"Ehrenmord"-Prozess Fatale Familienbande

Sie liebte einen Deutschen - musste sie deshalb sterben? Im Verfahren um den gewaltsamen Tod der jungen Jesidin Arzu Ö. hat der Bruder des Opfers gestanden, seine Schwester erschossen zu haben. Dabei galt die Detmolder Familie lange Zeit als Paradebeispiel für eine gelungene Integration.

Angeklagter Osman Ö. im Landgericht Detmold: Ausgestiegen und abgedrückt
dapd

Angeklagter Osman Ö. im Landgericht Detmold: Ausgestiegen und abgedrückt

Von , Düsseldorf


Sirin trägt Schwarz. Sie hält sich eine Tüte vor das Gesicht, um unerkannt zu bleiben, man sieht in diesem Augenblick nur ihre dunklen Locken, die rote Spange, die sie bändigen, den schwarzen Mantel. Es scheint, als ginge die Angeklagte zu einer Trauerfeier.

Sirin ist das älteste Kind der Familie Ö. und der Stolz ihrer Eltern. Sie arbeitete bei der Detmolder Stadtverwaltung, im Fachbereich 3, zuständig für Bürgerservice, Ordnung, Feuerwehr und Rettungsdienst. Sirin hielt sich immer an die Regeln, auch und gerade an die der Sippe. "Sie steht nach wie vor zu ihrer Familie", sagt ihr Rechtsanwalt Carsten Ernst aus Bielefeld.

Ihre Schwester Arzu war da anders. Wenn man so will, das schwarze Schaf: freiheitsliebend und aufmüpfig, Sinn suchend und schulisch scheiternd, in Frage stellend und herausfordernd. Vor allem aber war die 18-Jährige ganz vernarrt in ihren Alex, einen Bäckergesellen, einen Deutschen.

Arzu ist tot.

"Familienehre wiederherstellen"

Vor Gericht stehen nun ihre Geschwister: Sirin, 27, Kirer, 25, und Osman Ö., 22, sind angeklagt, die junge Frau ermordet zu haben. Sie hätten mit der Tat die "vermeintlich verletzte Familienehre wiederherstellen" wollen, so der Oberstaatsanwalt, der von einer "archaischen Tradition" spricht. Demnach konnten die kurdischstämmigen Ö.s Arzus Beziehung zu Alexander nicht akzeptieren.

Arzus Brüder Kemal, 24, und Elvis Ö., 21, wiederum sollen geholfen haben, die 18-Jährige aus der Wohnung ihres Freundes zu entführen.

"Ledig, Deutsche, Beruf: Verwaltungsangestellte bei der Stadt Detmold. Ich hatte neun Geschwister, jetzt leider nur noch acht", so beginnt Sirin Ö. laut "Westfalen-Blatt" ihre Aussage vor Gericht. Eigentlich hätten sie ihrer jüngeren Schwester nur "den Kopf waschen wollen", um sie zur Vernunft zu bringen, so Sirin. Doch dann seien bei einer Rast zwei Schüsse gefallen. Sie sei aus dem Auto gestürzt, mit dem sie Arzu weggebracht hätten, und zu Osman gelaufen. Er habe etwas in der Hand gehalten, "auf dem Boden lag Arzu."

Eine Stunde später bestätigt Osman Ö., dass er seine Schwester erschossen habe. Sie hätten Arzu aus der Wohnung ihres Freundes geholt und seien mit ihr nach Norddeutschland gefahren. Sie hätten schließlich eine Pause gemacht, in einem Waldstück nahe Lübeck. Arzu und er seien ausgestiegen, sie habe ihn immer weiter provoziert, beschimpft, bespuckt, da habe er die Kontrolle verloren und abgedrückt. Demnach gab es keinen Vorsatz, die 18-Jährige zu töten.

Große Familie

Arzu Ö. stammte aus einer großen Familie. Ihre Großeltern und Eltern kamen vor etwa 25 Jahren aus einem kleinen Ort im kurdischen Teil der Türkei nach Deutschland. "Meiner Ansicht nach schienen sie ein Paradebeispiel für gelungene Integration zu sein", so der Rechtsanwalt Carsten Ernst. Sie hätten an Nachbarschaftsfesten teilgenommen und sich nicht abgekapselt.

