebene Untersuchung zeigt, dass die Zahl sogenannter Ehrenmorde in der Türkei zwischen 2003 und 2007 sogar gestiegen ist. Demnach standen knapp 160 solcher Morde im Jahr 2003 231 Taten im Jahr 2007 gegenüber. Nach Regierungsangaben aus dem Jahr 2007 wurde damals durchschnittlich jeden Tag eine Frau oder ein Mädchen wegen einer "Ehrverletzung" ermordet oder zum Selbstmord gezwungen - oder aber ein Mord als Selbstmord inszeniert.

Für die türkische Frauenrechtlerin Özlem Dalkiran, die in Istanbul arbeitet, aber häufig in den Südosten reist, ist der Mord an Medine M. der "schaurigste Ehrenmord, von dem ich je gehört habe", wie sie sagt. "Es gibt Landstriche in der Türkei, da sind die Mädchen einfach nichts wert. Manchmal besitzen sie nicht einmal einen Pass und sind der vollen grausamen Willkür ihrer Familien ausgesetzt. Er ist eine 1000 Jahre alte grausame und sinnlose Tradition, die auf einem Begriff basiert, den kein Jurist klar fassen kann: die Ehre. Was heißt das schon?"

Die Regierung unternimmt Anstrengungen, um die Verbrechen zu stoppen. Die Strafgesetze wurden verschärft, und die Regelungen werden auch vermehrt angewandt. Doch scheitert ein hartes Durchgreifen immer wieder an den gesellschaftlichen Strukturen: an Polizisten und Richtern, die an ihrem mittelalterlichen Frauenbild festhalten und nicht an der Umsetzung der neuen Regelungen interessiert sind.

Derzeit ist noch unklar, was die Polizei getan hat, um Medine M. zu schützen, als sie sich Hilfe suchend an die Beamten wandte.

Die türkische Regierung hat unter anderem eine strafrechtliche Regelung abgeschafft, die es dem Angeklagten in Ehrenmord-Prozessen erlaubte, sich auf eine Provokation der Frau zu berufen. Diese Klausel ermöglichte es, dass Täter in der Vergangenheit oft mit sehr geringen Strafen davonkamen.

Auch wurde die Frage nach der Schuld so erweitert, dass inzwischen der ganze Familienrat, der eine solche Tat beschließt, zur Rechenschaft gezogen werden kann.

"Es reicht aber auch nicht, dass härter bestraft wird", sagt die Aktivistin Dalkiran. "Und es reicht auch nicht, dass Menschenrechtsorganisationen auf das Thema hinweisen. Es gibt Kampagnen, Fernsehserien und Talkshows, in denen der Ehrenmord thematisiert wird, aber nicht einmal das reicht. Was fehlt, ist Aufklärung in den Schulen. Die jungen Mädchen in der Provinz müssen wissen, an wen sie sich wenden können, wenn ihnen Gewalt angedroht wird."

Die Verschärfung der Gesetze hat zudem eine mehr als bedenkliche Folge: Seit der Reform ist die Zahl der Selbstmorde gestiegen. Nicht immer bedeutet das, dass ein Gewaltverbrechen als Suizid inszeniert wird. Vielmehr werden die jungen Frauen zur Selbsttötung gedrängt, indem man an ihr Gewissen appelliert: Sie sollten sich umbringen, um Vater, Bruder oder Großvater, die die Tat sonst ausführen würden, vor einer lebenslangen Gefängnisstrafe zu bewahren.

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