"Ehrenmord" in Dessau Das Martyrium der Rokstan M.

Sie wurde von Soldaten in Syrien vergewaltigt - und offenbar von der eigenen Familie ermordet. Die Leiche der jungen Kurdin Rokstan M. wurde in einer Gartenlaube in Dessau gefunden. Bei SPIEGEL TV berichtet ihre beste Freundin von ihrem Kampf ums Überleben.

SPIEGEL TV

Von Claas Meyer-Heuer


"Bitte Mama, schlag mich nicht, bitte Mama, schlag mich nicht." An diese Sätze ihrer besten Freundin erinnert sich Yasmeen H. noch genau. Sie saßen im Zug von Berlin nach Dessau, Rokstan M. war eingeschlafen. Im Schlaf schluchzte sie. "Bitte Mama, schlag mich nicht." Wenige Wochen später war die 20-Jährige tot. Die Polizei fand am 2. Oktober ihre Leiche in einer Laube in einer Dessauer Kleingartenkolonie: Vermutlich habe sie ein "naher Angehöriger aus kulturellen Motiven" ermordet.

Yasmeen kommt wie Rokstan aus Syrien, sie ist Araberin, Rokstan war Kurdin. Sechs Monate haben sie zusammen in einer Flüchtlings-WG in Dessau gewohnt. Kein Mensch außerhalb des Clans kennt Rokstans Martyrium besser als Yasmeen. Sie hat alles der Polizei erzählt. Jetzt ist sie untergetaucht. Sie fürchtet Rokstans Familie.

Spiegel TV trifft die junge Frau in einem Café in einer westdeutschen Großstadt, erst mal ohne Kamera. Später stellt sich heraus, dass Yasmeen am Nachbartisch eine Freundin platziert hat, die bei Gefahr die Polizei rufen soll. Das Gespräch dauert zwei Stunden. Danach ist sie zu einem Fernsehinterview bereit (zu sehen am Sonntag bei Spiegel TV-Magazin, 22.55 Uhr auf RTL).

"Du bist schmutzig. Du musst heiraten."

Auch Rokstan M. hat ein Interview gegeben, einen Monat vor ihrem Tod. Das Gespräch dauerte 20 Minuten. Marc Krüger hat es aufgezeichnet, für ein Buch über Fluchtschicksale. Es ist ein erschütterndes Tondokument.

Mit fester Stimme schildert die junge Kurdin, wie sie in Syrien von drei Soldaten verschleppt und vergewaltigt wurde. Gegen Lösegeld kam sie frei - doch es war keine freudige Heimkehr. "Du bist schmutzig. Du musst heiraten. Du musst zum Arzt gehen. Du musst Jungfrau sein", so Rokstan im Interview. Wenn die Aussage stimmt, was sich nur schwer überprüfen lässt, bedeutete ihre Vergewaltigung für die Familie vor allem eines: Schande für die Familienehre. Rokstan wurde von der Mutter und ihrem Bruder geschlagen.

"Ja, sie wurde in Syrien vergewaltigt", sagt Yasmeen. Darüber zu sprechen, sei Rokstan sehr schwer gefallen. Sie habe geweint. "Du musst nicht darüber sprechen, wenn du das nicht möchtest", habe sie zu ihr gesagt, erinnert sich Yasmeen.

Rokstans Vater lebte schon seit 2009 in Deutschland, er kam zur Behandlung einer Krebserkrankung her. Anfang 2014, nachdem Truppen des Despoten Assad Rokstans Heimatstadt Qamischli besetzt hatten, kam die Familie nach. Rokstan, ihre Mutter und die drei Brüder zogen zusammen mit dem Vater in eine Plattenbauwohnung im Dessauer Zentrum.

Blutergüsse? Nur ein Unfall auf der Treppe

Rokstan sei extrem hilfsbereit gewesen. Sie habe in nur sechs Monaten Deutsch gelernt, sagt Yasmeen. Ihr Handy habe den ganzen Tag geklingelt, weil andere Flüchtlinge sie als Übersetzerin bei Terminen bei Behörden und Ärzten dabei haben wollten. "Sie hat sich immer sofort gekümmert und ihre eigenen Sachen zurückgestellt." Ihre eigenen Sachen, das ist vor allem die Prügel, die sie zu Hause einsteckt.

Denn die Zusammenführung in Dessau beendet nicht das Familiendrama. Rokstan wird weiter misshandelt. Als sie von einem Arzt auf Blutergüsse auf ihrem Körper angesprochen wird, antwortet sie, sie sei eine Treppe heruntergefallen.