Auch der Oberstaatsanwalt Michael Kempkes sagt: "Sie wirkten sehr gut integriert, arbeiteten, hatten eigene Häuser." Und die Bäckersfrau Kathrin Sander, in deren Laden Arzu jobbte und ihren Freund fand, weiß: "Sie waren hilfsbereit, freundlich und sind bei uns seit vielen Jahren ein- und ausgegangen."

Und doch scheint sich hinter der Fassade der Familie etwas abgespielt zu haben, wovon ihr Umfeld nichts ahnte. Die Ö.s sind Jesiden, sie gehören zu einer uralten Religionsgemeinschaft, in der man unter sich bleiben will. Eine Heirat mit einem Andersgläubigen führt zwangsläufig zum Ausschluss. Und der 23-jährige Bäckergeselle Alexander ist kein Jeside.

Vielleicht hat Arzu geahnt, worauf sie sich einlässt. Im Sommer 2011 wurde, so erinnert sich Kathrin Sander, mehr aus Zuneigung und Sympathie. Irgendwann erzählten sie in der Bäckerei von ihrer Beziehung, und bald wusste es auch die Familie. "Das Mädchen ist dann bedroht, bedrängt und auch geschlagen worden", so Oberstaatsanwalt Kempkes.

"Ich sagte ihr: 'Das könnte fatal werden, wenn Mama das mitbekommt. Dann könntest du dran sein'", so Sirin Ö. laut "Westfalen-Blatt" vor Gericht.

Flucht in ein Frauenhaus

Arzu flüchtete in ein Frauenhaus, schnitt sich die Haare ab, färbte sie blond. Eine Bekannte, der sie sich dort anvertraute, berichtete später, die 18-Jährige habe große Angst vor ihren Verwandten gehabt. Sie sei eingesperrt und verprügelt worden, man habe ihr den Kontakt zu Alexander verboten. Demnach sagte Arzu: "Wenn ich verschwinden sollte, bin ich entweder tot oder in der Türkei verheiratet worden."

Intensiv habe die Familie nach Arzu gesucht, so der Leiter der Sonderkommission in der "Lippischen Landes-Zeitung": "Frauenhäuser angeschrieben, das Umfeld befragt." Doch die 18-Jährige, die ihren Namen hatte ändern lassen und nun Emily Ostermann hieß, blieb unauffindbar. Zunächst.

Doch Anfang November 2011 tat Arzu etwas, was sie das Leben kostete. Sie besuchte ihren Freund in der Detmolder Talstraße. Es war 1.30 Uhr in der Nacht, als laut Anklage die fünf Geschwister der jungen Frau die Wohnung stürmten. Hatten sie den Bäcker beschattet? Jedenfalls drohten sie laut Anklage mit einer Waffe, brachen dem jungen Mann einen Finger und entführten die Schwester. Kirer, Osman und Sirin Ö. brausten mit dem Opfer davon, Kemal und Elvis fuhren nach Hause.

Fahrt gen Norden

Sie seien nach Hamburg gerast, zu einem Onkel, "der sehr liberal ist", gibt Sirin vor Gericht an. Doch dort angekommen, habe ihnen niemand geöffnet. Daraufhin seien sie auf die Idee gekommen, zu einem anderen Onkel nach Lübeck zu fahren. Aber unterwegs sei es eben zu der verhängnisvollen Rast gekommen.

Unter Tränen schildert Sirin, dass sie zu ihrer Schwester ein besonders enges Verhältnis gehabt und sich für sie verantwortlich gefühlt habe. Der Sinn der Reise in den Norden habe daher darin bestanden, Arzu zur Vernunft zu bringen, so die 27-Jährige, die nach eigenen Angaben auf der Fahrt immer wieder mit Angehörigen telefoniert haben will. Deren Identität indes gibt sie nicht preis.

In der Anklage des Oberstaatsanwalts Ralf Vetter ist an einer Stelle von "ehrbezogenen Motiven" die Rede. Doch Telin Tolan findet das gefährlich. "Das war keine Ehrentat", so der Vorsitzende des Zentralrats der Jesiden. "Das ist nicht unser Verständnis von Ehre, das war unehrenhaft."

Vor wenigen Tagen wäre Arzu 19 Jahre alt geworden. "Sie wollte einfach westlich leben", sagt Bäckersfrau Sander. Und: "Für Liebe kann man doch nichts."

Mit Material von dpa und dapd



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