Urteil im Mordfall Hatun Sürücü Gericht spricht Brüder aus Mangel an Beweisen frei

Vor mehr als zwölf Jahren entfachte der Mord an Hatun Sürücü eine Debatte um sogenannte Ehrenmorde in Deutschland. Ihre Brüder, die den Mord in Auftrag gegeben haben sollen, verlassen das Istanbuler Gericht nun in Freiheit.

ddp

Der Vorwurf lautete auf Beihilfe zur vorsätzlichen Tötung ihrer Schwester Hatun Sürücü: Im Fall der 2005 ermordeten Deutschtürkin Hatun Sürücü aus Berlin sind in der Türkei zwei ihrer Brüder in allen Anklagepunkten freigesprochen worden. Es hätten "nicht genügend eindeutige und glaubhafte, klare Beweise gefunden werden können", hieß es in der Begründung des zuständigen Gerichts in Istanbul.

Mutlu, 38, und Alpaslan Sürücü, 36, hatten sich mehr als ein Jahr lang vor dem Gericht verantworten müssen. "Bereust du deine Sünden?" soll Hatuns jüngster Bruder Ayhan gefragt haben, kurz bevor er sie am 7. Februar 2005 in der Nähe ihrer Wohnung in Berlin Tempelhof mit drei Kopfschüssen tötete. Die "Sünden" - das sollen die Lebensweise der jungen Muslima, ihr Widerstand gegen ein fremdbestimmtes Leben nach der Zwangsheirat mit einem Cousin und die familiäre Totalkontrolle gewesen sein. Schon im Vorfeld war es in der Familie zu Auseinandersetzungen und Drohungen gekommen.

Wenige Monate nach der Tat, am 14. September 2005, gestand der damals 19-jährige Ayhan Sürücü den Mord an seiner Schwester. Damals gab er zu Protokoll, den westlichen Lebensstil seiner Schwester verachtet zu haben. Mit dem Mord habe er die Ehre der Familie wiederherstellen wollen. Das Berliner Landgericht verurteilte ihn 2006 zu einer Jugendstrafe von neun Jahren und drei Monaten Haft. Nach Verbüßung der Strafe wurde der Täter in die Türkei abgeschoben (Lesen Sie hier die Chronologie des Falls).

Beim Prozessbeginn gegen die Brüder in Istanbul im Januar 2016 erschien Ayhan persönlich vor Gericht. Dort gab er an, die Tat allein begangen zu haben. Er widersprach seinen Aussagen in Deutschland und erklärte, seine Schwester nicht wegen ihres westlichen Lebensstils umgebracht zu haben. Vielmehr habe er bei einem Streit die Fassung verloren.

"Die Ehre säubern"

Die Staatsanwaltschaft hatte in ihrem Abschlussplädoyer klargemacht, dass sie dennoch davon ausgehe, dass die Brüder die Tat gemeinsam beschlossen hatten. Die beiden Älteren hätten den Jüngsten damit beauftragt, die "Ehre zu säubern". Dabei habe unter anderem der Beweggrund des "Brauchs" eine Rolle gespielt, so die Staatsanwaltschaft. Der ältere der beiden Brüder musste sich außerdem wegen illegalen Waffenbesitzes verantworten; er soll die Tatwaffe besorgt haben.

Mutlu, der eine Tatbeteiligung stets bestritten hat, besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft. In Deutschland hat er Abitur gemacht, sogar beim Bund gedient. In dem Dokumentarfilm "Verlorene Ehre - Der Irrweg der Familie Sürücü" sagt er auf die Frage, warum Hatun sterben musste: "Der Lebenswandel. Warum möchte man sich so schön anziehen? Rausgehen? Um Männer anzumachen." Zwar sei Selbstjustiz laut Koran verboten. "Unzucht aber auch." Beim Prozessauftakt bezichtigte er "die Medien" einer Verschwörung: "Ihr elenden Hunde! Durch eure Unruhestifterei sind unsere Freisprüche aufgehoben worden."

SPIEGEL TV: "Zwangsheirat und Ehrenmorde"

Hauptbelastungszeugin der Anklage war die Ex-Freundin des Täters. Sie hatte im Prozess gegen ihren Ex-Freund in Deutschland ausgesagt, dieser habe ihr vom Mitwirken der beiden Brüder erzählt. Die Frau konnte im Istanbuler Verfahren nicht noch einmal gehört werden, weil es den Behörden nicht gelang, ihren Aufenthaltsort zu ermitteln. Die Staatsanwaltschaft bezieht sich auf die Ermittlungsakten, die Berlin den türkischen Behörden übersendet hatte.

In Deutschland waren die damals mitangeklagten Brüder Alpaslan und Mutlu Sürücü zunächst aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden. Der Bundesgerichtshof hob diese Freisprüche 2007 auf. Weil die beiden Männer sich in die Türkei absetzten, konnte der Prozess nicht neu aufgerollt werden. Erst 2013 eröffnete die türkische Justiz ein eigenes Strafverfahren gegen die beiden Männer. Am 10. März 2015 hatte die Generalstaatsanwaltschaft Istanbul Anklage vor der 10. Kammer des Schwurgerichts Istanbul erhoben.

ala/dpa

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