Als sie es zu Hause nicht mehr aushält, flieht sie zu Yasmeen in einen sterilen Betonklotz im Dessauer Süden. Eine Wohngemeinschaft für junge Flüchtlinge. Männer und Frauen. Ein ständiges Kommen und Gehen. Im Konflikt mit ihrer Familie ist es die nächste Eskalationsstufe. "In unserer Kultur gehört es sich nicht, dass ein junges Mädchen alleine wohnt. Es ist schwierig für ein Mädchen, alleine zu wohnen", sagt Yasmeen. Mehrfach taucht die Mutter an der Haustür der WG auf, um Rosktan nach Hause zu holen. Als die Mädchen nicht öffnen, steckt die Mutter die Finger unter der Tür durch und schluchzt lautstark.

In der WG beginnt für Rokstan ein neues Leben. Der 17 Jahre alte Yassin, ebenfalls ein syrischer Flüchtling, verliebt sich in sie. Die beiden werden ein Paar. Yassin ist ein fröhlicher Junge. Sprunghaft und übermütig, bis in die dunklen Haarspitzen verknallt. "Noch ein halbes Kind", sagt Yasmeen.

Im Juni 2015 kriselt es, Rokstan macht Schluss. Liebeskummer und verletzter Stolz treiben Yassin ausgerechnet zu Rokstans Familie. Er beichtet die Beziehung, erzählt, dass sie Sex hatten. Was die Mutter bisher nur befürchtete, ist jetzt Gewissheit. Die Familienehre ist endgültig beschmutzt.

1000 Euro, wenn du sie tötest

Was danach passiert, ist kaum zu glauben. Angeblich bietet die Mutter Yassin 1000 Euro, wenn er Rokstan tötet. So zumindest erzählt der junge Mann es später Rokstan und Yasmeen.

Belegen lässt sich der Fortgang des Dramas: Yassin und Rokstan schmieden einen Plan gegen die Mutter. Yassin ruft sie an, er sagt, er wolle über den Mord sprechen. Er aktiviert den Lautsprecher des Handys. Yasmeen und Rokstan nehmen den Dialog auf.

Mutter: Hallo.

Yassin: Hallo, Tante.

Mutter: Hallo, wie geht es Dir?

Yassin: Sag mir, was ich machen soll…

Mutter: Was ich mir überlegt habe: Sie kommt aus der Schule. Dann kommt ein Auto und fährt sie um. So als Beispiel. Mehr habe ich mir nicht überlegt.

Yassin: Aber zu Deiner Info, Tante: eine Sache hast Du außer Acht gelassen. Wenn Rokstan umgefahren wird, wird ein Rechtsmediziner geholt. Dann weißt Du, was passiert.

Mutter: Ich weiß, wie das funktioniert.

Nach dem Telefonat hat Rokstan noch etwa drei Monate zu leben. Im August wird sie im Dessauer Krankenhaus operiert. Yasmeen möchte sich dazu nicht äußern. Aus dem Umfeld ihres Ex-Freundes Yassin heißt es, sie habe eine Schwangerschaft abgebrochen. Rokstans Familie soll von dem Eingriff erfahren haben.

Es wabern viele Gerüchte durch die dunklen Treppenhäuser der Plattenbauten. Das hartnäckigste: Rokstan und Yassin sollten bei einer Familienzeremonie in der Gartenlaube heiraten und damit die vermeintliche Schande tilgen. Doch Yassin sei nicht erschienen. Glaubhaft bestätigt ist das aber nicht.

Seit dem Mord ist Rokstans Vater Hisso M. untergetaucht. Ein Ermittlungsrichter hat einen internationalen Haftbefehl erlassen. Falls Hisso M. in seine syrische Heimat geflüchtet ist, ist er vor der deutschen Justiz sicher.

Rokstans Mutter lebt noch in Dessau, jeden Tag gegen elf Uhr verlässt sie die Wohnung, um beim Discounter um die Ecke einzukaufen. Die Staatsanwaltschaft Dessau hat sie nicht im Visier, obwohl das mitgeschnittene Telefonat den Ermittlern vorliegt. "Aus ermittlungstaktischen Gründen" will sich die Staatsanwaltschaft nicht zu dem Telefonat äußern.

An einem Novembermontag versucht ein Team von Spiegel TV, die Frau auf Arabisch anzusprechen. Sie dreht sich erst weg - und schlägt dann mit der Einkaufstüte auf den Arabischdolmetscher ein.

Sehen Sie dazu am heutigen Sonntag die Sendung von Spiegel TV-Magazin, 22.55 Uhr auf RTL.

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