Mord an Kurdin: Lebenslang für den Bruder von Arzu Ö.

Im Prozess um den Mord an der jungen Jesidin Arzu Ö. ist der Bruder des Opfers zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Zwei der mitangeklagten Geschwister müssen für fünfeinhalb, zwei weitere für zehn Jahre ins Gefängnis. 

Urteil im Fall Arzu Ö.: Bruder muss lebenslang ins Gefängnis Fotos
dapd

Detmold - Die Geschwister der Kurdin Arzu Ö. sind vom Landgericht Detmold wegen der Entführung und Ermordung der 18-Jährigen zu langen Haftstrafen verurteilt worden.

Die Richter verhängten am Mittwoch gegen den Todesschützen Osman lebenslange Haft wegen Mordes und Geiselnahme. Die Brüder Kemal und Elvis Ö. wurden wegen Geiselnahme beide zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten verurteilt. Sie sollen geholfen haben, Arzu aus der Wohnung ihres Freundes zu entführen. Für beide hatte die Staatsanwaltschaft ursprünglich eine Freiheitsstrafe von elf Jahren wegen Geiselnahme mit Todesfolge gefordert.

Die außerdem an der Tat beteiligten Geschwister Sirin und Kirer Ö. wurden wegen Beihilfe zum Mord und Geiselnahme zu je zehn Jahren verurteilt. Die Anklage hatte lebenslänglich für beide gefordert. Die Verteidigung hatte den Tötungsvorsatz der Geschwister bestritten und wesentlich niedrigere Strafen gefordert.

Laut Staatsanwaltschaft hatten die Angeklagten die 18-Jährige aus der Wohnung ihres deutschen Freundes in Detmold entführt, weil die jesidische Familie die Beziehung der beiden nicht tolerierte.

"Wenn die mich finden, bin ich eine tote Frau!"

Osman Ö. hatte zum Prozessauftakt ein Geständnis abgelegt. Er habe Arzu im November 2011 auf dem Weg nach Lübeck in einem Waldstück erschossen, sagte er. Arzu habe ihn "provoziert", da habe er die Kontrolle verloren und abgedrückt, so die Version des Angeklagten. "Überfordert und gestresst" sei er gewesen. Demnach gab es keinen Vorsatz, die 18-Jährige zu töten. Auf die Frage des Richters, warum er geschossen habe, wo er doch als kräftiger Mann mit seiner zierlichen Schwester auch anders hätte fertig werden können, gab Ö. keine Antwort.

Die Rechtsmediziner in dem Fall wiesen Schmauchspuren von zwei Schüssen nach. Die Schusskanäle verliefen parallel, hieß es - das heißt, der Kopf muss ruhig gewesen sein während der Täter abdrückte. Ein Gerangel und mithin spontanes Geschehen erscheint deshalb eher unwahrscheinlich. Die auf dem Parkplatz zur Tatzeit ebenfalls anwesenden Geschwister Sirin und Kirer erklärten, sie hätten nichts gesehen. "Ich bin im Auto sitzen geblieben", sagte die Frau. "Ich habe mein Geschäft woanders gemacht", so erklärte es der Bruder.

Seit durchgesickert war, dass Arzu mit dem Russlanddeutschen Alexander, einem Bäckergesellen, liiert war, hatte es Probleme gegeben. Osman Ö. gab vor Gericht zu, seine Schwester im August so schlimm geschlagen zu haben, dass sie zum Arzt musste. Am 29. August verließ die 18-Jährige ihre Familie, zeigte Osman und den Vater an, suchte Zuflucht in einem Frauenhaus in Gütersloh. Sie veränderte ihr Aussehen, schnitt sich das Haar ab und färbte es blond, legte sich den Decknamen Emily Ostermann zu.

Im Exil hielt sie Kontakt zu Menschen ihres Vertrauens - darunter der Enkelin des Bäckers, bei dem sie zeitweilig gearbeitet hatte. Hier, nur hundert Meter vom Elternhaus entfernt, lernte sie ihren zukünftigen Freund Alexander K. kennen. Zum Verhängnis wurde ihr, dass sie ihn im November in Detmold besuchte. Dort spürte die Familie die Abtrünnige auf.

Im Prozess war deutlich geworden, dass Arzu Ö. schon Wochen vor ihrer Ermordung Todesangst hatte. In einem Chat-Protokoll vom 8. September schrieb sie einer Freundin: "Pass bloß auf, mit wem du über mich redest! Wenn die mich finden, bin ich eine tote Frau!" Die 18-Jährige erklärte außerdem, ihr drohe dasselbe Schicksal wie der Protagonistin in dem Video "Ehrenmord" des Rappers Eco Fresh.

"Du bist doch eine Jesidin!"

In einer E-Mail hatte die Familie Arzu vorgeworfen, man traue sich wegen ihres Lebenswandels nicht mehr, Feste von Glaubensbrüdern zu besuchen. "Alle wissen, dass eine Tochter von Fendi Ö. abgehauen ist. Wir trauen uns nicht mehr auf Hochzeiten. Du bist doch eine Jesidin!"

Der Psychologe und Jeside Jan Kizilhan von der Universität Freiburg legte am Dienstag vor dem Landgericht Detmold ein Gutachten vor. Demnach hat Arzu aus Sicht der Familie zwei Regeln gebrochen: Sie habe sich einem Nicht-Jesiden zugewandt, was automatisch einen Ausschluss aus der Gemeinschaft zur Folge hat. Außerdem habe sie die Ehre der Familie verletzt, weil sie Sex mit einem Mann hatte, mit dem sie nicht verheiratet war.

Die Großeltern und Eltern der Ö.s kamen vor etwa 25 Jahren aus einem kleinen Ort im kurdischen Teil der Türkei nach Deutschland. In der Bundesrepublik leben etwa 60.000 Jesiden, viele von ihnen in Detmold, Bielefeld und Osnabrück. Die Familien sind patriarchalisch organisiert - der Vater steht der Familie vor, sein ältester Sohn ist sein Stellvertreter. Der Zentralrat der Jesiden in Deutschland distanzierte sich deutlich von jeglicher Gewalt: Es gebe keinen "Ehrenmord" im Jesidentum, hieß es.

Weitgehend integriert wirkte auf den ersten Blick die ebenfalls angeklagte älteste Schwester Sirin Ö., 27. Sie ist deutsche Staatsangehörige, Verwaltungsangestellte bei der Stadt Detmold, die angekündigt hat, das Arbeitsverhältnis mit Ö. so schnell wie möglich beenden zu wollen. "Ich hatte neun Geschwister, jetzt leider nur noch acht", sagte Sirin zu Prozessauftakt und sorgte sich vor allem um ihre berufliche Zukunft. Man habe der Schwester "eigentlich nur den Kopf waschen wollen".

Sirin soll die treibende Kraft bei dem Versuch gewesen sein, Arzu nach der Flucht zurück in den Schoß der Familie zu locken. Eine Freundin der Angeklagten berichtete im Prozess, dass Sirin sehr angepasst gewesen sei, aber gleichzeitig lieber ein selbständigeres Leben geführt hätte. So wie ihre Schwester Arzu. Die liegt jetzt in einem Grab im osttürkischen Midyat.

Vor dem Gerichtsgebäude hatten am Mittwoch Vertreterinnen der Menschenrechtsorganisationen Terre des Femmes und des Vereins Peri Stellung bezogen. Sie warnten davor, sogenannte Ehrenmorde mit Verweis auf andere Kulturen zu relativieren. Es dürfe keine Toleranz in Fällen von Gewalt und Willkür geben.

ala/dapd/dpa

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