Mordprozess in Hildesheim: Tödliche Familienbande

Von , Hildesheim

Abdulkader D. und Kamale O. waren ein Paar, doch beide waren verheiratet. Sie verließen ihre Partner - und kehrten doch immer wieder zu ihnen zurück. Kamales Ehemann erduldete die Schmach, bis der Nebenbuhler ihn provozierte. Mit einem Verwandten soll er den Liebhaber an einer Ampel erschossen haben.

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Angeklagter Mohammed O.: Zu viel Schmach ertragen

Nicht den Bruchteil einer Sekunde blickt Mohammed O. nach rechts. Dort, auf den Plätzen vor dem Fenster im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Hildesheim, sitzen ein Bruder und zwei Schwestern des Mannes, den Mohammed O. getötet haben soll. Die Geschwister wollen Abdulkader D.s Tod sühnen.

Mohammed O. soll den 35-jährigen Syrer an Neujahr erschossen haben - gemeinsam mit einem Komplizen. Mohammed O. ist wegen Mordes angeklagt. Bei dem Komplizen soll es sich um Walid O. handeln, den Ehemann einer der beiden Schwestern. Er ist auf der Flucht.

Der Mord am Neujahrsabend hat beide Familien zerstört, die des Täters und die des Opfers. Die Tat hat tiefe Gräben gerissen. In der Vergangenheit soll es zu Bedrohungen und Gewalttaten zwischen den verfeindeten Clans gekommen sein. "Die Sicherheitsvorkehrungen sind enorm", sagt Willi Schmitt-Roolfs, Anwalt der beiden Schwestern. "Das zeigt, man muss vorsichtig sein." Die Beteiligten stammten aus einem Kulturkreis, in dem Familienverbände immens wichtig seien.

Es war der 1. Januar 2012, der beide Familien unversöhnlich auseinanderriss. Abdulkader D. telefonierte mit seiner Schwester, verließ gegen 23.07 Uhr seine Wohnung in Sarstedt, einer Kleinstadt nahe Hildesheim, und stieg in sein Auto. Als er an einer roten Ampel anhielt, stiegen im Wagen hinter ihm zwei Männer aus. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft waren es Mohammed O. und Walid O., Ehemann und Bruder von D.s Lebensgefährtin Kamale. Sie sollen ihn zu Hause abgepasst und ihm gefolgt sein.

Über Jahre erträgt Mohammed O. die Erniedrigungen

Zeitgleich sollen sie aus ihrem Auto gestürmt sein. Walid O., bewaffnet mit einer halbautomatischen Selbstladepistole Modell M, Kaliber 9 Millimeter Makarow, soll durch das geschlossene Fenster der Beifahrertür gezielt vier Schüsse auf Abdulkader D. abgefeuert haben, drei davon trafen den 35-Jährigen im Oberkörper.

Mohammed O. soll danach die Fahrertür aufgerissen, Abdulkader D. "hasserfüllt" angebrüllt und sechsmal gezielt auf ihn geschossen haben - mit einer Selbstladepistole TOZ, Modell TT-33, Kaliber 7,62 Millimeter Tokarew. Abdulkader D. starb im Kugelhagel.

Die Täter flüchteten. Walid O. ist bis heute untergetaucht. Mohammed O. wurde zwei Wochen nach der Tat in Hildesheim verhaftet, SEK-Beamte hatten die Wohnung eines Verwandten gestürmt, in der er sich aufhielt.

In einer braunen Lederjacke sitzt Mohammed O. an diesem Mittwoch neben seinen beiden Verteidigern. Er ist 38 Jahre alt, geboren in Beirut, im Besitz der deutschen Staatsangehörigkeit, nach deutschem Recht verheiratet, er braucht keinen Dolmetscher, als Staatsanwalt Wolfgang Scholz vorträgt, welche Vorgeschichte der Mord an Abdulkader D. haben soll.

Demnach erträgt Mohammed O. über eineinhalb, zwei Jahre, dass sich seine Ehefrau Kamale von ihm abwendet und ein Verhältnis mit Abdulkader D. hat. Anfang Juli 2010 verlässt Kamale ihn und die gemeinsamen Kinder.

Eine Entscheidung, die den Zorn ihrer Brüder entfacht, davon ist die Staatsanwaltschaft überzeugt. Vor allem ihr Bruder Walid O., Oberhaupt des Clans, soll außer sich gewesen sein, als er im Urlaub im Libanon von der Entscheidung seiner Schwester erfährt. Er sei sofort nach Hildesheim zurückgereist, so Staatsanwalt Scholz, und habe sich von einem Bekannten in Berlin die Selbstladepistole besorgt - und 150 Patronen.

Der Nebenbuhler wollte Besitz anmelden - an Kamale O.

Doch Kamale O. kann und will laut Anklage nicht ohne ihre Kinder leben. Sie kehrt zurück, Mohammed O. erträgt auch das. Im September 2010 verlässt sie ihre Familie erneut, gemeinsam mit ihrem Geliebten entflieht sie nach Süddeutschland. Doch die Sehnsucht nach ihren Kindern ist groß. Kamale O. fährt zurück nach Hildesheim, die Familie nimmt sie erneut auf. Abdulkader D. dagegen wird von seiner Ehefrau abgewiesen.

Ende Dezember 2010 erliegt Kamale O. erneut ihren Gefühlen, sie bekennt sich zu Abdulkader D. und heiratet ihn sogar im Januar 2011 nach islamischem Recht. "Sie wollte ab sofort für immer mit ihm zusammenleben", konstatiert Staatsanwalt Scholz.

Doch Abdulkader D. soll Kamale geschlagen und bedroht haben, Ende April 2011 verlässt sie ihn und erzählt ihrem Ehemann Mohammed von der Misshandlung - und der heimlichen Heirat. Mohammed O. erträgt und schweigt.

Vielleicht hätte niemand von der Hochzeit erfahren, vielleicht hätten Kamale und Mohammed O. wieder zueinander gefunden.

Doch im Mai 2011 zieht Abdulkader D. nach Sarstedt, in die Nähe der Familie O. Die fühlt sich provoziert und in ihrer Familienehre gekränkt, wie es die Staatsanwaltschaft formuliert. Vor allem Mohammed O. und Walid O., Kamales Bruder, sollen die räumliche Nähe argwöhnisch beobachtet haben.

Als "besondere Provokation und Verletzung der Familienehre" werten sie nach Ansicht der Staatsanwaltschaft, dass Abdulkader D. zur Weihnachtszeit im Dezember 2011 an verschiedene Angehörige in Hildesheim Kopien der Urkunde der islamischen Heirat und Fotos verschickt, die ihn mit Kamale zeigen - als glückliches Paar.

Eine Verzweiflungstat? Abdulkader D. habe mit den Fotos "Besitzanspruch an Kamale O." dokumentieren und diesen gegenüber ihrer Familie geltend machen wollen, sagt Staatsanwalt Scholz. In der Hoffnung, diese würde sie verstoßen und somit für ihn freigeben. Er habe "ungestört" mit ihr zusammen sein wollen. Zur Wiederherstellung der Familienehre sollen Mohammed O. und Walid O. beschlossen haben, Abdulkader D. zu töten.

Als die Schwestern des Toten den Saal verlassen, fixieren sie den Angeklagten. Krampfhaft schaut Mohammed O. in die andere Richtung, würdigt sie keines Blickes. Ob die Geschwister Kontakt halten zu Walid O., der des Mordes verdächtigt wird? Rechtsanwalt Erkan Altun, der den Bruder des Opfers vertritt, sagt: "Das kann ich mir nicht vorstellen. Das Band ist zerrissen."

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