"Ehrenmord"-Prozess in Oldenburg "Ich habe die Beute im Haus, ich behalte sie da"

Farzana A. hatte mit der Tradition der Familie gebrochen und heimlich geheiratet. Als sie ihrem Vater davon erzählte, lud dieser die Tochter und ihren Mann nach Hause ein - um beide zu töten. Das Landgericht Oldenburg verurteilte den Pakistaner nun zur Höchststrafe.

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Mahmood A.: "Es ist so lange her, ich kann mich nicht an Einzelheiten erinnern"
DPA

Mahmood A.: "Es ist so lange her, ich kann mich nicht an Einzelheiten erinnern"


Farzana A. rechnete mit ihrem Tod. Ihrem Lehrer, dessen Frau, dem Hausmeister, einer Freundin - ihnen allen vertraute die 20-Jährige an: "Mein Vater bringt uns um, das ist bei uns so." Mit "uns" meinte sie die Ahmadiyya, die muslimische Glaubensgemeinschaft, der ihre Familie angehörte. Sie fürchtete um ihr Leben und das ihres Mannes Muhammad. Die Ahmadiyya sieht sich als pazifistische Reformgemeinde, sie gilt als konservativ und streng.

Mahmood A. - klein, fast zierlich, das Haar schneeweiß - wirkt wie ein friedliebender Mann, wie er im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Oldenburg in einer Verhandlungspause seine Hände auf die Köpfe seiner Töchter legt, ihre Wangen streichelt, ihre Tränen fortwischt. Sie weinen um ihren Vater - und um ihre Schwester Farzana, die gemeinsam mit ihrem Ehemann in der elterlichen Wohnung erstochen wurde.

Die Kammer unter dem Vorsitz von Richter Sebastian Bührmann verurteilte an diesem Freitag Mahmood A. wegen zweifachen Mordes zur Höchststrafe - lebenslange Haft plus Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Der 58-jährige Pakistaner soll dem Gericht zufolge seine Tochter und deren Ehemann im Oktober 2003 getötet haben. Bei der Tat handele es sich um ein "grauenvolles Verbrechen", das Mahmood A. nicht spontan begangen, sondern im Vorfeld geplant habe, begründete Bührmann das Urteil, das ein Dolmetscher in Urdu übersetzte. Mahmood A. nahm es reglos zur Kenntnis. Angehörige im Zuschauerraum weinten.

Hätte Farzana A. ihren Vater um Erlaubnis gefragt, vielleicht würden sie und ihr Ehemann Muhammad I. dann noch leben. Die 20-Jährige wohnte in Lohne im Kreis Vechta, erst 2000 war sie mit ihrer Mutter und den vier Geschwistern zum Vater nach Deutschland gezogen, der hier seit 1985 als Bauarbeiter Geld verdiente.

Liebe statt Tradition

Im Mai 2003 gaukelte Farzana ihren Eltern vor, eine Freundin in Frankfurt am Main besuchen zu wollen. Tatsächlich flog sie nach Pakistan, heiratete dort heimlich ihren Jugendfreund. Zurück in Deutschland verheimlichte das Paar gegenüber Farzanas Familie die Heirat, nur wenige weihte es ein.

Farzana hatte Angst vor der Reaktion ihres Vaters - Todesangst. Sie war von ihrem Vater streng muslimisch erzogen worden. Zwei Schwestern von ihr sollten mit Männern verheiratet werden, die sie nicht kannten. Farzana stellte ihre Liebe zu Muhammad über diese Tradition, obwohl sie wusste, in welche Gefahr sie sich begab.

Einen Mitarbeiter der Ausländerbehörde bat sie um Vertraulichkeit, als sie nach der Hochzeit ihre Daten aktualisieren ließ. Dem Hausmeister der Anlage, in der sie wohnte, erzählte sie, der Vater dürfe nichts von der Eheschließung erfahren, "sonst tötet er uns".

Zwei Wochen vor ihrem Tod weihte sie ihren Deutschlehrer ein, der ihr seine Hilfe anbot. Farzana habe große Angst davor gehabt, was passieren würde, wenn der Vater von ihrem Geheimnis erführe. "Er bringt uns um, das ist bei uns so", an diesen Satz konnte sich die Frau des Pädagogen vor Gericht noch gut erinnern.

Am 8. Oktober 2003 wollte Farzana das Doppelleben beenden. Sie rief ihren Vater an, gestand ihm die heimliche Hochzeit. Zu ihrer Überraschung reagierte Mahmood A. anders als erwartet: Er gab sich verständnisvoll und lud die Tochter und ihren Ehemann ein, nach Goldenstedt zu kommen, wo die Familie wohnte. Zeugen sagten in der Verhandlung, die junge Frau habe nach dem Telefonat große Hoffnung gehabt, der Vater würde ihr verzeihen, ihren Partner akzeptieren.

