Ehrenmord-Prozess Zeugin berichtet von Schlägen und Missbrauch

Hatun Sürücü wurde wegen ihres westlichen Lebensstils von ihren Verwandten getötet, so hat ihr Bruder gestanden. Ihre Freundin Gülsah S. sagte jetzt im Prozess aus, dass Hatun sexuell missbraucht wurde - von einem der angeklagten Brüder.

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Berlin - Der Richter hat sichtlich Schwierigkeiten, die Emotionen im Gerichtssaal in den Griff zu bekommen. Gülsah S., eine langjährige Freundin der Ermordeten, berichtet völlig aufgelöst, Hatun Sürücü habe ihr erzählt, von einem der Brüder "angefasst" worden zu sein. Als sie in Tränen ausbricht, hört man jemanden auf der Anklagebank im Glaskasten auf Türkisch schimpfen. Im Saal wird es unruhig. Denn das Wort "anfassen" hat im Türkischen zwei Bedeutungen: einerseits heißt es "berühren" - andererseits, und das ist der Grund für die Unruhe, bedeutet es "sexuell missbrauchen".

Die drei Brüder der Deutsch-Türkin müssen sich wegen des gemeinschaftlichen Mordes von Hatun Sürücü vor Gericht verantworten. Laut Staatsanwaltschaft sollen sie die Tötung ihrer Schwester arrangiert haben, weil sie den Lebensstil der jungen Frau als "Kränkung der Familienehre" empfanden. Die Mutter eines mittlerweile sechsjährigen Jungen ist am 7. Februar dieses Jahres unweit ihrer Wohnung an einer Bushaltestelle in Tempelhof durch drei Kopfschüsse getötet worden.

Zum Prozessauftakt hat der 19-jährige Bruder des Opfers, Ayhan, die Schuld auf sich genommen und erklärt, die Tat allein begangen zu haben. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Mütlü, 26, die Waffe beschaffte und der 24-jährige Alpaslan in Tatortnähe Schmiere stand.

Der Lebensstil des Opfers steht heute im Mittelpunkt des Untersuchungsprozesses. Unter anderem berichten ihr Nachbar Jan, die besten Freundinnen Gülsah und Jaqueline und ihr damaliger Lebensgefährte Timur, was sie über ihre Familienbeziehungen und den Tag der Tat wissen.

Das Bild einer zerrütteten Familie kommt zum Vorschein. Der Ehemann aus der erzwungenen Ehe schlägt Hatun. Nach der Scheidung zieht sie in ein Mutter-Kind-Heim, und der Kontakt zur Familie bricht ab. Erst Jahre später bessert sich die Situation, und sie trifft einige der Familienmitglieder wieder. "Sie wollte ihre Eltern nicht besuchen, wenn Alpaslan und Mütlü da waren. Die haben sie geschlagen", erzählt Gülsah. Die beiden jungen Männer hätten ihre Schwester Hatun nicht akzeptiert.

Hatun trug, im Gegensatz zu ihren Schwestern, kein Kopftuch. Und überhaupt hat sie sich "nicht so benommen, wie man das von Deutsch-Türkinnen kennt", sagt der Nachbar aus. "Sie zog an, was sie wollte." Auch die Mutter der Freundin Jaqueline berichtet am Rande des Prozesses, sie habe Hatun wegen ihres ungewöhnlichen Auftretens "unsere durchgeknallte Türkin" genannt. Als peppige, energische und lustige Person wird sie beschrieben. "Eine von denen, die jeden Morgen aufwachen und sich aufs Leben freuen", erinnert sie sich.

"Ich habe so Angst"

In den Monaten vor dem Mord habe sich Hatuns Verhalten verändert, berichtet die Freundin Gülsah. "Ich weiß, ich werde sterben", habe Hatun gesagt - mal halb im Scherz, mal aber auch unter Tränen. Sie habe früher schon Angst vor ihren Brüdern gehabt.

Als der Richter die Zeugin fragt, welcher der Brüder Hatun "angefasst" habe, kann sie vor Schluchzen nicht sprechen. "Ich habe so Angst, verstehen Sie das denn nicht?", stößt sie schließlich gequält hervor. Alpaslan ruft von seinem Platz hinter dem Sicherheitsglas aus, sie brauche doch keine Angst zu haben: "Was soll das?" Erneut bricht Unruhe aus im Saal.

Schließlich wiederholt es die Zeugin noch einmal: "Sie hat mir erzählt, dass sie öfter von ihrem Bruder angefasst wurde." Sie scheut sich noch immer, die genaue Bedeutung des Wortes "anfassen" auszusprechen, bis sie gegen Ende des Kreuzverhörs konkreter wird: Hatun sei vor Jahren vergewaltigt worden. Deswegen habe sie eine Therapie gemacht. "Es war Alpaslan", sagt sie schließlich. Sie habe ein Kind, deswegen habe sie große Angst gehabt, das auszusagen. "Ich weiß nicht, was auf mich zukommt", begründete sie ihre Zögerlichkeit. "Wenn einer seine eigene Schwester ermordet, wer weiß, was der später noch alles macht."

Gegenüber ihrem Lebensgefährten hat Hatun den Aussagen zufolge nur Andeutungen über den sexuellen Übergriff gemacht. Ihr Freund gab vor Gericht an, Hatun habe erwähnt, dass mit einem von den Brüdern "etwas passiert" sei. Seinen Angaben nach sollte die Angelegenheit in der Familie aber geheim gehalten werden.



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