Bereits zwei Tage später reisen Farzana und Muhammad zur Familie. Die ersten beiden Tage verlaufen friedlich, der neue Schwiegersohn sei höflich, wie ein Gast, behandelt worden, sagt Farzanas Mutter später zur Ermittlungsrichterin. Muhammad darf mit dem Vater in einem Zimmer schlafen, er wertet diesen Umstand als Vertrauensbeweis.

Farzanas Mutter gibt außerdem zu Protokoll, in der Nacht auf Sonntag, gegen 4 Uhr, habe Mahmood A. sie geweckt, sie an der Hand genommen und in das Zimmer geführt, in dem er mit Muhammad geschlafen hatte. "Schau, was ich gemacht habe!", habe er gesagt. Die Pakistanerin sieht ihre Tochter und deren Ehemann tot auf dem Boden liegen.

"Mutig, wer seine Kinder nicht tötet"

Um 7 Uhr klingelt bei einem Freund der Familie das Telefon, er solle schnell vorbeikommen. In der Wohnung wird er in das Zimmer geführt, in dem die Toten liegen. Die Tatwaffe, ein Küchenmesser, steckt noch im Körper des Schwiegersohns. "Lamba", wie Mahmood A. genannt wird, habe die beiden getötet, sagt die Ehefrau zu dem Freund. Er habe wenige Stunden vor der Tat zu ihr gesagt: "Ich habe die Beute im Haus, jetzt behalte ich sie da." Die Angehörigen weinen, der Freund ruft die Polizei.

Mahmood A. ist längst verschwunden. Er ist in seinem Heimatland abgetaucht, erst 2008 kann er dort verhaftet werden. Als strafmildernd wertete die Kammer die bereits in Pakistan verbüßte Haftzeit des Mannes von drei Jahren. Da dort "menschenunwürdige Verhältnisse" herrschten, würden neun Jahre Haft als bereits vollstreckt angerechnet. Mahmood A. ist nach Angaben der Staatsanwaltschaft der erste Tatverdächtige, der in der deutschen Justizgeschichte von Pakistan nach Deutschland ausgeliefert wurde.

Der Tathergang lässt sich nur schwer rekonstruieren: Laut Gerichtsmedizin trafen Muhammad I. zehn Stiche in den Körper, einer davon ins Auge. Das Gesicht des 32-Jährigen wies erhebliche Verletzungen auf, vermutlich von Fußtritten.

Muhammad I. stirbt vermutlich im Schlaf, laut Obduktion konnten keine Abwehrverletzungen festgestellt werden. Zudem gibt es auch keine Hinweise, die auf einen Kampf zwischen Opfer und Täter hinweisen. "Muhammad I. befand sich in einer völlig arglosen Situation", ist die Staatsanwältin überzeugt und spricht von einer "gezielten Tötung", das neue Familienmitglied habe sich in sicherer Umgebung gewähnt. Farzana starb innerhalb weniger Minuten durch einen gezielten Stich ins Herz.

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hat Mahmood A. aus verletztem Ehrgefühl aufgrund seiner religiösen Überzeugung gehandelt. "Er tötete, weil seine Tochter ohne seine Erlaubnis geheiratet hatte und er sich übergangen fühlte", sagte die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer und verwies auf die Aussage einer Schwester Farzanas bei der Vernehmung durch die Ermittlungsrichterin: Es sei Tradition, Frauen zu töten, die ohne Einwilligung heirateten. "Mutig sind die Eltern, die ihre Kinder in solchen Fällen nicht töten", habe die Frau zu Protokoll gegeben. "Hätte der Vater früher davon erfahren, wäre sie früher getötet worden."

Daher stehe die Tat auf "sittlich tiefster Stufe", sagte die Staatsanwältin. Die Art der Verletzungen - so der Stich ins Auge - sprächen für eine "sehr verabscheuungswürdige Tat".

Mahmood A. meldete sich erstmals am vorletzten Verhandlungstag zu Wort. Die Beteiligten hofften auf ein Geständnis, stattdessen sagte der 58-Jährige nur: "Es ist so lange her, ich kann mich nicht an Einzelheiten erinnern." Nach dem Plädoyer seines Verteidigers sagte er abschließend: "Das, was passiert ist, werde ich mein Leben lang bereuen."

Farzana A. habe mit ihrem Vater über den Koran und die Stellung der Frau diskutiert, sagte Richter Bührmann in der Urteilsbegründung. "Sie verstand auch das Grundrecht der Freiheit. Dazu zählt als Minimum, dass jeder selbst entscheiden kann, wen er heiraten will." Niemand anderes dürfe darüber richten.

Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland hatte zu Prozessbeginn bekanntgegeben, dass Mahmood A. aus der Gemeinde ausgeschlossen wurde.

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